Mirlan Abdykalykov

Nomaden des Himmels

Die kleine Umsunai (Jibek Baktybekova) mit ihrem Bruder Ulan. Foto: Neue Visionen Filmverleih

(Kinostart: 14.4.) Culture Clash auf dem Dach der Welt: Ins traditionelle Dasein von Pferdezüchtern im Hochgebirge von Kirgistan sickern Vorboten der Modernisierung ein. Sein Familienporträt inszeniert Regisseur Abdykalykov vor grandioser Naturkulisse.

Kulturell ist Kirgistan hierzulande praktisch terra incognita. Der in Westeuropa bekannteste Kirgise dürfte der Schriftsteller Tschingis Aitmatow sein, der 2008 starb. In vielen Erzählungen und Romane behandelte er die Schönheit seiner Heimat im mittelasiatischen Tianshan-Gebirge, die Naturverbundenheit seiner Landsleute und die Gefahren der technischen Zivilisation. Diese Themen greift der Film „Nomaden des Himmels“ auf ganz eigene Weise auf.

 

Info

 

Nomaden des Himmels

 

Regie: Mirlan Abdykalykov,

81 Min., Kirgistan 2015;

mit: Tabyldy Aktanov, Jibek Baktybekova, Taalaikan Abazova

 

Weitere Informationen

 

In einem abgeschiedenen kirgisischen Bergtal lebt eine Nomadenfamilie nach alter Tradition autark mit ihren Pferden; sie scheint von Segen und Fluch der Außenwelt unberührt. Drei Generationen teilen sich eine Jurte: der sanfte Großvater (Tabyldy Aktanov), die pessimistische Großmutter, ihre stolze Schwiegertochter Shaiyr (Taalaikan Abazova) und deren kleine Tochter Umsunai. Ihr Vater ertrank vor Jahren im reißenden Fluss.

 

Meteorologen sind Rumtreiber

 

Doch auch dieses abgelegene Tal bleibt von Neuerungen nicht verschont. Dort baut der Meteorologe Ermek (Jenish Kangeldiev) seine Messstation auf, womit er das Familiengefüge in Bewegung bringt. Die Großmutter sieht sich in ihrer Skepsis gegenüber der modernen Welt bestätigt: „Was ist das überhaupt für ein Beruf: das Wetter messen? Der Mann ist ein Rumtreiber. Dasjenige Wetter wird kommen, das Gott uns schickt.“

Offizieller Filmtrailer


 

Bei der Familie ewige Witwe bleiben

 

In seinem Debütfilm zeigt der erst 33-jährige Regisseur Mirlan Abdykalykov die Ambivalenz von traditioneller und moderner Lebensweise, ohne zu idealisieren oder zu verteufeln. Nomadisches Leben wirkt für zivilisationsmüde Augen zwar faszinierend, aber es ist auch hart: Die Menschen leben ohne Privatsphäre auf engstem Raum zusammen. Sie verlieren nicht viele Worte, da sie ohnehin alles voneinander wissen; dafür sind Blicke und Gesten umso vielsagender.

 

Um zu überleben, sind alle aufeinander angewiesen; individuelle Entscheidungen stehen hintan. Solange Shaiyr bei ihrer Familie bleibt, scheint sie zum ewigen Witwen-Dasein verdammt zu sein. Zugleich liebt sie das freie Leben in den Bergen: Wenn sie auf ihrem Pferd durch die majestätische Natur reitet, strahlt die junge Frau beeindruckende Lebensfreude und Selbstsicherheit aus. Sie ist eins mit sich und ihrer Umgebung.

 

Regenschirm als exotisches Spielzeug

 

Die Kamera bebildert die schlichte Handlung mit großartigen Landschafts-Panoramen und sorgfältig komponierten Nahaufnahmen. Viele ruhige Einstellungen zeigen alltägliche Szenen: Stuten melken, Feuer machen, Wasser holen oder Wolle spinnen. Außerdem werden mehrmals ausführlich Legenden erzählt; all das gibt dem Film einen ethnografischen Anstrich.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Der letzte Wolf“ – Bestseller-Verfilmung aus der chinesischen Mongolei als Systemkritik im Wolfspelz von Jean-Jacques Annaud

 

und hier eine Besprechung des Films Waiting for the SeaÖko-Tragikomödie in Mittelasien von Bakhtiar Khudoijnazarov mit Detlev Buck

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über den Film „Der Dieb des Lichts – Svet-Ake“ – gelungene Tragikomödie aus Kirgisien von Aktan Arym Kubat.

 

Der Originaltitel lautet „Sutak“ und bezieht sich auf einen sagenhaften Vogel. In diesen wurde eine Frau zur Strafe von ihrer Schwiegermutter verwandelt, nachdem sie einen fremden Mann angelächelt hatte; was die kleine Umsunai nicht versteht, als ihr diese Legende erzählt wird. Das Mädchen lebt eingebettet in die Welt seiner Vorfahren und begegnet gleichzeitig dem Treibgut der Zivilisation mit kindlicher Neugier: Begeistert spielt sie mit einem Regenschirm, den ihr großer Bruder Ulan, der in der Stadt studiert, als Geschenk mitgebracht hat.

 

Nomaden-Zukunft bleibt offen

 

Mit diesem Werk tritt Regisseur Abdykalykov in die Fußstapfen seines Vaters Aktan Arym Kubat. Dessen eigenes Debüt „Beshkempir“ von 1998 war der erste Spielfilm, der in Kirgistan nach dem Ende der Sowjetunion gedreht wurde. Darin wirkte sein Sohn Mirlan ebenso als Schauspieler mit wie in „Maimil“ (2001). Arym Kubats dritter Spielfilm „Der Dieb des Lichts – Svet-Ake“ kam 2011 in die deutschen Kinos; alle drei erzählen ländliche Geschichten.

 

Von den Schauspielern in „Nomaden des Himmels“ haben nur Schwiegertochter Shaiyr und ihr Großvater Kamera-Erfahrung; alle anderen Erwachsenen kommen vom Theater. Das merkt man ihnen in manchen Szenen an, doch ihre leicht theatralische Überdeutlichkeit stört nicht weiter. Wobei Regisseur Abdykalykov wohlweislich offen lässt, ob die nomadische Lebensweise in Kirgistan eine Zukunft hat – und wenn ja, welche.


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