Bad Homburg

Darren Almond – Schatten und Licht: Fotografie und Film

Fullmoon@Rügen VI (Detail), 2015; © Darren Almond. Fotoquelle: Museum Sinclair-Haus, Bad Homburg

Die Nachtseite der Welt: Darren Almond fotografiert Landschaften im Vollmondschein. Seine Langzeit-Aufnahmen im Museum Sinclair-Haus lassen die Natur silbrig verwandelt wirken – bei Tageslicht erhalten sie zuweilen einen leicht voyeuristischen Anstrich.

Einfangen, was nie eines Menschen Auge zuvor erblickte: Was Darren Almond für seine „Fullmoon“-Reihe aufnimmt, ist normalerweise der Anschauung entzogen. Der britische Künstler fotografiert nachts mit extremer Langzeitbelichtung – vom Vollmond beschienene Landschaften erscheinen auf den Abzügen nahezu taghell.

 

Info

 

Darren Almond – Schatten und Licht: Fotografie und Film

 

06.03.2016 – 26.06.2016

dienstags 14 bis 20 Uhr,

mittwochs – freitags bis 19 Uhr, am Wochenende 10 bis 18 Uhr,

im Museum Sinclair-Haus, Löwengasse 15, Bad Homburg v. d. Höhe

 

Weitere Informationen

 

Allerdings nur fast: Das silbrige Licht des Mondes lässt Farben kühl und ausgeblichen aussehen. Zugleich sorgt die Dauer der Aufnahmen für eigentümliche Effekte: Die bewegte Wasseroberfläche von Flüssen und Meeren verwandelt sich in diffusen Schaum. Ränder von Zweigen oder Gestein scheinen unnatürlich zu gleißen. Unvermutet tauchen unerklärliche Trübungen und Nebelschwaden auf. Der Betrachter schaut auf eine seltsam sphärische, wie verzaubert wirkende Welt.

 

Subtiles Spiel der Nuancen

 

Sie ist derzeit im Museum Sinclair-Haus, das die Altana Kulturstiftung betreibt, anhand von knapp 40 großformatigen Arbeiten zu entdecken. Der Allerwelts-Titel „Schatten und Licht“ lässt nicht ahnen, wie subtil das Spiel der Nuancen auf manchen Aufnahmen verläuft. Es erinnert an ähnliche Serien des renommierten japanischen Fotografen Hiroshi Sugimoto, etwa seine seit 1980 entstandenen „Seascapes“: Bilder in allen Graustufen vom Meer weltweit.

Impressionen der Ausstellung


 

Auf den Spuren von Monet, C.D. Friedrich + Blechen

 

Im Unterschied zu Sugimoto fotografiert Darren Almond meist in Farbe; zudem ist sein motivisches Spektrum breiter. Der Brite sucht häufig Gegenden auf, die kunstgeschichtlich gleichsam vorbelastet sind. Seine Aufnahmen knüpfen an Bilder im kollektiven Gedächtnis an; etwa von Seerosen-Teichen in Claude Monets Garten in Giverny. Oder die Kreidefelsen auf Rügen, die Caspar David Friedrich ab 1800 auf der Leinwand festhielt: Sie stehen ebenso exemplarisch für die romantische Naturauffassung, die Landschaften als Spiegel des Seelenlebens begreift, wie dunkler Nadelwald in der Eifel.

 

Auch die schneebedeckten Gipfel der Alpen haben bereits als sujets für zahllose Gemälde gedient: Mit der Kamera fängt Almond zarte Farbschlieren von Gestein, Geröll und Almen unterhalb der Gletscherzungen ein. Bei seiner Bergtour 2014 folgte er der Route des Malers Carl Blechen, der 1828/9 durchs Gebirge nach Italien reiste. In Amalfi am Golf von Salerno, wo Blechen seine kontrastreichen Schlucht- und Mühlental-Motive fand, wechselt sein Nachfolger die Methode: Nun fotografiert er mit starken Filtern bei grellem Sonnenschein.

 

Delikate Kiefern, giftig schillernde Blüten

 

Die Ergebnisse zeigen aber Grenzen dieses Verfahrens auf: Sie unterscheiden sich kaum von klassischen Schwarzweiß-Panoramen, etwa von Ansel Adams. Ebenso monotone Waldsterben-Bilder in der schwerindustriell verseuchten Region um frühere Arbeitslager bei Montschegorsk auf der nordrussischen Halbinsel Kola: Dass Almond sie zu wandhohen Triptychen vergrößert, verleiht Baumstümpfen keinen visuellen Mehrwert. Zumal der Titel „Night & Fog“ wenig geschmackvoll auf Alain Resnais‘ gleichnamigen Dokumentarfilm über Auschwitz anspielt.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Elger Esser – zeitigen“ – detailreiche Landschafts-Fotografie im Stil des Piktorialismus um 1900 in der Staatlichen Kunsthalle, Karlsruhe

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Stille und bewegte Bilder“ – meditative Landschafts-Fotografie des iranischen Filmregisseurs Abbas Kiarostami im Museum Situation Kunst, Bochum

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Es war einmal in…– Fotografien von Nuri Bilge Ceylan“ mit grandiosen Panorama-Aufnahmen des türkischen Filmregisseurs im Kunsthaus, Nürnberg.

 

Zwiespältig erscheinen auch Almonds Fotografien aus Japan: Seine Ansichten von Kiefernwäldern am Berg Hiei-zan in der Dämmerung sind wunderbar delikate Studien aller Abstufungen von Dunkelgrün. Dagegen wirken seine Nachtaufnahmen der Kirschblüte wie eine optische Vergewaltigung dieses nationalen Symbols für Schönheit und Harmonie: Die Blüten schillern in giftigen Falschfarben, als wären diese Bäume so krank wie in Russland.

 

Videofilm über Schwefel-Kumpel

 

Wobei man solche Arbeiten nicht allein nach fotografischen Kriterien beurteilen sollte: Almond ist eigentlich Multimedia-Konzeptkünstler. Er war mit nur 26 Jahren als jüngster Teilnehmer auf der spektakulären „Sensations“-Ausstellung in London vertreten, die 1997 die Young British Artists als Markenzeichen im Kunstbetrieb etablierte; 2005 wurde er für den renommierten Turner Prize nominiert.

 

Die Bandbreite seines Schaffens zeigt der Film „Bearing“, den Almond am Vulkan Kawah Ijen auf der indonesischen Insel Java gedreht hat. Dessen Krater füllt ein Säuresee, an dessen Ufer auf primitive Weise Schwefel abgebaut wird: Arbeiter brechen ihn heraus und tragen den Rohstoff drei Kilometer weit auf Schulterkörben. Ihren gesundheitsschädlichen Broterwerb hat bereits der Fotojournalist James Nachtwey um das Jahr 2000 eindrucksvoll dokumentiert.

 

Grenze zur Elendspornographie

 

Dem fügt Almonds Film nur aufdringliche Detailansichten hinzu: Er montiert Mini-Kameras auf den Körben der Träger und filmt damit ihr Antlitz. Vor Mühe und Schmerz verzerrte und keuchende Gesichter füllen minutenlang die Leinwand – das grenzt an Elendspornographie. Manche Nachtseiten des Daseins bloßzulegen gleitet leicht in Voyeurismus ab.


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