Keiichi Hara

Miss Hokusai

Katsushika Hokusai und seine Tochter O-Ei malen gemeinsam ein Drachen-Tuschebild. Fotoquelle: AV-Visionen Filmverleih

(Kinostart: 16.6.) Bilderbogen für Japanologen: Der Animationsfilm von Keiichi Hara schildert Leben und Werk von Hokusai, dem bedeutendsten Künstler des Inselreichs, aus Sicht seiner Tochter – voller Anspielungen, die hiesigen Zuschauern entgehen dürften.

Katsushika Hokusai (1760-1849) nimmt in der japanischen Kunst denselben überragenden Rang ein wie Dürer in der deutschen oder Raffael und Michelangelo in der italienischen: Er setzte Standards, an denen sich sämtliche Nachfolger orientieren. In allen fernöstlichen Mal-Techniken, die er experimentierfreudig weiterentwickelte; mit 4.000 Zeichnungen seiner 15 Skizzen-Handbücher Hokusai manga schuf er die Basis für Japans blühende Comic-Kultur.

 

Info

 

Miss Hokusai

 

Regie: Keiichi Hara,

93 Min., Japan 2015

 

Website zum Film

 

Außerdem führte er das populäre Genre der Farbholzschnitte, für die er mehrere Tausend Vorlagen anfertigte, zur höchsten Blüte. In hohen Auflagen verbreitet, haben sie mehr als alles andere das Bild vom traditionellen Japan geprägt; im Westen, wohin diese Bilder ab Mitte des 19. Jahrhunderts exportiert wurden, wie im Inselreich selbst. Dort wird der Künstler seither als Genie verehrt – da liegt der Gedanke an ein biopic nahe. Natürlich in der Gattung, die sein Wirken überhaupt erst möglich gemacht hat: als Animationsfilm.

 

Der vom Malen Besessene

 

Eine Hokusai-hommage in bewegten Bildern stößt aber auf ein Problem: sein ereignisarmes Dasein, das der Preis für seine enorme Produktivität war. Persönlich anspruchslos, hauste er in kleinen Mietwohnungen in der Hauptstadt Edo (Tokio), aß Garküchen-Kost und pinselte Tag für Tag von früh bis spät – einer seiner 30 Künstlernamen war „der vom Malen Besessene“ (Gakyôjin).

Offizieller Filmtrailer


 

Künstler verstößt blinde Tochter

 

Aus diesem Grund schildert der manga-Comic „Sarusuberi“, den Regisseur Keiichi Hara verfilmt hat, das Leben in Hokusais Haushalt aus der Perspektive von O-Ei, seiner dritten Tochter aus zweiter Ehe. Außer der Tatsache, dass sie ihrem Vater im Alter assistierte, ist über sie wenig bekannt. Das erlaubt Drehbuchautorin Miho Maruo, diese Figur nach Belieben auszuschmücken: als eigenwillige Frau und selbstständige Künstlerin, ganz im Sinne des gender mainstreaming.

 

Nun sind ein Meistermaler und seine talentierte Tochter, die sich konzentriert über Papierbögen beugen und fachsimpeln, noch keine schillernden Film-Charaktere. Deshalb erfindet das Skript zwei weitere Figuren: Hokusais Schüler Zenjiro, der mit loser Zunge für Trubel sorgt, und seine Tochter O-Nao. Das kleine Mädchen ist blind und vom Meister verstoßen worden – doch ihre große Schwester O-Ei kümmert sich rührend liebevoll um sie.

 

Praktische Erfahrungen im Bordell

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Wie der Wind sich hebt“ – grandioser Animationsfilm über Japans Zwischenkriegszeit von Hayao Miyazaki

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Hokusai – Retrospektive“ – exzellente Werkschau des japanischen Künstlergenies im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Goldene Impressionen: Japanische Malerei 1400 – 1900“ – opulente Überblicks-Schau im Museum für Ostasiatische Kunst, Köln

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Zartrosa und Lichtblau“ über „Japanische Fotografie der Meiji-Zeit (1868-1912)“ im Museum für Fotografie, Berlin.

 

Dieses Quartett schickt Regisseur Hara durch einen Reigen mehr oder weniger alltäglicher Episoden. Manche erschließen sich unmittelbar: Wenn etwa O-Ei fasziniert einem Hausbrand zusieht und dann eilends ihre Eindrücke auf Papier bannt. Nachdem ein Verleger der Unverheirateten vorgehalten hat, ihre erotischen shunga-Blätter seien nicht sinnlich genug, geht sie sogar ins Bordell, um praktische Erfahrungen zu sammeln.

 

Doch meist bleibt rätselhaft, was der Clou an dieser oder jener Konstellation sein soll. Da werden umfassende Kenntnisse vorausgesetzt, die japanisches Publikum mitbringen dürfte, deutsche Zuschauer aber kaum: von Farbsymbolik über Umgangsformen in der Edo-Zeit (1603-1868) bis zu Anspielungen auf Hokusais Meisterwerke. So besuchen er und seine Gefährten im Rotlichtviertel eine bekannte Kurtisane, um sie zu porträtieren. Sie führt sich wie eine kapriziöse Fürstin auf – solange man nicht weiß, dass solche Damen hohes Ansehen genossen, wirkt das aus westlicher Sicht recht verwirrend.

 

Kultur-Kontext bedingt alles

 

Wie vieles andere mehr: Szene um Szene demonstriert der Film, wie sehr Situationskomik und Pointen, aber auch Sentimentalität und Pathos kulturell bedingt sind – und im hiesigen Kontext leer laufen oder schlicht unverständlich werden. Dafür entschädigen nur wenige Panorama-Ansichten des damaligen Edo; mit einer Million Einwohnern im 18. Jahrhundert eine der größten Städte der Welt. Die meisten Episoden spielen jedoch in Innenräumen wie Hokusais vollgestopftem Atelier, in dem monomanisch gezeichnet und sarkastisch gewitzelt wird. Darüber können hierzulande wohl nur Japanologen lachen.


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