Klicken Sie für einen Ausdruck bitte hier oder benutzen Sie manuell die Druckfunktion Ihres Browsers.



Juan Sebastián Peláez: Ewaipanoma (Rihanna; Detail), 2016, verschiedene Materialien, Foto: Timo Ohler. Fotoquelle: Berlin Biennale

9. Berlin Biennale – The Present in Drag


Auferstanden aus Ruinen: Die Berlin Biennale, die oft in Belanglosigkeit versandete, besinnt sich in ihrer neunten Ausgabe auf ein neues Geschäftsmodell – Business first! Damit lässt sich auch clevere Kritik am Konsum- und Warenfetischismus optimal vermarkten.


Totgesagte leben länger: Seit 1998 wird in Berlin alle zwei – anfangs drei – Jahre diese Überblicks-Ausstellung zur zeitgenössischen Kunst ausgerichtet. Zusammengestellt von wild wechselnden Kuratoren: Nie fand die Biennale zu einem erkennbaren Profil, geschweige denn zu einer Identität. Die letzten Ausgaben wirkten immer beliebiger – und damit überflüssig.

 

Info

 

9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst - The Present in Drag

 

04.06.2016 - 18.09.2016

 

täglich außer dienstags 11 bis 19 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr in der Akademie der Künste, Pariser Platz 4;

 

+ KW Institute for Contemporary Art (KunstWerke), Auguststr. 69;

 

+ The Feuerle Collection, Hallesches Ufer 70;

 

+ ESMT European School of Management and Technology, Schlossplatz 1

 

+ "Blue Star"- Fahrgastschiff der Reederei Riedel, Anlegestelle Fischerinsel, Märkisches Ufer 34

 

Katalog 16 €

 

Website zur Ausstellung

 

Nach 18 Jahren geht durch diese Veranstaltung ein Ruck; als würde ein wohlstandsverwahrloster teenager, der die Volljährigkeit erreicht, sich plötzlich seiner Selbstverantwortung bewusst. Die 9. Berlin Biennale ist die beste seit langem, vielleicht die bislang beste überhaupt. Was angesichts früherer Pleiten nicht viel heißen will: Weiterhin findet sich viel Mäßiges und Entbehrliches. Doch erstmals wird der Anspruch, erhellende und wegweisende Beiträge zum Stand der Dinge zu versammeln, wenigstens zum Teil eingelöst.

 

Kuratoren mit Magazin, Agentur + Firma

 

Was den diesjährigen Kuratoren zu verdanken sein dürfte: Das vierköpfige Kollektiv DIS kommt aus New York, wo man per definitionem an der Speerspitze der neuesten Trends steht. Natürlich hat DIS bereits in einschlägigen top notch-Museen und Galerien in New York, London und Paris ausgestellt. Außerdem betreibt das Quartett ein online-Magazin, eine professionelle Bildagentur und eine Einzelhandels-Firma.

 

Diese Verquickung von kreativen und kommerziellen Aktivitäten kennzeichnet auch viele der von DIS ausgewählten Teilnehmer. Sie begraben die romantische Vorstellung vom Künstler als rebellischem Oppositionsgeist, der der Gesellschaft einen Spiegel vorhält. Seitdem der Handel mit Gegenwartskunst explodiert ist, und mit ihm das Preisniveau, klingen Auktions- und Messe- wie Börsenberichte, die ständig neue Rekorde verkünden. Da agiert am glaubwürdigsten, wer stets seinen Kurswert zu optimieren sucht – mit cleveren Kommentaren zum Marktgeschehen.

Impressionen der Ausstellung in der Akademie der Künste, dem KW Institute for Contemporary Art + "Blue Star"-Fahrgastschiff

Aus datenschutzrechtlichen Gründen benötigen wir Ihre explizite Zustimmung, um Videos von Vimeo anzuzeigen. Mit Klick auf den Play-Button akzeptieren Sie unsere Datenschutz-Erklärung.

 

Freies Unternehmertum für engagierte Kunst

 

Es gibt kein richtiges Leben im falschen: Wer politische oder soziale Defizite darstellen oder gar anprangern will, verbreitet seine Botschaften am besten mit ausgeklügelten marketing-Kampagnen. Engagierte Kunst? Ja, bitte – sofern sie den unumstößlichen Gesetzen der business-Logik folgt. Wenn keiner der Ökonomisierung aller Lebenssphären entrinnen kann, verheißt freies Unternehmertum den größten Spielraum: If you can't beat them, join them!

