Berlin

9. Berlin Biennale – The Present in Drag

Anna Uddenberg: Journey of Self Discovery (Detail), 2016, verschiedene Materialien, Foto: Timo Ohler. Fotoquelle: Berlin Biennale

Keine Sekunde ohne Klick

 

Geschäft, self promotion und soziale Rituale gehen nahtlos ineinander über: die wohl viel versprechendste Strategie, um bei der heutigen Überproduktion von Kunst noch wahrgenommen zu werden. Viele Arbeiten setzen auf Hingucker-Effekte, die aktuelle Aufreger aufgreifen, ohne banal zu wirken. Etwa Anja Uddenbergs Frauen-Skulpturen in aufreizenden Posen: Eine schlängelt sich über den Tresen wie ein go-go-girl in einer casting show; eine andere verrenkt sich, um ihren Schritt mit einem selfie stick zu fotografieren.

 

Dieses Utensil ist ohnehin als Symbol für narzisstische Bilderflut omnipräsent; wie sämtliche gadgets, mit denen die digital natives-Generation aufgewachsen ist. Laptops, tablets und smartphones sind allgegenwärtig, die Skepsis ihnen gegenüber ebenso – sie wird ironischerweise bevorzugt mithilfe derselben Geräten artikuliert. Auf Plasma-Bildschirmen laufen video clips in Werbespot-Ästhetik von Babak Radboy. Sie zeigen role models, die manisch auf kleinen, leeren Glasplatten herumtippen und -wischen: Keine Sekunde ohne Klick.

 

"Army of Love" schenkt sinnliche Zuwendung

 

In einem anderen Videofilm lässt Halil Altındere Flüchtlinge auf Urlauber in Yoga-Haltungen treffen, dazu rappt ein Tunesier mit typischen moves: keine originelle Konstellation, aber effektvoll inszeniert. Simon Fujiwara bestückt sein Mini-Museum für all das, was Deutsche angeblich glücklich macht, mit "Kinder Schokolade"-Tafeln, lebenden Darstellern mit aufgemalter Lufthansa-Uniform und Schminke, die Spitzenpolitiker wie die Kanzlerin bei TV-Auftritten tragen – ein Allerlei, so abstrus wie die Ergebnisse einschlägiger Umfragen.

 

Echte Erfüllung versprechen dagegen Alexa Karolinski und Ingo Niermann: Sie wollen eine "Army of Love" schaffen, deren Soldaten allen Hässlichen und sonstigen Zu-kurz-Gekommenen sinnliche Zuwendung schenken. Ihre Begründung ist bestechend einfach: Alle Theorien und Systeme haben nur materielle Güter verschieden verteilt; es kommt aber darauf an, die immaterielle zu verändern. Bis es soweit ist, strömen die Massen zu Spektakeln wie Rockkonzerten und dancefloor raves: Deren künstliche Ekstasen veranschaulicht Anne de Vries als betäubendes Konzentrat aus light and visual effects.

 

Win-win-Situation in der Management-Uni

 

Alle genannten Exponate werden in der AdK und dem KW Institute for Contemporary Art noch im traditionellen Ausstellungs-Rahmen präsentiert. Andernorts treibt die Biennale die Entgrenzung und Verschmelzung von Kunst und Wirtschaft weiter voran. In der privaten "The Feuerle Collection", die unlängst in einem früheren Bunker einzog, lässt Josephine Pryde das Publikum auf einer Miniatur-Eisenbahn an einer Fotogalerie vorbeifahren. Das spricht den Spieltrieb an – und freut den Sammler, dessen neueste Erwerbung zur premium location aufgewertet wird.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der "8. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst" in Berlin 2014

 

und hier eine Besprechung der "55. Biennale – Der enzyklopädische Palast" - Internationale Kunst- Ausstellung in Venedig 2013

 

und hier einen Bericht über die "7. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst" - Agitprop-Ausstellung in den KunstWerken Berlin 2012

 

und hier einen Beitrag über "Based in Berlin" - Leistungsschau der jungen Kunstszene in Berlin 2011.

 

Derweil stellt Simon Denny in der European School of Management and Technology (ESMT) Konzepte für Firmen vor, die mit der virtuellen Internet-Währung Bitcoin operieren. Nebenan demonstriert das Kollektiv GCC aus Dubai, wie Sinnsucher in den Golfstaaten mit Psycho-Techniken erfolgreicher und zufriedener werden. Eine win-win-Situation: Den hier studierenden MBA-Anwärtern werden funktionierende business-Modelle vorgeführt. Zugleich erfährt die ESMT kostenlos eine image-Aufwertung durch Kunst, für die Sponsoren oft viel Geld bezahlen.

 

Spritztour in die Katastrophe

 

Zum Sonderpreis eines Bootsfahrt-ticket lässt sich das größte Werk der Biennale begutachten: Drei Mal täglich steuert die "Blue Star" der Reederei Riedel über die Spree durch die Berliner Innenstadt. Korakrit Arunanondchai und Alex Gvojic haben das Schiff zur makabren Seelenverkäufer-Installation umgestaltet. An der Reling hängen pechverschmierte Nixen, das Deck scheint von Feuer versengt, überall liegen verkohlte Reste einer Hochzeitsfeier herum, und im Innenraum zeigen Filme diverse Endzeit-Szenarios.

 

Das Publikum schaut bequem von einer Liegelandschaft aus zu und nippt am Bier oder Piccolo: eine Kreuzfahrt-Spritztour in die Katastrophe. Im letzten Jahrhundert hätte man von "universellem Verblendungszusammenhang" gesprochen, doch das ist lange her. Knackiger und zielgruppengerechter klingt ein Slogan wie Apocalypse now all inclusive! Der passt auf jedes smartphone display.


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