Omer Fast

Remainder

Tom (Tom Sturrigde) hat einen Entwurf seines Hauses gebaut. Foto: © Piffl Medien

(Kinostart: 12.5.) Verwirrspiel ohne Grenzen: Ein Amnesie-Opfer versucht, seine Vergangenheit originalgetreu zu re-inszenieren. Atemberaubend raffinierter Identitäts-Psychothriller von Videokünstler Omer Fast – er schlingt ein verführerisches Möbiusband.

Ein ausgefeiltes Wortspiel steckt schon im Titel: „Remainder“ ist ein Überbleibsel, ein Übriggebliebener wie die Hauptfigur. Das klingt phonetisch fast wie „Reminder“ – die inflationär verschickte Erinnerungs-Mitteilung des email-Zeitalters. Nur ein Buchstabe unterscheidet beide Begriffe, doch sie fassen in nuce den gesamten Film zusammen. Ein Überlebender sucht nach seinen Erinnerungen – a remainder is looking for reminders.

 

Info

 

Remainder

 

Regie: Omer Fast,

97 Min., Großbritannien/ Deutschland 2015;

mit: Tom Sturridge, Cush Jumbo, Arsher Ali, Ed Speelers

 

Website zum Film

 

Das läuft ganz konventionell als lineare Handlung ab – aber auf welcher Realitätsebene? Ist es diejenige, die gemeinhin äußere Wirklichkeit genannt wird, oder eher Vergangenheit, Einbildung, Wunschdenken, Traum, Rausch, vielleicht sogar Wahn? Bleibt der Film knapp 100 Minuten lang auf derselben Ebene oder wechselt er die Niveaus, wie der gamer eines Computerspiels von level zu level springt? Falls ja, sind die Übergänge kaum merklich.

 

8,5 Millionen Pfund Schmerzensgeld

 

Gewiss ist nur: Der Protagonist Tom (Tom Sturridge) spielt ein Spiel. Es lässt sich ebenso leicht nacherzählen wie die gesamte Geschichte – ohne dass sie dadurch ebenso leicht verständlich würde. Etwas fällt vom Himmel, prallt auf Toms Kopf und versetzt ihn ins Koma. Als er aufwacht, hat er seine Erinnerung und Identität fast völlig verloren. Dafür ist er bald um 8,5 Millionen britische Pfund reicher: Soviel Entschädigung zahlt ihm der Auftraggeber eines Anwalts, wenn er für immer Stillschweigen über den Unfall bewahrt.

Offizieller Filmtrailer


 

Haus voller Statisten mit Wiederholungszwang

 

Nun gibt es etliche Filme über Amnesie und Realitätsverlust. Außergewöhnlich ist aber, was der Held der Romanvorlage von Tom McCarthy daraus macht: Er verwendet sein Vermögen darauf, seine Erinnerungsfetzen originalgetreu nachzubauen – in der Hoffnung, dass sich bei diesem re-enactment auch das Vergessene wieder einstellen werde. Das ist eine geläufige Methode der Trauma-Therapie, doch wohl noch nie wurde sie so aufwändig umgesetzt.

 

Tom kauft ein ganzes Haus und setzt die bisherigen Bewohner vor die Tür. Stattdessen engagiert er Statisten, die exakt das tun müssen, woran er sich schemenhaft erinnert: Eine alte Dame brutzelt pausenlos Leber auf ihrem Herd. Ein Pianist klimpert unentwegt dieselbe Melodie. Selbst Katzen werden auf dem Nachbardach so platziert, wie Tom es vermeintlich einst gesehen hat – und durch neue ersetzt, wenn sie herunterfallen.

 

Ambivalente Akteure + abgeschirmte Drohnen-Piloten

 

Der Spieler als Weltenschöpfer, als Herr über Leben und Tod; seine rechte Hand Naz (Arsher Ali), ein distinguierter consulting agent, dirigiert dieses künstliche Universum mithilfe von Videokameras. Beide können jedoch einige Akteure nicht kontrollieren; etwa Greg (Ed Speelers), der als Toms alter Freund auftritt, aber an dessen Gebaren vermeintlich verzweifelt. Oder die schöne Catherine (Cush Jambo) – war sie früher Gregs und ist sie jetzt Toms Geliebte, oder umgekehrt? Und die zwei Lederjackenträger, die Tom nachstellen: Sind sie Unterwelt-Schurken, die an sein Geld wollen, oder Ermittler – oder gehen ihre Rollen ineinander über?

