Rokhsareh Ghaem Maghami

Sonita

Sonita mit anderen Mädchen bei einer Hilfsorganisation in Teheran. © Behrouz Badrouj. Fotoquelle: Real Fiction Filmverleih

(Kinostart: 26.5.) Ein Rap-Video als Ausreise-Ticket: Nachdem die junge Exil-Afghanin Sonita ihre Zwangsverheiratung auf Youtube angeprangert hatte, konnte sie in die USA fliegen. Das dokumentiert die iranische Regisseurin Maghami wuchtig und ungewohnt bunt.

Vielleicht kann einem Dokumentarfilm-Regisseur nichts besseres passieren, als dass sein Thema während der Dreharbeiten ein Eigenleben entwickelt, das seinem Projekt eine überraschende Richtung gibt. So ist es der iranischen Filmemacherin Rokhsareh Ghaem Maghami mit ihrer Heldin Sonita Alizadeh ergangen.

 

Info

 

Sonita

 

Regie: Rokhsareh Ghaem Maghami,

91 Min., Iran/ Deutschland 2015;

mit: Sonita Alizadeh

 

Weitere Informationen

 

Regisseurin Maghami stieß auf das Mädchen in einer Einrichtung in Teheran; sie unterstützt junge Afghaninnen im Exil, die ohne ihre Eltern vor dem Krieg in ihrer Heimat geflohen sind. Was das reiche Deutschland immer noch überfordert, scheint im Iran selbstverständlich, selbst unter den Bedingungen des internationalen Handelsembargos: Den Mädchen wird bei der Beschaffung von Dokumenten geholfen; außerdem erhalten sie Sprachunterricht und Trauma-Therapie.

 

Tochter von Michael Jackson + Rihanna

 

Bereits beim Rollenspiel, in dem Sonita ihre Flucht aus Afghanistan nachinszeniert, verblüfft ihr Talent zur Regieführung. Kein Wunder, dass Regisseurin Maghami von ihr fasziniert ist. Zwar führt Sonita mit ihrer Schwester und deren Tochter ein prekäres Leben in einer fremden Großstadt, doch sie ist ehrgeizig: Ihre Wunscheltern wären die popstars Michael Jackson und Rihanna; ihr Berufswunsch ist, rapper zu werden.

Offizieller Filmtrailer


 

Tochter für 9000 Dollar verkaufen

 

Zunächst begleitet die Kamera sie und ihren musikalischen Partner auf der Suche nach einem Tonstudio, in dem sie ein Demo produzieren können. Das ist nicht leicht. Ohne behördliche Genehmigung darf nichts aufgenommen werden – schon gar nicht eine Frau, die solo singt oder rappt. Andere zweifeln schlicht an Sonitas Talent.

 

Schließlich findet sie zwei mutige Toningenieure, die erkennen, dass Sonita nur etwas Übung braucht. Nun wird Sonita von ihrem familiären Hintergrund eingeholt: Ihre Mutter taucht in Teheran auf und kündigt an, sie zurück nach Afghanistan zu holen. Ihr älterer Bruder soll heiraten, doch der Brautpreis, der ihm abverlangt wird, ist hoch. Daher müsse zunächst seine jüngere Schwester verheiratet werden, um das nötige Geld zu aufzutreiben: 9000 US-Dollar.

Original-Youtube-Videoclip "...brides for sale" von Sonita


 

Mutter mit 2000 US-Dollar vertröstet

 
Alle sind konsterniert; auch die Leiterin der Hilfseinrichtung vermag die Mutter nicht umzustimmen. Regisseurin Maghami muss eine Entscheidung treffen: Bisher hat sie sich als Filmemacherin nicht in das Leben ihrer Hauptfigur eingemischt. Nun wird sie selbst zur Akteurin: Sie treibt 2000 US-Dollar für die Mutter auf, um ein paar Monate Zeit zu gewinnen.

 

Zeit für was? Die Antwort gibt Sonita selbst. Im Interview mit der Regisseurin hat sie den Spieß umgedreht und sie mit Fragen bombardiert: Wie funktioniert die Kamera? Kann ich das auch, dich filmen? Und dann: Kann man damit einen video clip drehen? Man kann: Sonita hat bereits jede Einstellung im Kopf.

 

500.000 Youtube-Klicks in einem Jahr

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Mustang“ – komplexes Zwangsheirats-Drama in der Türkei von Deniz Gamze Ergüven

 

und hier eine Besprechung des afghanischen Films „Stein der Geduld“ – präzises Psychogramm einer afghanischen Ehefrau von Atiq Rahimi mit Golshifteh Farahani

 

und hier einen Bericht über den Film „Ein Junge namens Titli“ – brillanter Kleingangster-Krimi über Zwangsheirat in Indien von Kanu Behl

 

und hier einen Beitrag über den Film „Der Junge Siyar“ – Drama über Zwangsheirat + Ehrenmord unter irakischen Kurden im Exil von Hisham Zaman.

 

Sie produziert einen Videofilm, in der sie in weißem Kleid mit Schleier, geschminkten Verletzungen im Gesicht und Strich-code auf der Stirn als Braut eines gewalttätigen Gatten ihre Anklage gegen den traditionellen Kinderhandel vorträgt. Der clip wird auf Youtube im Laufe eines Jahres fast 500.000 Mal angesehen. Diese Resonanz im Internet verändert Sonitas Leben endgültig; die Regisseurin tritt mit ihrer Heldin eine Reise ins Ungewisse an.

 

Nicht zuletzt diese unvorhersehbare Wendung macht den Dokumentarfilm so wuchtig: Die Dynamik der Ereignisse kommt ohne Off-Kommentare, Verkitschung oder symbolischen Überhöhung der Hauptfigur aus. Sonitas unbedingter Wille zur Freiheit bestimmt das emotionale Klima des Filmes, dazu die Solidarität starker Frauen im Kampf um Selbstbehauptung.

 

Teheran in knalligen Digital-Farben

 

Auf diese Weise öffnet der Film bei jedem Zuschauer eigene Assoziationsräume. Das westliche Publikum erhält zudem Einblicke in eine Sicht auf Teheran, die selten zu sehen ist: aus der Perspektive einer Geflüchteten. Der ungewohnte Blinkwinkel wird durch die digitale Farbpalette noch verstärkt: Knallige Töne bilden einen starken Kontrast zum Schwefelgelb, in das Hollywood-Filme die Region gerne einfärben, oder die kontrastarmen Einstellungen der auf Festivals gefeierten iranischen Autorenfilmer.

 

Im weiteren Verlauf des Films reist Sonita nach Afghanistan, um an einen regulären Pass zu heranzukommen, und fliegt in die Vereinigten Staaten: Eine US-Universität hat ihr ein Stipendium angeboten. Ob sie bald Karriere als Sängerin macht oder nicht, wird man vermutlich aus westlichen Medien erfahren – Rokshareh Ghaem Maghamis glänzender Film steht für sich allein.


Diesen Artikel drucken