Cem Kaya

Remake, Remix, Rip-Off – Kopierkultur und das türkische Pop-Kino

Reklameplakate für türkische Erotik-Filme aus den 1980er Jahren. Fotoquelle: Drop-Out Cinema Filmverleih

(Kinostart: 5.5.) Tollywood in Istanbul: Mit bescheidenen Mitteln und halsbrecherischen Wildwest-Methoden produzierte das türkische Yeşilçam-Kino 40 Jahre lang massenhaft B-Movies. Cem Kayas grandiose Doku beschwört eine vergessene Filmindustrie herauf.

Wham, bam, thank you ma’am! Cüneyt Arkın konnte so hart zuschlagen wie Chuck Norris oder Arnold Schwarzenegger, aber er war weitaus erfolgreicher als die beiden US-action stars. Zumindest, was die Leinwandpräsenz angeht: Arkın hat in mehreren Hundert Filmen mitgewirkt – ohne Doubles oder stuntmen. „Würde man die Rollen aller meiner Filme aneinander heften, könnte man sie zwei Mal um den Erdball wickeln“, behauptet er lächelnd.

 

Info

 

Remake, Remix, Rip-Off – Kopierkultur und das türkische Pop-Kino

 

Regie: Cem Kaya,

96 Min., Deutschland 2015;
mit: Cüneyt Arkın, Çetin İnanç, Metin Erksan

 

Website zum Film

 

Ähnlich produktiv waren alle Schauspieler, Regisseure und Produzenten, die in Cem Kayas großartigem Dokumentarfilm über das Yeşilçam-Kino zu Wort kommen. In der gleichnamigen Straße im Istanbuler Stadtteil Beyoğlu siedelte sich in den 1950er Jahren die türkische Filmindustrie an. Vier Jahrzehnte lang produzierte sie mit Wildwest-Methoden im Akkord, um die riesige Nachfrage zu decken.

 

Blockbuster-remakes für Anatolien

 

Das Erfolgsrezept war einfach: Internationale blockbuster liefen, da importierte Verleih-Kopien teuer waren, nur in wenigen Großstadtkinos. Millionen von Anatoliern wollten aber auch spannende Filme sehen. Also drehten die Yeşilçam-Firmen mit einfachsten Mitteln remakes ausländischer Kassenschlager: Von „Tarzan“ und „Dracula“ über „Der Exorzist“ und „E.T.“ bis zu „Superman“, „Rambo“ und „Star Wars“ wurde einfach alles turkifiziert.

Offizieller Filmtrailer, OmU


 

Trash look alla turca

 

Dazu kamen herzzerreißende Melodramen und kitschige musicals nach orientalischem Geschmack. Sie wurden zum preiswerten Massenvergnügen: Kinos mit mehreren tausend Plätzen waren ständig ausverkauft. Auf dem Land gab es Freiluftvorführungen, bei denen Familien picknickten. Die Zuschauer störten sich nicht daran, dass diese B-Pictures alle ähnlichen Strickmustern folgten und special effects offensichtlich handgemacht waren. Im Gegenteil: Ihr billiger trash look verlieh den hastig heruntergekurbelten Streifen eigenen Charme alla turca.

 

Ihre Macher schufteten oft für mehrere Filme gleichzeitig. Cem Kaya hat mehr als fünfzig ergraute Herren und Damen im Ruhestand interviewt; sie erzählen ihm 1001 atemberaubende Anekdoten. Stets fehlte es an Zeit und Geld; also mussten sie erfinderisch sein.

 

Kamerafahrten mit Seife auf Schienen

 

Unbelichteter Negativfilm war Mangelware, so dass Fotofilm aneinander geklebt wurde. Da es keine Dolly-Kamerawagen gab, nagelte man Seifenstücke unter einen Tisch, goss Wasser in Schienen und ließ darin den Kamera-Tisch hin und her gleiten. Wurde buntes Licht gebraucht, hängte man gefärbte Gelatine vor die Scheinwerfer. Schauspielerinnen mussten ihre Kleider selbst umnähen, um sie im nächsten Film wieder zu tragen.

