Nabil Ayouch

Much Loved

Soukaina (Halima Karaouane) tanzt für ihre Kunden. Foto: Arsenal Filmverleih

(Kinostart: 14.4.) Prostitution ist im muslimischen Maghreb ein Tabu – der marokkanische Regisseur Nabil Ayouch will es brechen. Dabei schlingert sein Porträt dreier Edel-Nutten in Marrakesch zwischen Schlüsselloch-Reportage und arabischer Soap Opera.

Kein Kurtisanen-Märchen aus 1001 Nacht: Der marokkanische Regisseur Nabil Ayouch beansprucht, den Alltag von Prostituierten in Marrakesch ungeschminkt zu zeigen. Er habe 200 bis 300 von ihnen interviewt, bevor er „Much Loved“ drehte, sagt Ayouch. Käuflicher Sex im muslimischen Marokko? Ein Tabu-Thema – und das soll nach dem Willen der dortigen Behörden auch so bleiben: Sie haben den Film kurzerhand verboten, weil er „eine schwere Beleidigung der moralischen Werte und der marokkanischen Frau“ darstelle.

 

Info

 

Much Loved

 

Regie: Nabil Ayouch,

104 Min., Marokko/ Frankreich 2015

mit: Loubna Abidar, Asmaa Lazrak, Halima Karaouane

 

Weitere Informationen

 

Zuvor sollen einige Szenen wütende Proteste im Land ausgelöst haben. Welche das waren, kann man sich leicht ausmalen: Anfangs schickt der Regisseur seine Protagonistinnen von einer ausschweifenden Privat-party zur nächsten. Hinter verschlossenen Türen in Luxus-Villen wird Schnaps aus allen Körperöffnungen geschlürft und Pulver vom Bauch rassiger Schönheiten geleckt; beim Vortanzen lassen sie ihre Rundungen aufreizend kreisen. Oder sie balgen sich wie junge Hunde um Banknoten, die reiche Saudi-Touristen ihnen zuwerfen.

 

Wie Schlüsselloch-Reportage bei RTL II

 

Das dekadente Treiben kostet die Kamera wollüstig aus; wie in einer sensationslüsternen Schlüsselloch-Reportage bei RTL II über „die zügellosen Sex-Spiele im Edel-Bordell“ oder so ähnlich. Aufgekratzt, genusssüchtig und geldgeil geben sich Noha (Loubna Abidar), Randa (Azmaa Lazrak) und Soukaina (Halima Karaouane) auch, wenn sie nach jeder Nachtschicht ihr dienstbarer Geist Saïd zurück in die gemeinsame Wohnung chauffiert. Alle Freier sind Schweine, die man ausnehmen muss, um sich jede Menge Koks, Hasch und Hochprozentiges zu gönnen.

Offizieller Filmtrailer


 

Marrakesch nur durch Autofenster zu sehen

 

Wenn es gut läuft, verdient jede der drei in einer Nacht 500 Euro. Da können sie es sich leisten, ihre Tage mit Popmusik, Videofilmen oder befreundeten drag queens zu vertrödeln. Was ihnen wenig Zeit für andere Sozialkontakte lässt: Soukaina hat einen lover, der sie nach langem Warten kurz rannehmen darf. Randa steht mehr auf Frauen und bändelt flüchtig mit einer an. Die ältere Noha macht Stippvisiten bei ihrer Familie und steckt ihr Geldbündel zu; was sie nicht vor deren eisiger Verachtung bewahrt.

 

Mag sein, dass Regisseur Ayouch das klandestine call girl-Milieu in Marokkos Großstädten gut trifft – aber ihr endloses Geblödel, dirty talk, ihre Männerverachtung und Träume vom Luxus-Dasein im Ausland gleichen denen von Kolleginnen weltweit. Den Schauplatz Marokko merkt man jedoch dem Film kaum an. Er verharrt in der engen Sphäre aus Aufreißer-Bars, disco dancefloors, Schlafzimmern und der Wohnküche, in der das Trio mehr oder weniger stoned herumalbert. Die Stadt Marrakesch ist allenfalls durch die Fenster ihrer Limousine zu sehen.

 

Machart arabischer soap operas

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Im Bazar der Geschlechter“ – prägnante Doku über Ehe auf Zeit + Prostitution im Iran von Subadeh Mortezai

 

und hier einen Bericht über den Film „Sexarbeiterin“ – informative Doku von Sobo Swobodnik über den Alltag einer Prostituierten

 

und hier einen Beitrag über den Film „Jahreszeit des Nashorns – Gergedan Mevsimi“ – beeindruckendes Drama mit sich prostituierenden Exil-Iranerinnen von Bahman Ghobadi.

 

In ihre Komfortzone bricht nur zwei Mal die übrige Realität herein. Einmal sprechen sie mit einem Straßenjungen, der Süßes verkauft; er gibt zu, für zehn Euro mit Männern aufs Zimmer zu gehen. Später treffen sie die dicke Hlima, die für dasselbe Taschengeld die Beine breit macht; sie floh aus ihrem Dorf, weil sie schwanger ist. Das Trio nimmt sich der Landpomeranze an; fortan sorgt sie mit rustikalen Manieren für allerlei Lacher.

 

Das erinnert mit ausgedehnten Innenaufnahmen und ausgewalzten Dialogen an die Machart arabischer soap operas. Dabei bleiben die Charaktere trotz ihrer Redseligkeit diffus und profillos: Alle drei sprechen perfekt Französisch, verfügen also über höhere Bildung – warum suchen sie sich nicht einen besseren Job? Aus welchem Grund haben sie sich für Sexarbeit entschieden; in einer Gesellschaft, die sie durch scharfe Sozialkontrolle völlig isoliert? Haben sie noch Kontakt zum früheren Umfeld oder mit ihm gebrochen – und wie ertragen sie das?

 

So oberflächlich wie Darsteller

 

Solche Fragen zu Herkunft und Zukunft ignoriert Regisseur Nabil Ayouch ebenso wie seine Figuren. Ihr gedankenloses Sichtreibenlassen durchs Hier und Jetzt mag als Momentaufnahme plausibel sein, aber für einen Film über das Phänomen Prostitution im Maghreb ist das arg wenig: Er wird dadurch genauso oberflächlich wie seine Darsteller. Ihn zu verbieten, ist absurd verklemmt und doppelmoralisch – aber dem marokkanischen Publikum entgeht nicht viel.


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