Giro Guerra


Der Schamane und die Schlange – Embrace of the Serpent

Verstoß gegen alte Tabus: Der junge Karamakate (Nilbio Torres) findet eine verbotene Yakruna-Zucht. Foto: © Copyright Andres Cordoba/ Verleih: MFA+ FilmDistribution e.K

(Kinostart: 21.4.) Tragische Tropen: Auf den Spuren zweier Pioniere der Amazonas-Forschung inszeniert Regisseur Ciro Guerra eine berauschende Reise ans Ende der Nacht – als brillantes Stationen-Drama mit betörend schönen Bildern in elegantem Schwarzweiß.

Die letzten weißen Flecken auf der Kino-Weltkarte sind grün: Über die riesigen Regenwald-Regionen von Amazonien, des Kongo-Beckens und der indonesischen Inseln gibt es kaum Filme. Die wenigen, die dort gedreht wurden, zeigen sie meist aus der Perspektive weißer Eindringlinge ins Herz der Finsternis: etwa „African Queen“ (1951) von John Huston oder „Apocalypse Now“ (1979) von Francis Ford Coppola.

 

Info

 

Der Schamane und die Schlange – Embrace of the Serpent

 

Regie: Ciro Guerra
,

125 Min., Kolumbien/ Venezuela/ Argentinien 2015;

mit: Nilbio Torres, Jan Bijvoet

 

Engl. Website zum Film

 

Der kolumbianische Regisseur Ciro Guerra dreht die Blickrichtung um: Sein Film betrachtet Ankunft und Vordringen von Weißen mit den Augen der Ureinwohner. „Der Schamane und die Schlange“ entstand in Kolumbiens südöstlicher Provinz Vaupès: ein unerschlossenes Dschungel-Areal, in dem zahlreiche kleine Völker leben.

 

Vom Amazonas zum Stuttgarter Museum

 

Den Oberlauf des Amazonas erforschte Anfang des 20. Jahrhunderts der deutsche Anthropologe Theo Koch-Grünberg (1872-1924). Er befuhr nie kartierte Nebenflüsse, lebte mit den Indianern, lernte ihre Sprachen und sammelte unzählige Informationen über die lokale Fauna und Flora – teilnehmende Beobachtung avant la lettre. 1915 wurde er Direktor des Stuttgarter Linden-Museums für Völkerkunde; auf seiner letzten Expedition starb er an Malaria.

Offizieller Filmtrailer


 

Vielschichtige Parabel über culture clash

 

Seinen Spuren folgte rund 30 Jahre später der US-Botaniker Richard Evans Schultes (1915-2001): Er suchte psychoaktive Pflanzen, die Einheimische für Trance-Zustände verwenden, was Koch-Grünberg beschrieben hatte. Diese beiden Wissenschafts-Pioniere zitiert Regisseur Guerra herbei: als Protagonisten seiner wunderbar vielschichtigen Parabel über einen fatalen culture clash, die ihre komplexe Konstruktion in betörend schöne Bilder kleidet.

 

In elegantem Schwarzweiß, das ihnen die Patina historischer Fotografien verleiht. Mit diesem Kunstgriff vermeidet der Film jede Naturdoku-Ästhetik: Wald und Gewässer sind abgründig dunkel, wuchernde Vegetation und Wellenspiel schimmern in allen Graustufen. Nur einmal blendet Regisseur Guerra Farben ein – als wolle er dem Publikum beweisen, dass dieser fremdartige Kosmos wirklich existiert.

 

Zwei Mal nach Yakruna suchen

 

Dessen eigentliche Hauptfigur ist der Schamane Karamakate (Nilbio Torres). Er lebt allein im Urwald; sein Volk wurde nahezu ausgerottet. Von schwerem Tropenfieber gequält, bittet Theo (Jan Bijovet) ihn um Heilung, wofür die seltene Kletterpflanze Yakruna mit halluzinogenen Wirkstoffen benötigt wird. Gemeinsam machen sie sich mit Theos Begleiter Mancusa (Yauenkü Miguee) im Einbaum auf die Suche.