 

Das recycling-Prinzip herrschte auch bei Ton und Bild, denn es gab schlicht kein copyright. Ein Filmkomponist breitet stolz seine Plattensammlung aus: Hunderte LPs voller westlicher Filmmusik, mit denen er Yeşilçam-Produktionen unterlegte. Melodien von Ennio Morricone oder Lalo Schifrin habe er dutzendfach eingesetzt, berichtet er; für Liebesszenen nahm er „Emmanuelle“ (1974), für Komisches das „Pink Panther Theme“ (1963). Nur mit dem SciFi-Klassiker „Blade Runner“ (1982) von Ridley Scott konnte er wenig anfangen: „Die Musik taugt nichts.“

 

Von Hand gekratzte Laserstrahlen

 

Ähnlich kreativ wurden fertige Filme weiter verwertet. Auto-Verfolgungsjagden konnte er sich nicht leisten, betont der Regisseur Çetin İnanç: Er schnitt sie aus fremden Filmen heraus und fügte sie in eigene ein. Manchmal rasen erkennbar Spielzeugautos gegen Mauern oder gehen nach einem crash in Flammen auf.

 

Optische Effekte wie Laserstrahlen wurden per Hand auf jedes Filmnegativ gekratzt. Auf diese Weise schuf İnanç 1982 die ultimative türkische space opera: „Der Mann, der die Welt rettet“ – als patchwork aus Aufnahmen von „Star Wars“ (1977) und 15 weiteren Filmen. Den Astronauten-Helm des Helden hatte das Filmteam von einem Motorradfahrer ausgeliehen.

 

Der weiße Hai im Zombie-Film

 

Dieses hemmungslose sampling aller möglichen Quellen brachte paradoxerweise ein neues genre hervor. Da laufen Superhelden mit Erkennungszeichen von Superman, Batman und Captain America zugleich herum, oder in einem Zombie-Film tauchen überraschend Außerirdische und der weiße Hai auf. Ein wilder Mix aus Populärmythen, der auf Plausibilität pfiff; ähnlich heutigen überdrehten mash-ups.

 

All das bebildert Dokumentarist Cem Kaya kongenial, indem er zahllose Mosaiksteine aneinander fügt: O-Töne seiner Gesprächspartner schneidet er mit kurzen Original-Filmschnipseln gegen, die das Gesagte veranschaulichen – auch für diejenigen, die noch nie einen Yeşilçam-Film gesehen haben. Souverän gibt er seinem Material Dramaturgie, Rhythmus und Spannungsbögen – alles, was eine fesselnde Historien-Saga braucht.

 

Spätblüte mit hardcore-Pornos

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Memories on Stone“ – raffinierter Meta-Film über die Unmöglichkeit des Filmemachens in Kurdistan von Shawkat Amin Korki

 

und hier einen Bericht über den Film „Chuck Norris und der Kommunismus“ – Doku über die illegale Video-Szene im Rumänien der 1980er Jahre von Ilinca Calugareanu

 

und hier einen Beitrag über das Filmfestival „Doku.Arts 2013“ mit Second-Hand-Movies aus Archivmaterial im Zeughauskino, Berlin.

 

Wobei Kaya auch den allmählichen Niedergang der Branche nachzeichnet: Ab Mitte der 1970er Jahre legten sich viele Familien ein TV-Gerät zu. Den Trend zum häuslichen Pantoffelkino verstärkten die extremistische Gewalt in den späten 1970er Jahren und die Friedhofsruhe nach dem Militärputsch 1980.

 

Mit dem Aufkommen von VHS-Videorekordern erlebte Yeşilçam eine Spätblüte, doch die Produktionen fielen immer schäbiger aus. Sogar unfassbar erbärmliche hardcore-Pornos wurden öffentlich gezeigt – man reibt sich die Augen. Dagegen war die politische Zensur noch strenger und willkürlicher als heutzutage unter dem Regime Erdoğan.

 

Bis die Wirtschaftsliberalisierung der späten 1980er Jahre den Markt für Hollywood-Ware öffnete und damit das heimische mainstream-Kino ruinierte. Zwar wird in Istanbul weiterhin massenhaft mit bescheidenen Mitteln gedreht, aber vorwiegend für TV-Serien.

 

Augenfutter für drei Millionen Mitbürger

 

Seine treueste Fangemeinde hatte Yeşilçam unter den Auslandstürken, auch hierzulande: Sie wurden vor dem Siegeszug von Kabel- und Satelliten-Fernsehen von etlichen Videotheken mit Filmen in ihrer Muttersprache versorgt. So lernte auch der in Berlin lebende Cem Kaya diese schillernde Welt kennen und lieben. Wer wissen will, mit welchem Augenfutter drei Millionen Mitbürger türkischer Abstammung groß geworden sind, muss „Remake, Remix, Rip-Off“ ansehen – noch erstaunlicher und amüsanter als Cüneyt Arkın in „Der Mann, der die Welt rettet“.


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