Peter Bardehle + Andreas Martin

Athos – Im Jenseits dieser Welt

Vater Philimon vor den Schädeln verstorbener Mönche im Beinhaus. Foto: © 2016 NFP marketing & distribution*

(Kinostart: 23.6.) Außer Katzen keine weiblichen Wesen erlaubt: Seit mehr als 1000 Jahren hausen orthodoxe Mönche abgeschottet in der Klosterrepublik Athos. Ihre Lebensweise dokumentieren die Regisseure Bardehle und Martin malerisch und kommentarlos.

Die „Autonome Mönchsrepublik Athos“ macht normalerweise kaum von sich reden. Doch Ende Mai sorgte sie international für Schlagzeilen: Moskaus Patriarch Kyrill I. und Russlands Präsident Wladimir Putin kamen zu Besuch – letzterer zum zweiten Mal nach 2005. Beide wurden von den orthodoxen Geistlichen überaus herzlich empfangen.

 

Info

 

Athos –
Im Jenseits dieser Welt

 

Regie: Peter Bardehle + Andreas Martin,

95 Min., Griechenland/ Deutschland 2015;

mit: Vater Epiphanios, Vater Philimon, Vater Galaktion

 

Website zum Film

 

Die Botschaft der hochrangigen Gäste scheint eindeutig: Griechenland und Russland sind seit langem vereint in wahrem Glauben und Skepsis gegenüber dem Westen. Moskau hat seit dem 15. Jahrhundert die Mönchsrepublik finanziell unterstützt; vor allem das russisch-orthodoxe Kloster Panteleimon, eines der 20 Großklöster.

 

Halbinsel mit Steuer-Befreiung

 

Ansonsten dringt aus diesem Ministaat wenig nach außen. Athos, der „heilige Berg“, liegt auf der acht Kilometer schmalen Halbinsel Chalkidiki im Osten Makedoniens. Dieser Gebirgszug im Meer ist 43 Kilometer lang, gehört nominell zu Griechenland, genießt jedoch weitgehende Sonderrechte, etwa Steuer-Befreiung. Seine rund 2000 Bewohner, die überwiegend griechisch-orthodox sind, widmen ihr Leben allein christlicher Spiritualität; der Lärm der Welt soll dabei gefälligst nicht stören.

Offizieller Filmtrailer


 

Filmen unter Verantwortung der Äbte

 

Daher unterliegt der Zugang zur Halbinsel strengen Regeln: Frauen und sogar weibliche Haustiere – außer Katzen – müssen generell draußen bleiben. Männern sind nur kurze Pilgeraufenthalte erlaubt, für die sie zuvor ein Visum beantragen müssen. Drehgenehmigungen werden in der Regel nicht erteilt.

 

Mit viel Geduld gelang es den Filmemachern Peter Bardehle und Andreas Martin, einige Entscheidungsträger zu überzeugen, ihnen Dreharbeiten zu gestatten. „Der Abt verfügt über eine große Entscheidungsgewalt: Wenn er jemandem eine Erlaubnis zum Filmen erteilt, übernimmt er gleichzeitig die Verantwortung für das Ergebnis“, so Ko-Regisseur Bardehle – womit der inhaltliche Rahmen des Projektes abgesteckt ist.

 

Schädel + Knochen in Beinhäusern

 

Der Dokumentarfilm lässt sich ganz und gar auf die Binnenperspektive seiner Protagonisten ein. Drei Jahre lang haben Bardehle und Martin eine Handvoll Mönche verschiedenen Alters und Status‘ durch ihren Alltag begleitet. Es sind wortkarge, in Schwarz gekleidete Gestalten, deren Lebensweise archaisch wirkt. In ihrer Gemeinschaft hat jeder seine Aufgabe; sei es Weinanbau, Brotbacken oder das Schnitzen von Darstellungen des Gekreuzigten.

