Tübingen

Heide Hatry – Flowers and Faces

Heide Hatry: Jennifer. Foto: d.a.i. Tübingen

Der Mensch ist, was er isst: Heide Hatry fertigt Porträtbüsten und Blumen-Skulpturen aus Schlachtabfällen und Tier-Organen an. Ihr verführerischer Reiz hat eine extrem kurze Halbwertzeit, wie die Bildergalerie im Deutsch-Amerikanischen Institut zeigt.

„Mein idealer Lebenszweck ist Borstenvieh und Schweinespeck…“: Dieser Gassenhauer aus Johann Strauß‘ Operette „Der Zigeunerbaron“ könnte den Deutschen als heimliche Nationalhymne dienen. Sie essen im Durchschnitt rund 37 Kilo Schweinefleisch pro Kopf und Jahr, so viel wie kaum ein anderes Volk. In den USA liegt der jährliche Verzehr bei knapp 21 Kilo; im Heimatland der steaks und burgers ist Rindfleisch beliebter.

 

Info

 

Heide Hatry –
Flowers and Faces

 

20.04.2016 – 07.06.2016

dienstags – freitags

9 bis 18 Uhr, am Samstag 4.6. 10 bis 16 Uhr

im Deutsch-Amerikanischen Institut, Karlstraße 3, Tübingen

 

Katalog 3 €

 

Weitere Informationen

 

Auch wer würzige Knacker, zarte Schnitzel und feine Pasteten zu schätzen weiß, muss anerkennen: Der hiesige Verbrauch von fast drei Millionen Tonnen Schweinefleisch pro Jahr ist nur durch permanente Massaker in den Schlachthöfen zu decken. Wobei ein Drittel der Schweine-Kadaver nicht in Pfannen oder Würsten landet: Häute, Fette und Knochen und vieles mehr werden entweder industriell weiterverarbeitet oder schlicht weggeworfen.

 

Formfleisch oder Fertiggericht

 

Ungeheure Mengen tierischer Biomasse entsorgt man sehr diskret. Die fleischverarbeitende Industrie agiert unter Ausschluss der Öffentlichkeit – weil diese es so will. Noch vor zwei Generationen waren Metzger in Aktion ein vertrauter Anblick. Viele Leute, auch in Städten, hielten Kleintiere oder Geflügel und schlachteten selbst. Heute kennen die meisten Verbraucher Tiere nur als Formfleisch in der Kühltheke oder gleich als Fertiggericht.

Interview mit Heide Hatry + Impressionen der Ausstellung


 

Schweine zerlegen als performance

 

Diesen blinden Fleck der Wahrnehmung holt Heide Hatry schonungslos ans Licht. Sie nimmt das Diktum „Der Mensch ist, was er isst“ des religionskritischen Philosophen Ludwig Feuerbach (1804-1872) wörtlich – und fertigt Porträtbüsten aus Schlachtabfällen an: Für die Gesichtsflächen überzieht sie Büsten aus Ton mit Schweinehaut. Die Lippen werden aus rohem Fleisch geformt, Augen und Wimpern liefern ebenfalls Schweine. Als Haupthaar dient eine Perücke.

 

Solch delikates Modellieren fällt der deutschamerikanischen Künstlerin, die in New York lebt, nicht schwer: Sie wuchs in einem Schweinemast-Betrieb auf und lernte schon als Kind, Kadaver fachgerecht zu zerlegen – was sie zuweilen als performance einem verblüfften vernissage-Publikum vorführt. Selbst im Kunstbetrieb, der sich an alle denkbaren Werkstoffe gewöhnt hat, umflort rohes, blutiges Fleisch immer noch ein gewisser hautgout.

 

Transsubstantiation für einen Moment

 

Zumal dieses Material eine sehr kurze Halbwertzeit hat: Nach drei Tagen wird seine Fäulnis ruchbar. Deshalb fotografiert die Künstlerin ihre fertige Skulptur. Diese Aufnahme ist alles, was von ihr bleibt; die Transsubstantiation von Schwein in Mensch gelingt nur einen Moment lang.