 

Auch Evan (Brionne Davis) sucht Karamakate auf, um mehr über Yakruna zu erfahren. Mittlerweile sind etliche Jahre vergangen; der gealterte Schamane (Antonio Bolívar Salvador) ist desillusioniert und hat sein Geheimwissen halb vergessen. Dennoch will er dem integer auftretenden Biologen seine Hilfe nicht versagen; ihre Kanufahrt verläuft auf derselben Route wie einst mit Theo.

 

Kautschuk-Sammler fleht um Gnadenschuss

 

Die Suche nach Yakruna hat ungefähr die gleiche Funktion wie die der Romantiker nach der blauen Blume: Der Weg ist das Ziel. Virtuos verschränkt Regisseur Guerra beide Odysseen miteinander, um zu veranschaulichen, wie sehr sich selbst diese abgelegene Weltgegend in ein paar Jahrzehnten verändert hat. Dazu flicht er in sein Stationen-Drama erhellende Episoden ein, die nie aufgesetzt wirken.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Ixcanul – Träume am Fuß des Vulkans“ – Sozial-Drama unter Maya-Indios in Guatemala von Jayro Bustamante, prämiert mit Silbernem Bären 2015.

 

und hier eine Besprechung des Films A Floresta De Jonathas – Im dunklen Grün – Coming-of-Age-Drama im Regenwald Brasiliens von Sergio Andrade

 

und hier einen Bericht über den Film Amazonia – Abenteuer im Regenwald – 3D-Dokumentation über Leben im Dschungel von Thierry Ragobert.

 

und hier einen Beitrag über den Film “Der Fluss war einst ein Mensch” – beeindruckendes Psycho-Drama über eine Odyssee in Afrikas Wildnis von Jan Zabeil.

 

Etwa die Begegnung mit einem verstümmelten Kautschuk-Sammler – er erfleht von Mancuna den Gnadenschuss. Um 1900 war der Kautschukboom in Amazonien auf seinem Höhepunkt. Ausländische Kautschuk-Barone kontrollierten mit Privatarmeen ganze Provinzen; sie zwangen die Indios mit grausamsten Methoden, für sie zu arbeiten.

 

Mix des Schlimmsten aus beiden Welten

 

Eine der Sammelstellen für den Rohstoff war Chorrera. Als Theo und Karamakate den Ort aufsuchen, dient er als Kapuziner-Mission, in der Mönche indigene Waisenkinder rigoros christianisieren. Der Schamane kommt später mit Evan wieder: Die Gemeinschaft ist zu einer bizarren synkretistischen Sekte mutiert, die ein selbst ernannter Messias aus Brasilien tyrannisiert. „Irgendetwas ist fürchterlich schief gelaufen: Sie verbinden das Schlimmste aus beiden Welten“, bemerkt Karamakate.

 

Nicht nur an diesem isolierten Weiler: Diese Einsicht träufelt der Film wie schleichendes Gift in den Verlauf der Flussfahrten. Was zuweilen wie Phantasterei des magischen Realismus erscheinen mag, sind geschichtliche Tatsachen, nur leicht umarrangiert. Die beiden westlichen Pioniere hegen lautere Motive und achten das radikal andersartige Weltverständnis der Ureinwohner. Doch sie bahnen mit ihrer Forschung unweigerlich den Weg für Kräfte, die deren Lebensweise ausrotten werden; dafür prägte Claude Lévi-Strauss 1955 den Begriff „traurige Tropen“.

 

Grüne Hölle von Menschenhand

 

Eine tragische Dialektik, die kaum je zuvor in so erlesene Aufnahmen umgesetzt wurde: Jede Einstellung ist absolut stimmig, es fällt kein falsches Wort. Mit seiner formvollendeten Inszenierung macht Regisseur Guerra drastisch deutlich, welches Desaster die Auslöschung traditioneller Kulturen durch die moderne Zivilisation darstellt – für beide Seiten. Ein Film, der lange nachhallt.


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