Frankfurt am Main

Maniera. Pontormo, Bronzino und das Florenz der Medici

Giorgio Vasari: Die Toilette der Venus (Detail), um 1558, Staatsgalerie Stuttgart. Fotoquelle: Städel Museum

Schluss mit süßlicher Harmonie: Die Manieristen reizten extreme Figurenposen und grelle Kontraste bis zum Anschlag aus. Wichtige Vertreter dieser Post-Renaissance stellt das Städel-Museum vor – allerdings beschränkt auf Künstler der Toskana-Metropole.

Wenige kunsthistorische Stilbegriffe sind als Metaphern in die Alltagssprache eingegangen: Neben „barock“ und „impressionistisch“ zählt auch „manieriert“ dazu – obwohl die Existenz des Manierismus als eigenständiger Kunstepoche zwischen Renaissance und Barock bis heute infrage gestellt wird. Zudem besitzen deutsche Museen kaum Hauptwerke dieser Stilrichtung, die Anfang des 16. Jahrhunderts in Mittelitalien entstand und sich allmählich auf dem halben Kontinent ausbreitete.

 

Info

 

Maniera. Pontormo, Bronzino und das Florenz der Medici

 

24.02.2016 – 05.06.2016

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr, donnerstags & freitags 10 bis 21 Uhr

im Städel Museum, Schaumainkai 63, Frankfurt am Main

 

Katalog 39,90 €,
Begleitheft 7,50 €

 

Weitere Informationen

 

Umso verdienstvoller ist der Versuch des Städel, den Manierismus exemplarisch vorzustellen. Darauf ist das Frankfurter Museum bestens vorbereitet: Es hat 2014/15 in der Schau „Fantastische Welten“ über „Albrecht Altdorfer und das Expressive in der Kunst um 1500“ ähnliche Meisterwerke aus halb Europa versammelt. Anhand dieser Beispiele plädierte das Haus überzeugend dafür, von „nordeuropäischem Manierismus“ zu sprechen.

 

Tunnelblick blendet Varianten aus

 

Nun folgen rund 120 südeuropäische Gegenstücke aus einem der Entstehungszentren: Florenz. Allerdings stammen die Exponate fast nur aus der toskanischen Metropole; der Manierismus in Rom wird beiläufig betrachtet, andere Varianten bleiben völlig ausgeblendet. Diese Verengung auf die Kunstszene einer einzigen Stadt führt zu einem gewissen Tunnelblick; so werden manche Aspekte nur anhand von kleinformatigen Zeichnungen oder Entwürfen mit berücksichtigt.

Feature über die Ausstellung; © Städel Museum


 

Moderne Manier des 16. Jahrhunderts

 

Für die Beschränkung auf den florentinischen Manierismus spricht jedoch, dass hier der Begriff geprägt wurde: von Giorgio Vasari (1511-1574). Der Begründer der Kunstgeschichte sprach in seinen Künstler-Biographien von der maniera moderna – und meinte damit den Stil seiner eigenen Epoche, der die Hochrenaissance eines Leonard, Raffael oder Michelangelo vollendet habe. Ob das als Weiterentwicklung oder Verfall zu deuten sei, ist seit 200 Jahren unter den Gelehrten umstritten.

 

Worum es geht, machen schon die ersten Bilder schlagartig deutlich: Von harmonischer Komposition und Naturtreue der Renaissance kann keine Rede sein. Ab den 1510er Jahren probieren Künstler wie Jacopo Pontormo (1494-1557), Rosso Fiorentino (1494-1540) oder Agnolo Bronzino (1503-1572) völlig neue Malweisen aus – mit asymmetrischem Bildaufbau, grellen Farbkontrasten und bewusst verzerrten Gestalten.

 

Heiliger als Schlangenmensch

 

Auf einer Madonnen-Gruppe lässt Pontormo 1516/17 ein hohläugiges Christuskind den Betrachter grinsend anstarren. Kurz zuvor malt Fiorentino die gleiche Gruppe, bei der Jesus und der Johannesknabe wie balgende Rotzlümmel erscheinen. Fünf Jahre später lässt er Johannes den Täufer in kauernder Pose an einer Quelle hocken; da sieht der Heilige fast räudig und zugleich athletisch aus.

 

Pontormo zeigt hingegen den heiligen Hieronymus 1528/29 als Schlangenmenschen; er ist wie eine Schraube in sich gedreht und scheint vor einem fast abstrakten Hintergrund zu schweben. Ein Musterbeispiel für die Stilmittel, die man gemeinhin mit Manierismus verbindet: verschlankte und überlange Gliedmaßen, anatomisch kaum mögliche Körperdrehungen und schwer fassbare Positionen im Raum, der in kalten oder schreienden Farben gehalten ist. So demonstrierten die Künstler ihre Virtuosität mit eigener Handschrift – eben ihre maniera.

