Martin Zandvliet

Unter dem Sand – Das Versprechen der Freiheit

Die jungen deutschen Kriegsgefangenen suchen am Strand nach Minen. Foto: Koch Media

(Kinostart: 7.4.) Ein Kriegsfilm als Kammerspiel am Nordseestrand: Im Sommer 1945 mussten deutsche Gefangene die Minen an Dänemarks Westküste räumen. Das schildert Regisseur Martin Zandvliet als beeindruckenden Balanceakt zwischen Hass und Humanität.

It ain’t over `til it’s over: Im Mai 1945 ist der Zweite Weltkrieg in Westeuropa vorbei; überall schweigen die Waffen. Doch rund 2000 deutsche Kriegsgefangene in Dänemark geraten jetzt erst recht in Todesgefahr: Sie müssen Landminen entschärfen. In Erwartung einer alliierten Invasion an der dänischen Westküste hatten die NS-Besatzer dort mehr als zwei Millionen Minen vergraben – mehr als in allen anderen Länder des Kontinents zusammen. Nun sollen „die Deutschen ihren eigenen Dreck wegräumen“, wie sich Hauptmann Ebbe Jensen (Mikkel Boe Følsgard) ausdrückt.

 

Info

 

Unter dem Sand – Das Versprechen der Freiheit

 

Regie: Martin Zandvliet,

100 Min., Dänemark/ Deutschland 2015;

mit: Roland Møller, Mikkel Boe Følsgaard, Luis Hofmann

 

Website zum Film

 

Er teilt seinem Unteroffizier Carl Rasmussen (Roland Møller) 14 deutsche Soldaten zu: Sie sind Rekruten des „Volkssturms“, also des letzten Aufgebots der Wehrmacht, und zwischen 15 und 19 Jahre alt. Mit diesem ausgemergelten Trupp soll Rasmussen einen Strandabschnitt von 45.000 Minen säubern. Für die Halbwüchsigen ein Himmelfahrts-Kommando: Bereits beim behelfsmäßigen Vorbereitungs-Training fliegt einer in die Luft.

 

Aus Hunger sich an Tierfutter vergreifen

 

Nach fünf Jahren Besatzungszeit verabscheut der Feldwebel alle Deutschen: Er gibt den Schleifer, schreit die Minderjährigen bei jeder Gelegenheit an und staucht sie zusammen – aber er ist kein Sadist. Gewissenhaft bereitet er den Räumungs-Einsatz vor, um das Risiko möglichst gering zu halten, und behandelt seine Gefangenen anständig. Als sie sich aus Hunger an Tierfutter vergreifen, zweigt Rasmussen für sie Essensrationen aus der Militärkantine ab; er schützt sie auch gegen Demütigungen durch andere Militärs.

Offizieller Filmtrailer


 

Jede Bewegung kann die letzte sein

 

Zwischen ihm, der in einem Einsiedler-Bauernhof einquartiert ist, und seinen im Schuppen nebenan hausenden Jungs entsteht allmählich wortkarge Vertrautheit, fast väterliche Fürsorge. Zusammengeschweißt von ständiger Todesgefahr: Tag für Tag robben die Soldaten bei jedem Wetter über den Strand und stochern im Sand. Gefundene Minen müssen sie vorsichtig ausgraben und mit spitzen Fingern den Zünder abschrauben. Jede falsche Bewegung kann die letzte sein. Und jede Sorglosigkeit könnte ihrer aller Ziel zunichte machen: am Ende nach Hause zurückkehren zu dürfen.

 

In Filmen über den Zweiten Weltkrieg werden die Protagonisten immer jünger – aus biologischen Gründen: Die Pimpfe von damals sind heute die letzte Generation, die den Krieg noch selbst miterlebt hat. Ihn nimmt Regisseur Martin Zandvliet aus bislang ungesehener Perspektive ins Visier: Sein Kriegsfilm kommt ohne Kampfhandlungen oder Waffen und mit einem Minimum an Pyrotechnik aus. Alle Schlachten sind geschlagen, aber ihre mörderischen Folgen stecken noch im Boden.

 

Mit reduzierten Mitteln mitreißen

 

Und in den Köpfen: Wie die noch vor kurzem Unterlegenen ihrem Hass und Rachegelüsten gegen die nun Besiegten freien Lauf lassen; wie Gefreite ausbaden müssen, was ihre Generäle eingebrockt haben; wie durch gemeinsamen Alltag zaghaftes Vertrauen und Sympathie entsteht, aber jederzeit wieder in Enttäuschung und Misstrauen umschlagen kann – das zeigt der Film so dezent wie ergreifend. Ein psychologisch präzises Kammerspiel, das mit reduzierten Mitteln mitreißende Wucht entfaltet.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Francofonia“ – poetisch origineller Essayfilm über die Rettung der Kunstschätze des Louvre im Zweiten Weltkrieg von Alexander Sokurow

 

und hier eine Besprechung des Films „Zwischen Welten“ – Kriegsdrama über die Bundeswehr in Afghanistan von Feo Aladag mit Ronald Zehrfeld

 

und hier einen Bericht über den Film „Die Königin und der Leibarzt – En kongelig affære“ – Historienfilm über deutsch-dänischen Radikal-Reformer von Nikolaj Arcel mit Mikkel Boe Følsgaard, ausgezeichnet mit Silbernem Bären 2012.

 

Am ökonomischsten wirkt Roland Møller als dänischer Feldwebel: Alle Wechselfälle des Geschehens spiegeln sich kaum merklich in seinem Minenspiel. Ähnlich subtil agiert Mikkel Boe Følsgard als sein Vorgesetzter; der scheinbar korrekte Schreibtischtäter entpuppt sich als moralischer Widerpart. Im Häuflein der blutjungen Bengels schälen sich ebenso glaubhaft verschiedene Charaktere und Rollen heraus.

 

Mal Wüste, mal Ferienparadies

 

Dabei gewinnt die Kamera diesem kargen Nachkriegs-Schauplatz immer neue Ansichten ab: Mal erscheinen Dünenlandschaft und breiter Sandstrand so lebensfeindlich wie die Wüste, mal wie ein Ferienparadies des heutigen Massentourismus. Es kommt allein auf den Standpunkt an: Vom ausgelassenen Freizeit-Kick zur Detonation ist es nur ein Fehltritt weit.

 

Bei der Räumungsaktion bis Oktober 1945 sollen etwa 1000 deutsche Minensucher ums Leben gekommen sein; genaue Zahlen gibt es nicht. Sie war illegal: Die Genfer Konvention von 1929 verbietet Zwangsarbeit für Kriegsgefangene. Doch das Völkerrecht kümmert Kombattanten meist nicht: Seit dem Zweiten Weltkrieg wurden etliche Gebiete weltweit vermint.

 

Gefahr ist nicht ausgeräumt

 

Die Zahl der vergrabenen und funktionsfähigen Minen wird auf 110 Millionen geschätzt; sie sollen jährlich rund 20.000 Menschen töten. Und der Internationale Vertrag von 1997 zum Verbot der Antipersonen-Minen wird von wichtigen Hersteller-Staaten wie China, Russland und die USA bis heute boykottiert. Die Todesgefahr im Boden ist noch lange nicht ausgeräumt.


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