 

Solch pragmatischen Umgang mit Unausweichlichem gießt DIS in abgeklärte Aphorismen: "Die Zukunft fühlt sich wie die Vergangenheit an: vertraut, vorhersagbar, unveränderlich – und die Gegenwart steht mit den Unwägbarkeiten der Zukunft alleine da", heißt es in einem programmatischen statement: "Die 9. Berlin Biennale zeigt die Paradoxien, die die Welt 2016 ausmachen: Virtuelles als Reales, Nationen als Marken, Menschen als Daten, Kultur als Kapital, wellness als Politik, Glück als BIP usw." Das sei "The Present in Drag", wie das DIS-Motto lautet, also: "Die Gegenwart in Verkleidung".

 

Den Betrachter als Konsumenten ansprechen

 

Diese Umkehrung des abendländischen Begriffs- und Werte-Kanons macht herkömmliche Aufklärung gegenstandslos: Analyse und Anklage verpuffen, solange sie sich nicht in Verwertungs-Kreisläufe einspeisen lassen. Also muss Kritik am Warenfetischismus selbst in Form von Waren verbreitet werden. Am effektivsten erreicht man den Betrachter als Konsumenten: von pseudo-exklusiven limited editions oder Mitmach-Angeboten.

 

Genau das versuchen die zugänglichsten Beiträge dieser Biennale, angefangen mit ihr selbst. Nie zuvor war der souvenir shop so reich bestückt: von einer ganzen Kollektion aus t-shirts für 90 Euro, entworfen von Telfar Clemens, über Kontaktlinsen von Yngve Holen bis zu acht verschiedenen singles mit dem offiziellen soundtrack der Schau für je 20 Euro – Vinyl-Platten sind ja wieder hip.

 

Säfte + soundtracks für Plattensammler

 

Im Café der Akademie der Künste (AdK) wird "MINT"-Saft ausgeschenkt, den die "Debora Delmar Corp." abfüllen lässt. Die Trinker sind von mannshohen Leuchtkasten-Werbetafeln umstellt: Bjarne Melgaard steuert Fotos von streetwear mit slogans wie "I love dick" oder "Introduction to Civil War" bei; Akeem Smith einen gemalten Rolls Royce, davor ein nacktes model in einem Netz aus Sternen. Kein Motiv sieht attraktiv aus, aber jedes plakativ und catchy genug, um bei jedem flüchtigen Seitenblick aufzufallen – wie alle gelungene Reklame.

Keine Sekunde ohne Klick

 

Geschäft, self promotion und soziale Rituale gehen nahtlos ineinander über: die wohl viel versprechendste Strategie, um bei der heutigen Überproduktion von Kunst noch wahrgenommen zu werden. Viele Arbeiten setzen auf Hingucker-Effekte, die aktuelle Aufreger aufgreifen, ohne banal zu wirken. Etwa Anja Uddenbergs Frauen-Skulpturen in aufreizenden Posen: Eine schlängelt sich über den Tresen wie ein go-go-girl in einer casting show; eine andere verrenkt sich, um ihren Schritt mit einem selfie stick zu fotografieren.

 

Dieses Utensil ist ohnehin als Symbol für narzisstische Bilderflut omnipräsent; wie sämtliche gadgets, mit denen die digital natives-Generation aufgewachsen ist. Laptops, tablets und smartphones sind allgegenwärtig, die Skepsis ihnen gegenüber ebenso – sie wird ironischerweise bevorzugt mithilfe derselben Geräten artikuliert. Auf Plasma-Bildschirmen laufen video clips in Werbespot-Ästhetik von Babak Radboy. Sie zeigen role models, die manisch auf kleinen, leeren Glasplatten herumtippen und -wischen: Keine Sekunde ohne Klick.