 

Wächsern als Inbegriff souveräner Eleganz

 

Dieses Ausreizen technischer Möglichkeiten fand aber nicht nur Beifall. Pontormo galt als Sonderling, über den Vasari ausgiebig spottete. Fiorentino ging 1523 erst nach Rom und später nach Frankreich ins Exil, weil er dort mehr Aufträge erhielt. Zum Star-Künstler stieg Agnolo Bronzino auf, weil er andere Akzente setzte: Er genoss die Gunst der Medici-Familie, die 1530 endgültig die Macht in Florenz übernahm. Als Hofmaler prägte er die öffentliche Selbstdarstellung des Fürstenhauses.

 

Sein Dreiviertel-Bildnis von Herzog Cosimo I. de´Medici in schimmernder Prunkrüstung zeigt diesen als umsichtigen Herrscher. So sah der Porträtierte sich gern: Davon fertigte Bronzino zwei Dutzend Fassungen an. Seine Gattin Eleonora de Toledo malte er als makellose Schönheit mit kostbarem Schmuck. Was damals als Inbegriff souveräner Eleganz galt, wirkt heute ziemlich leblos, fast wächsern – ebenso weitere Damen- und Kinder-Porträts von Bronzino.

 

Paragone-Streit um Rangfolge der Künste

 

Solch geziertes Auftreten kommt dem nahe, was heutzutage als manieriert bezeichnet wird. Etwa die affektierte Pose eines jungen Edelmanns, den Francesco Salviati 1546/8 malte; seine Haltung kalkulierter Lässigkeit galt als erstrebenswerte sprezzatura. Diesem Schönheitsideal fühlte sich auch Vasari verpflichtet. Zu sehen auf seinem Gemälde „Die Toilette der Venus“ von 1558: Ihren ebenmäßigen Alabasterleib umringen drei Grazien, die allerlei accessoires zur Körperpflege reichen – um ihre delikate Anmut, die grazia, hervorzuheben.

 

Aufregender als diese hochpolierten Prestige-Bilder sind historische oder mythologische Szenen, deren Schöpfer ihre eigenen Absichten verfolgen. Etwa Beiträge zur so genannten Paragone-Debatte, ob Malerei oder Bildhauerei die höchstrangige aller Künste sei. Pontormo malte 1533 nach einem Entwurf von Michelangelo „Venus und Amor“: Ineinander verschlungen, scheinen beide Figuren zu schweben – und zugleich miteinander zu ringen.

 

Bilder zum Massentod durch Belagerung

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Fantastische Welten – Albrecht Altdorfer und das Expressive in der Kunst um 1500“ über den nordeuropäischen Manierismus in der Kunst um 1500 in Frankfurt/ Main + Wien

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Das Jahrhundert Vasaris“ über „Florentiner Zeichner des Cinquecento“ in der Gemäldegalerie, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Florenz!“ – umfassende Kulturgeschichte der Toskana-Metropole in der Bundeskunsthalle, Bonn.

 

Drei Jahre zuvor bezog Bronzino mit „Pygmalion und Galathea“ noch deutlicher Position für die Malerei: Der antike Bildhauer betet seine Skulptur an – sie wird von der Liebesgöttin erst nach einem Stieropfer belebt. Das stellt der Maler mit Rauchschwaden ungemein suggestiv dar; die Skulptur wirkt dagegen lächerlich, weil er sie die Pose von Michelangelos „David“ nachäffen lässt.

 

Das beeindruckendste Motiv der Ausstellung ist zweifellos das „Martyrium der Zehntausend“ – im Städel gleich dreifach vertreten. Pontormo hatte die spätantike Legende vom Opfertod eines Heeres 1522 gezeichnet, führte sie aber erst 1530 in Öl aus; im selben Jahr übernahm sein Schüler und Freund Bronzino viele Elemente für eine eigene Version. Offenkundig spielen beide Schlachten-Gemälde auf die monatelange Belagerung von Florenz an, mit der die Medici die Stadt wieder eroberten – wobei mehr als 30.000 Einwohner umkamen.

 

Artistischer Proto-Expressionismus

 

Da spielen sich fürchterliche Szenen ab: Nackte Soldaten werden abgeführt, gefoltert und gemetzelt. Diese Welt ist ein elendes Jammertal, in dem barbarische Zustände herrschen – himmelweit entfernt von der idealisierten Hofkunst. Mögen die Kunsthistoriker weiter streiten, welche Spielart der wahre Manierismus ist; der Gegenwart steht dieser artistische Proto-Expressionismus der Extreme erheblich näher.


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