 

Der Alltag der Athos-Bewohner wird durch genau festgelegte Gebets-, Arbeits- und Schlafenszeiten geregelt. Strikte äußere Vorgaben sollen die Konzentration auf das Geistige ermöglichen. Ein alter Brauch macht die Endlichkeit jeden Menschenlebens drastisch sicht- und greifbar: Verstorbene Mönche werden einige Jahre nach ihrem Begräbnis wieder exhumiert; ihre Schädel und Knochen werden dann in den Beinhäusern der Klöster aufgebahrt.

 

Berg-Panoramen aus dem Helikopter

 

Doch die Moderne hinterlässt selbst in dieser weltabgewandten Gemeinschaft Spuren. So benutzen die Mönche mitunter Mobiltelefone und Autos auf den seit 1963 angelegten Straßen, ohne dadurch auf traditionelle Esel für den Lastentransport zu verzichten. Der Verzicht auf alles Profane und damit auch der Abschied von den eigenen Familien fällt den Geistlichen durchaus schwer, aber sie nehmen das für ihr höheres geistiges Ziel in Kauf.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Meteora“ – griechisches Liebesdrama zwischen Mönch + Nonne in den gleichnamigen Einsiedler-Klöstern von Spiros Stathoulopolos

 

und hier eine Besprechung des Films „Jenseits der Hügel – După dealuri“ – vielschichtiges Exorzismus-Drama im rumänischen Nonnen-Kloster von Cristian Mungiu, dreifacher Preisträger in Cannes 2012

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über den Film „Von Menschen und Göttern“ über den Mord an neun Mönchen in Algerien 1996 von Xavier Beauvois

 

und hier das Interview „Mönche sind Fixsterne der Welt“ mit Lambert Wilson über seine Rolle als Abt in „Von Menschen und Göttern“.

 

Dem meditativen Rhythmus des mönchischen Lebens entspricht der ruhige Fluss des Films. In langen Einstellungen – mehrmals bei Helikopterflügen gedreht – sind die überwältigende landschaftliche und architektonische Schönheit auf diesem Erdenflecken zu sehen. Bei den Aufnahmen vom Athos-Gipfel meint man, Gottvater persönlich müsse gleich hinter einer Wolke hervorlugen, so elegisch ist das alles inszeniert.

 

Konflikte bleiben ausgeblendet

 

Ansonsten beschränken sich die Regisseure auf reine Beobachtung im Stil des direct cinema ohne Kommentare, abgesehen von ein paar Untertitel-Angaben. Sie nähern sich der Klosterrepublik, die seit mehr als 1000 Jahren besteht, und ihren Bewohnern mit viel Respekt und Ehrfurcht. Bei ihrer hommage an eine Lebensweise, die in der hektischen und materialistischen Gegenwart sehr exotisch wirkt, ergibt sich der Film ganz der Faszination seines Objekts.  

 

Allerdings sind die Athos-Mönche trotz ihrer Weltflucht keine vergeistigten Luftwesen: Innerhalb der Klöster und zwischen ihnen gibt es allerhand zu organisieren. Über diese weltlichen Aspekte – angefangen von der Verwaltung bis zu Beziehungen mit einem Griechenland in der Dauerkrise – erfahren die Zuschauer nichts. Und erst recht nichts über handfeste Konflikte zwischen einzelnen Klöstern 2005/6 oder dubiose Immobiliengeschäfte des Klosters Vatopedi, die 2009 sogar zum Sturz einer Athener Regierung beitrugen.

 

Einzigartig befremdlicher Kosmos

 

Ebenso wenig kommt zur Sprache, welche individuellen Motive die Mönche bewegen, ein Dasein in Askese und Gottesverehrung zu wählen. So bleiben nur malerisch-intime Einblicke in einen einzigartigen wie befremdlichen Kosmos, der den meisten Menschen verschlossen bleibt – zumal denen weiblichen Geschlechts.


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