 

"Army of Love" schenkt sinnliche Zuwendung

 

In einem anderen Videofilm lässt Halil Altındere Flüchtlinge auf Urlauber in Yoga-Haltungen treffen, dazu rappt ein Tunesier mit typischen moves: keine originelle Konstellation, aber effektvoll inszeniert. Simon Fujiwara bestückt sein Mini-Museum für all das, was Deutsche angeblich glücklich macht, mit "Kinder Schokolade"-Tafeln, lebenden Darstellern mit aufgemalter Lufthansa-Uniform und Schminke, die Spitzenpolitiker wie die Kanzlerin bei TV-Auftritten tragen – ein Allerlei, so abstrus wie die Ergebnisse einschlägiger Umfragen.

 

Echte Erfüllung versprechen dagegen Alexa Karolinski und Ingo Niermann: Sie wollen eine "Army of Love" schaffen, deren Soldaten allen Hässlichen und sonstigen Zu-kurz-Gekommenen sinnliche Zuwendung schenken. Ihre Begründung ist bestechend einfach: Alle Theorien und Systeme haben nur materielle Güter verschieden verteilt; es kommt aber darauf an, die immaterielle zu verändern. Bis es soweit ist, strömen die Massen zu Spektakeln wie Rockkonzerten und dancefloor raves: Deren künstliche Ekstasen veranschaulicht Anne de Vries als betäubendes Konzentrat aus light and visual effects.

 

Win-win-Situation in der Management-Uni

 

Alle genannten Exponate werden in der AdK und dem KW Institute for Contemporary Art noch im traditionellen Ausstellungs-Rahmen präsentiert. Andernorts treibt die Biennale die Entgrenzung und Verschmelzung von Kunst und Wirtschaft weiter voran. In der privaten "The Feuerle Collection", die unlängst in einem früheren Bunker einzog, lässt Josephine Pryde das Publikum auf einer Miniatur-Eisenbahn an einer Fotogalerie vorbeifahren. Das spricht den Spieltrieb an – und freut den Sammler, dessen neueste Erwerbung zur premium location aufgewertet wird.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der "8. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst" in Berlin 2014

 

und hier eine Besprechung der "55. Biennale – Der enzyklopädische Palast" - Internationale Kunst- Ausstellung in Venedig 2013

 

und hier einen Bericht über die "7. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst" - Agitprop-Ausstellung in den KunstWerken Berlin 2012

 

und hier einen Beitrag über "Based in Berlin" - Leistungsschau der jungen Kunstszene in Berlin 2011.

 

Derweil stellt Simon Denny in der European School of Management and Technology (ESMT) Konzepte für Firmen vor, die mit der virtuellen Internet-Währung Bitcoin operieren. Nebenan demonstriert das Kollektiv GCC aus Dubai, wie Sinnsucher in den Golfstaaten mit Psycho-Techniken erfolgreicher und zufriedener werden. Eine win-win-Situation: Den hier studierenden MBA-Anwärtern werden funktionierende business-Modelle vorgeführt. Zugleich erfährt die ESMT kostenlos eine image-Aufwertung durch Kunst, für die Sponsoren oft viel Geld bezahlen.

 

Spritztour in die Katastrophe

 

Zum Sonderpreis eines Bootsfahrt-ticket lässt sich das größte Werk der Biennale begutachten: Drei Mal täglich steuert die "Blue Star" der Reederei Riedel über die Spree durch die Berliner Innenstadt. Korakrit Arunanondchai und Alex Gvojic haben das Schiff zur makabren Seelenverkäufer-Installation umgestaltet. An der Reling hängen pechverschmierte Nixen, das Deck scheint von Feuer versengt, überall liegen verkohlte Reste einer Hochzeitsfeier herum, und im Innenraum zeigen Filme diverse Endzeit-Szenarios.

 

Das Publikum schaut bequem von einer Liegelandschaft aus zu und nippt am Bier oder Piccolo: eine Kreuzfahrt-Spritztour in die Katastrophe. Im letzten Jahrhundert hätte man von "universellem Verblendungszusammenhang" gesprochen, doch das ist lange her. Knackiger und zielgruppengerechter klingt ein Slogan wie Apocalypse now all inclusive! Der passt auf jedes smartphone display.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 28.06.2016





URL zu diesem Artikel: http://kunstundfilm.de/2016/06/9-berlin-biennale/

Kurz-URL zu diesem Artikel: /wp.me/p1TwZ4-b7Y