Jeremy Irons

Die Poesie des Unendlichen

Mathematik-Genie Srinavasa Ramanujan (Dev Patel) fremdelt mit dem elitären Trinity College in Cambridge. Foto: Wildbunch Germany GmbH

(Kinostart: 12.5.) Das Mathe-Genie, das aus den Tropen kam: Ab 1913 stellte der Inder Srinivasa Ramanujan in Cambridge die akademische Welt auf den Kopf. Regisseur Matthew Brown will seine Lebensleistung würdigen, türmt aber leider viele Klischees aufeinander.

Zurzeit haben verschrobene Rechenkünstler im Kino Hochkonjunktur: 2014 wurde der schwerstbehinderte Physiker Stephen Hawking porträtiert – für diese Rolle erhielt Eddie Redmayne einen Oscar. 2015 zeigte “The Imitation Game“, wie der britische Mathematiker Alan Turing im Zweiten Weltkrieg den Funkcode der Nazis knackte und die Informatik begründete. Vor zwei Wochen erst porträtierte „Bauernopfer – Spiel der Könige“ das exzentrische US-Schachgenie Bobby Fischer.

 

Info

 

Die Poesie des Unendlichen

 

Regie: Matthew Brown,

108 Min., Großbritannien/ Indien 2015;

mit: Dev Patel, Jeremy Irons, Toby Jones

 

Weitere Informationen

 

In der gleichen champions league spielte auch der Inder Srinivasa Ramanujan (1887-1920). Doch im Gegensatz zu seinen Genie-Kollegen ist er bis heute recht unbekannt geblieben; zumindest in der westlichen Welt. Dabei bietet sich die Lebensgeschichte des Autodidakten aus ärmlichen Verhältnissen, der sich in wenigen Jahren einen Platz im Mathematiker-Olymp sicherte, für die Leinwand geradezu an.

 

Job als Hafen-Buchhalter in Madras

 

Umso bedauerlicher ist die Mittelmäßigkeit des biopic, das nun ins Kino kommt. Der Film beginnt im Jahre 1913 in Indien: Der 25-jährige Srinavasa Ramanujan (Dev Patel) verdient seinen kargen Lebensunterhalt als einfacher Buchhalter im Hafenamt von Madras. In seiner Freizeit entwickelt das Mathe-Naturtalent, das nie eine Universität besucht hat, revolutionäre Gleichungen.

Offizieller Filmtrailer


 

Intuition ohne irgendwelche Beweise

 

In seinem Umfeld stößt er jedoch eher auf Ablehnung als auf Unterstützung. Also schreibt Ramanujan in seiner Verzweiflung an den britischen Mathematiker Godfrey Harold Hardy (Jeremy Irons). Der Professor am Trinity College in Cambridge ist von der Brillanz der Formeln des Inders so überrascht, dass er zunächst an eine Fälschung glaubt – er traut einem Mann ohne formale Ausbildung solche Glanzleistungen nicht zu.

 

Schließlich holt er Ramanujan – der niemals Beweise für seine intuitiv gefundenen Formeln liefert –  zur gemeinsamen Arbeit nach Cambridge. Dort versucht er, dem Inder die streng systematische Vorgehensweise beizubringen, ohne die seinen spektakulären Erkenntnissen die Anerkennung in der akademischen Welt versagt bliebe. Nur Hardys Freund Littlewood (Toby Jones) ist ebenfalls von Ramanujans Genie überzeugt.

 

Schlechte englische Kost schürt Heimweh

 

Neben der ausländerfeindlichen Atmosphäre am Trinity College kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs setzen dem Vegetarier auch das schlechte englische Essen und das kühle Klima zu. Der Inder vermisst außerdem seine Heimat und seine Ehefrau Janaki. Gerade zu dem Zeitpunkt, als er in Großbritannien seine ersten Durchbrüche erlebt, erkrankt Ramanujan ernstlich.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Bauernopfer – Spiel der Könige“ über die Schach-WM 1972 zwischen Bobby Fischer + Boris Spasski von Edward Zwick

 

und hier einen Bericht über den Film „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ – Biopic über das Physik- Genie Stephen Hawking von James Marsh

 

und hier einen Beitrag über den Film „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“ – Biopic über das Informatik-Genie Alan Turing im Zweiten Weltkrieg von Morten Tyldum mit Benedict Cumberbatch.

 

Die Vita des indischen nobody, der in Cambridge die wissenschaftliche Welt in Aufruhr versetzte, wirkt fast zu unglaublich, um wahr zu sein. So inszeniert Regisseur Matthew Brown sein biopic wie ein modernes Märchen. Dabei konzentriert er sich leider zu sehr auf den sozialen Aufstieg von Ramanujan, dessen Vater als Kontorist in einem Sari-Geschäft arbeitete, anstatt auf seine spektakulären geistigen Leistungen.

 

Ethno-Kitsch anstelle geistiger Brillanz

 

Auf die Sympathien eines Massenpublikums schielt auch die Besetzung der Hauptrolle mit Dev Patel: Der britische Schauspieler indischer Abstammung wurde 2008 mit „Slumdog Millionär“ von Danny Boyle, einer ähnlichen Aufsteiger-story, international bekannt. Zu allem Überfluss betont Regisseur mit allerlei sonnendurchfluteten Ethno-Kitsch-Bildern in satt-bunten Farben die exotische Herkunft des Inders, anstatt Bilder für dessen geistige Originalität und Brillanz zu suchen – was natürlich schwieriger wäre.

 

Ramanujans exotisches flair wird recht holzschnittartig mit der atmosphärischen und emotionalen Kühle Großbritanniens kontrastiert. Auch bei den übrigen Figuren herrschen solche Schemata vor;  zumindest Jeremy Irons in der Rolle seines Mentors agiert überzeugend. Die Dialoge und Auseinandersetzungen zwischen den beiden ganz unterschiedlichen Charakteren bilden das Zentrum des Films.

 

Sie machen dieses biopic halbwegs interessant – was aber eher am dramatischen Potential des Themas als an der konkreten Umsetzung liegt. Der Werdegang seines außergewöhnlichen Helden ist zu interessant, als dass es Regisseur Brown gelänge, ihn komplett unter Klischees zu begraben.


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