Stefan Eberlein + Manuel Fenn

Parchim International

Papier ist geduldig: So stellt sich Investor Jonathan Pang die Zukunft von Parchim als internationalen Frachtflughafen und Freihandelszone vor. Foto: © Neue Visionen Filmverleih

(Kinostart: 19.5.) Viel Fluglärm um nichts: Ein Investor aus China will einen ostdeutschen Ex-Militärflughafen ausbauen, kommt aber kaum voran. Wie die Filmemacher Eberlein und Fenn: Ihre Langzeit-Dokumentation legt eine ausfransende Bruchlandung hin.

Von vielen der 40 Flughäfen in Deutschland dürften Normal-Pauschalurlauber noch nie gehört haben: etwa von Lübeck-Blankensee, Magdeburg-Cochstedt oder Rostock-Laage. Ein ähnlicher Fall ist Schwerin-Parchim: Der einstige Wehrmachts-Flughafen wurde ab 1952 von der Roten Armee genutzt. Nach ihrem Abzug 1992 geschah nicht mehr viel. Seit 2006 fliegt die Bundeswehr von hier aus Frachtgut nach Afghanistan. Ansonsten üben allenfalls Piloten Starts und Landungen; 40 Kilometer südöstlich von Schwerin sind sie dabei ungestört.

 

Info

 

Parchim International

 

Regie: Stefan Eberlein + Manuel Fenn,

93 Min., Deutschland 2015;

mit: Jonathan Pang, Werner Knan, Karl-Heinz Bohl

 

Website zum Film

 

2007 kaufte das chinesische Unternehmen „LinkGlobal Logistics Co. Ltd“ aus Beijing – Firmen-Slogan: We Link, You Globalize! – den Flughafen für 30 Millionen Euro; drei Jahre später wurde ihr mehr als ein Drittel des Kaufpreises erlassen. Eigentümer Jonathan Pang hat ehrgeizige Pläne: Er will Schwerin-Parchim zum internationalen Luftfracht-Drehkreuz ausbauen und ringsherum eine Freihandelszone einrichten. Sie soll als Einfallstor für Geschäftsleute und Touristen aus China dienen: Hier könnten jährlich Millionen Passagiere landen und im strukturschwachen Mecklenburg-Vorpommern Geld ausgeben.

 

Flughafen-Feuerwehr mäht Rasen

 

Doch bislang ist „Parchim International“ ein Tor zur weiten Welt, durch das niemand geht. Im provisorischen, windschiefen Tower schlägt ein einsamer Fluglotse die Zeit tot. In der Abfertigungshalle kassieren Angestellte die Gebühren für Übungsflüge: rund zehn Euro. Die Flughafen-Feuerwehr beschäftigt sich damit, den Rasen zu mähen und Buschwerk zu stutzen.

Offizieller Filmtrailer


 

Alles festhalten, was sich bewegt

 

Warum das so ist, kann und will die Dokumentation von Stefan Eberlein und Manuel Fenn nicht klären. Die beiden Filmemacher suchen keine Antworten; das allerdings ausdauernd. Sieben Jahre lang haben sie Investor Pang, seinen deutschen Berater Werner Knan mit dynamischer Donald-Trump-Frisur und etliche Parchimer beobachtet. Doch ihr Film ist so informativ wie Werbebroschüren und spannend wie Meditationsübungen.

 

Was teilweise am Schauplatz liegt: Ein undankbareres Motiv als ein Flugplatz, auf dem nichts passiert, ist kaum vorstellbar. Also hält die Kamera buchstäblich alles fest, was sich bewegt: etwa kreisende Möwen und Hasen, die übers Rollfeld hoppeln. Gerne mehrfach in Echtzeit, damit Stillstand und bleierne Ödnis richtig schön lähmend wirken.

 

Den Investor einfach laufen lassen

 

Meist begleitet das Regie-Duo aber den agilen Investor, selbst nach Beijing. Der gedrungene, joviale und nicht unsympathische Pang schwärmt pausenlos in passablem Englisch von den phänomenalen Chancen, die Parchim biete. Wie er sie verwirklichen will, verrät er nicht; Eberlein und Fenn haken auch nicht nach. Stattdessen lassen sie es laufen: den Freizeit-jogger Pang bei seinen morgendlichen Runden, langatmige Verhandlungen von Berater Knan mit Behördenvertretern oder promotion-Termine, um andere Wirtschaftsbosse für das Projekt zu begeistern.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Ein Hologramm für den König“ – sarkastisches Globalisierungs-Sittengemälde von Tom Tykwer mit Tom Hanks

 

und hier eine Besprechung des Films „Goldrausch – Die Geschichte der Treuhand“ – informative Doku über die Abwicklung der DDR-Wirtschaft von Prod. Thomas Kufus

 

und hier einen Bericht über den Film „Versicherungsvertreter“ – amüsante Doku über Aufstieg + Fall des selfmade man Mehmet Göker von Klaus Stern.

 

Dagegen ignoriert der Film alle Aspekte, die jedem Sparkassen-Azubi sofort einfallen würden: Wie sieht der business-Plan aus? Gibt es eine Bedarfsanalyse für Luftfracht aus China nach Europa? Wie hoch ist der Kapitalbedarf – und wer die potentiellen Geldgeber? Falls Pang darüber nicht reden will, könnte man externe Experten um ihre Einschätzung bitten. Die Filmemacher begnügen sich jedoch mit Aufnahmen von Kampfmittel-Beseitigung und Rollfeld-Ausbesserung – eher nachrangig bei einem Bauvorhaben in dreistelliger Millionenhöhe.

 

Parchim-Wolken als Einschlafhilfe

 

Je länger man diesem ausfransenden Bilderbogen zusieht, desto mehr rätselt man, was den beiden Regisseure vorgeschwebt haben mag: eine Groteske zur Globalisierung, die über die ostdeutsche Provinz hereinbricht? Eine gallige Satire auf Machbarkeitswahn im Turbokapitalismus? Eine Sozialstudie über den culture clash zwischen asiatischen Neureichen und europäischen Bürohengsten? Das Porträt eines chinesischen Gschaftlhubers aus armem Elternhaus und seines lokalen Ausputzers? Oder haben die Macher einfach losgelegt und gedreht, bis die Festplatten voll waren?

 

Zum Eindruck unentschiedener Wurstigkeit trägt auch die ungelenke Untertitelung bei: Sie verwechselt schon mal den Flughafen im arabischen Emirat Sharjah mit dem bitterarmen Sahel-Staat Tschad. Alles staubige Luftschlösser wie der BER-Flughafen Berlin-Brandenburg, dürften sich Eberlein und Fenn sagen; lieber lichten sie geduldig die Wolken über Parchim ab. Für solche Bilder gibt es nächtliche slow TV-Sendeplätze mit Zugfahrten durch Deutschland oder Fischen im Aquarium. Dafür eignet sich „Parchim International“ bestens: als Einschlafhilfe.


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