Catherine Corsini

La belle saison – Eine Sommerliebe

Delphine (Izïa Higelin, re.) und Carole (Cécile de France) nach einer gemeinsamen Nacht. Foto: Alamode Filmverleih

(Kinostart: 5.5.) Suffragette City: Im Paris der frühen 1970er Jahre verliebt sich eine Provinzlerin in eine Pariser Feministin – die Rückkehr aufs Land setzt beide einer Zerreißprobe aus. Das inszeniert Regisseurin Corsini so sensibel wie authentisch.

All das ist schon fast – oder erst – ein halbes Jahrhundert her: Um 1970 entstand überall in der westlichen Welt die Frauenbewegung. Mutige Frauen setzten sich für Gleichberechtigung ihres Geschlechts in allen Bereichen ein; sie lösten Veränderungen aus, die heute von den meisten Zeitgenossen als völlig selbstverständlich empfunden werden

 

Info

 

La belle saison –
Eine Sommerliebe

 

Regie: Catherine Corsini,

105 Min., Frankreich 2015;

mit: Cécile de France, Izïa Higelin, Noémie Lvovsky

 

Website zum Film

 

Der französische Film „La belle saison – Eine Sommerliebe“ ist eine Hommage an diese Anfänge des Feminismus und zugleich eine klassische Liebesgeschichte. Regisseurin Catherine Corsini verbindet einen Panorama-Blick auf diese Epoche voller Umbrüche mit dem Einzelschicksal einer jungen Frau vom Land. Damit gelingt ihr ein sinnlich-femininer Film, der in warmen, lichtdurchfluteten Bildern sehr persönlich und zugleich universell von Leidenschaft, Freiheit und Selbstbestimmung erzählt.

 

Heuernte bei Sonnenschein

 

Hochsommer im ländlichen Frankreich der 1970er Jahre: Die Sonne scheint auf abgemähte Felder, Staubpartikel tanzen im Gegenlicht. Fast kann man das Heu riechen, das die 23-jährige Delphine (Izïa Higelin) gemeinsam mit ihren Eltern einbringt. Dabei bewegt sich die junge Frau sicher und kraftvoll; sie erscheint völlig im Einklang mit sich und ihrer Umgebung.

Offizieller Filmtrailer


 

Aus Liebeskummer in die Hauptstadt

 

Kein Zweifel, dass Delphine die Bewirtschaftung des Hofes auch alleine im Griff hätte. Doch sie fühlt sich bedrängt: vom patriarchalisch auftretenden Vater, der sich ihm stets fügenden Mutter (Noémie Lvovsky) und vor allem von beider Erwartung, sie solle den Nachbarssohn Antoine (Kévin Azaïs) heiraten.

 

Schüchtern versteckt sie ihre zarten Gefühle zu einer Freundin aus Kindertagen, bis diese ihr von ihrer bevorstehenden Ehe erzählt. Aus Liebeskummer zieht Delphine fort nach Paris. Hier wirkt die Provinzlerin unsicher und entwurzelt; allerdings entdeckt sie auch eine neue Sphäre für sich, deren Provokationen sie faszinieren.

 

Sommerferien auf dem Bauernhof

 

Delphine lernt junge Feministinnen von der Universität kennen, die auf ihren Versammlungen lautstark gleichen Lohn für gleiche Arbeit und das Recht auf Selbstbestimmung fordern; dafür organisieren sie militante Demonstrationen. Dabei trifft sie zufällig auf Carole (Cécile de France) und verliebt sich Hals über Kopf in die extrovertierte und lebenslustige Anführerin der Gruppe. Es dauert eine Weile, bis Carole ihre Gefühle erwidert.

 

Ihr Glück währt nur kurz: Nachdem Delphines Vater einen Schlaganfall erlitten hat, kehrt sie zurück auf den elterlichen Bauernhof, um ihrer Mutter beizustehen. Nun ist Delphine wieder im vertrauten Umfeld in ihrem Element, aber ihre Geliebte fehlt ihr sehr. Das geht Carole genauso: Sie beendet die Beziehung mit ihrem Freund, folgt Delphine nach und verbringt die Sommerzeit bei ihr auf dem Bauernhof.

 

Spagat zwischen unvereinbaren Gegensätzen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Carol“ – ergreifendes lesbisches Liebesdrama in den 1950er Jahren von Todd Haynes mit Cate Blanchett

 

und hier einen Bericht über den Film“Anni Felici – Barfuß durchs Leben“ über Anfänge des Feminismus im Italien der 1970er Jahre von Daniele Luchetti mit Martina Gedeck

 

und hier einen Beitrag über den Film Sharayet – Eine Liebe in Teheran über das Coming-Out zweier Mädchen im Iran von Maryam Keshavarz.

 

Zuerst erleben beide ihre Flitterwochen wie ein einziges Idyll, doch es trübt sich allmählich ein. Delphine hat Angst, dass ihre lesbische Beziehung auffliegen könnte, und zwingt Carole zur Heimlichtuerei. Die verlangt bald von ihrer Geliebten, sich zu ihr zu bekennen – ein großes Wagnis in der stockkonservativen Provinz, wo Homosexualität verpönt ist.

 

Hier prallen zwei Welten aufeinander; das arbeitet Regisseurin Corsini ganz hervorragend heraus. Ihre lesbische Liebe zwingt die Protagonistinnen zum Spagat zwischen unüberwindbar scheinenden Gegensätzen – was für viele Situationen im Leben gilt, in denen private Wünsche unvereinbar mit sozialen Anforderungen sind. Dabei wirkt der Film keine Sekunde lang thesenhaft, sondern natürlich, glaubhaft und authentisch.

 

Emanzipation als Fremdwort

 

Souveräne Schauspielerinnen bewegen sich gelöst in einem authentisch inszenierten setting aus Bildern von großer Schönheit. Regisseurin Corsini gelingt es, die Gefühle und Überzeugungen der Figuren ebenso verständlich zu machen wie den damaligen Zeitgeist – und den Widerspruch zwischen beiden Ebenen: Die Glücksverheißung durch sexuelle Toleranz, für die die urbane Akademikerin Carole einsteht, ist auf dem Land einem Härtetest ausgesetzt. Dort wird Emanzipation noch Jahrzehnte lang ein Fremdwort bleiben.


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