 

Damit die Illusion etwas länger währen möge, lässt Hatry von Schriftstellerinnen für jede Figur eine Kurzbiographie verfassen. Diese Texte, die im d.a.i. Tübingen direkt neben den Porträt-Bildern hängen, fallen ganz unterschiedlich aus: von klassischer Selbstdarstellung über inneren Monolog bis zu short story-Impressionen.

 

Lateinische Namen für Tier-Teile

 

Auf jeden Fall könnten diese Aufnahmen als vanitas-Symbole kaum deutlicher sein: Ihre stoffliche Grundlage ist längst verwest. Was allerdings für jede Fotografie eines Verstorbenen gilt: Sie hält optisch seine Züge fest, die chemisch längst zerfallen sind. Ein memento mori, das Hatry zusätzlich herausstreicht, wenn sie etwa Schmeißfliegen auf dem Antlitz ablichtet.

 

Hintergrund

 

Sehen Sie hier die  „Skin Room Performance“ von Heide Hatry, Januar 2006 im Heidelberger Kunstverein

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Cindy Sherman: Works from the Olbricht Collection“Foto-Selbstporträts in unterschiedlichen Rollen im me Collectors Room/ Stiftung Olbricht, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Blicke ! Körper ! Sensationen !“ über „Ein Anatomisches Wachskabinett und die Kunst“ im Deutschen Hygiene-Museum, Dresden

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „I killed my dinner with karate“ – drastische Körper-Fotografie von Franziska Strauss in Chemnitz + Böblingen.

 

Subtiler als „Heads and Tales“ wirkt die Bilderserie „Not a Rose“. Teile verschiedenster Tiere kombiniert die Künstlerin zu bunt schillernden Artefakten, die Blüten ähneln; auf Stängeln oder in üppigem Grün drapiert, sehen sie wie exotische Blumen aus. Darauf deutet auch ihre lateinische Betitelung hin, als seien es botanische Namen. Doch sie nennt schlicht die verwendeten Zutaten: Forcipes magnae cancrorum etwa bedeutet „große Krebsscheren“.

 

Blumenblüten aus Sexualorganen

 

In Einzelteilen wäre das sofort sichtbar, doch die aufwändige Konstruktion täuscht darüber hinweg. Stattdessen wird unser Sinn für Symmetrie und Farbenspiel angesprochen – diese Gebilde erscheinen äußerst harmonisch. Die Freude an Blumen ist vermutlich universell und sehr alt: In einer Welt aus Grau-, Braun- und Grüntönen zählten Blüten wohl zu den seltenen Farbtupfern, die Urmenschen sahen – wie Vogelgezwitscher die erste Musik war, die sie hörten.

 

Dagegen wirken organische Formen umso befremdlicher, je weniger sie unserem Körperbau entsprechen: Kaum jemand mag Insekten. Doch alle natürlichen Formen durchlaufen denselben Entwicklungspfad und gehen ineinander über, wie Ernst Haeckel schon 1866 feststellte. Diesen Umstand macht sich Hatry zunutze; sie kreiert herrlich leuchtende Blumen vorzugsweise aus tierischen Geschlechtsteilen. Was biologisch passt: Kelch, Staubfäden und Stempel sind die Sexualorgane jedes Gewächses.

 

Tabubruch im besten Sinne

 

So werden diese Fotos zu Vexierbildern, die Verpöntes in verführerisch schöner Aufmachung vor Augen führen. Es hat mit echten Schnittblumen die rasche Vergänglichkeit gemeinsam; von welkem Fleisch bleibt allein die farbenfrohe Aufnahme. Dabei ist die Künstlerin keine radikale Vegetarierin. Sie moralisiert nicht, sondern richtet den Blick nur auf Übersehenes und Verdrängtes: ein Tabubruch im besten Sinne.


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