 

Der israelische Regisseur Omer Fast, der seit Jahre in Berlin lebt und fließend Deutsch spricht, ist ein renommierter Videokünstler. In seinen Arbeiten beleuchtet er oft einen Ausschnitt der Wirklichkeit aus verschiedenen Perspektiven: „5000 Feet is the Best“ porträtiert Piloten der US-Army, die von abgedunkelten Büros in Las Vegas aus Drohnen steuern, mit denen sie Tausende von Kilometern entfernte Zielpersonen töten. Die Aussagen der Soldaten sind echt, die Aufnahmen am Einschlagsort der Flugkörper inszeniert.

 

Verwirrspiel treiben, ohne zu übertreiben

 

Ähnlich „Everything That Rises Must Converge“ über den Arbeitsalltag von Porno-Darstellern: Vom Aufstehen und Frühstück über die Fahrt zum Drehort bis zur Orgie vor laufenden Kameras stimmt alles. Zwischendurch wird ein Filmproduzent interviewt, der behauptet, er sei in einer hippie-Kommune mit Gruppensex aufgewachsen und wolle deren libertären spirit mit anderen Mitteln verbreiten – diese plausibel argumentierende Person ist erfunden.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier das Interview „Genug Geld für Koks + Stripperinnen“ mit Omer Fast über „Remainder“

 

und hier eine Rezension der Ausstellung „Creating Realities – Begegnungen zwischen Kunst und Kino“ mit dem Beitrag „Continuity“ von Omer Fast in der Pinakothek der Moderne, München

 

und hier einen Bericht über das Festival „Kino der Kunst 2015“ mit dem Beitrag „Everything That Rises Must Converge“ von Omer Fast in München

 

und hier einen Beitrag über das Festival „Kino der Kunst 2013“ mit dem Beitrag „5000 Feet is the Best“ von Omer Fast in München.

 

Bei solch doppelbödigen Szenarien lässt Omer Fast durchblicken oder gibt auf Nachfrage an, was tatsächlich zutrifft oder fiktional ist. In seinem Spielfilm-Debüt beruht definitionsgemäß alles auf Fiktion; das erlaubt dem Regisseur, sein Verwirrspiel in schwindelerregende Höhen – oder Abgründe – zu treiben. Ohne zu übertreiben: Als präziser Drehbuch-Konstrukteur streut Fast reichlich Indizien aus, die dieser oder jener Realitätsebene zugeordnet werden können. Vorausgesetzt, der Zuschauer beachtet gleich aufmerksam das Geschehen im Vorder-, Mittel- und Hintergrund.

 

Lob der Endlosschleife

 

So wird der Film zum raffinierten Vexierbild, das deutlich werden lässt, wie flach und eindimensional sonstiges Augenfutter der Unterhaltungsindustrie meist ist. Deren cheap thrills zitiert auch Omer Fast lustvoll herbei: Das immer gefährlichere und kriminellere Treiben driftet in Richtung psycho thriller. Zum Schluss wird wirklich gestorben; damit endet auch jede Spielerei. Bloß: Darauf kommt es gar nicht an. Entscheidend ist, dass der Spielleiter aus den selbst aufgestellten Regeln die äußersten Konsequenzen zieht. Jedes Spiel simuliert das wahre Leben.

 

Und jeder gute Spielfilm treibt es über sich hinaus, um ungeahnte Aspekte zu enthüllen. Dann darf er auch als Wiederkehr des Gleichen enden, quasi als Kino-Möbiusband. „Unbegreiflich bleibt es für meinen Verstand, eine Endlosschleife: das Möbiusband“ sang das ostdeutsche Avantgarde-Quartett „AG Geige“– natürlich als Endlosschleife. Mit diesem loop begann 1989 ihre Debüt-LP: die schrägste und seltsamste Platte, die je in der DDR erschienen ist. Ein Vierteljahrhundert später leistet Omer Fast das Nämliche fürs europäische Autorenkino.


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