Basel

Sculpture on the Move 1946–2016

Ausstellungsansicht: Werke von Felix Gonzalez-Torres, Jeff Koons, Charles Ray, Katharina Fritsch (v.l.n.r.); Foto: Gina Folly. Fotoquelle: Kunstmuseum Basel

Grau in Grau ist alle Architektur: Die allgegenwärtige Nichtfarbe lässt den Erweiterungsbau des Kunstmuseums großartig und beklemmend zugleich wirken. In diesem aseptischen Umfeld kommen die Skulpturen der Eröffnungs-Ausstellung nicht in Schwung.

Die Malerei wird seit Jahrzehnten tot gesagt, und ist doch quicklebendig. Jedenfalls in Ausstellungen, die sie wahlweise feiern, wiederentdecken, neu bewerten, auf den Prüfstand stellen oder sonstwie in Bewegung halten. Wie in der Baseler Ausstellung „Painting on the Move“, die vor 14 Jahren Kunstmuseums-Direktor Bernhard Mendes Bürgi an drei Orten organisierte.

 

Info

 

Sculpture on the Move 1946–2016

 

19.04.2016 – 18.09.2016

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 20 Uhr

im Kunstmuseum Basel, St. Alban-Graben 16 + im Kunstmuseum Basel Gegenwart, St. Alban-Rheinweg 60

 

Weitere Informationen

 

Jetzt hat er mit „Sculpture on the Move“ eine Nachfolge-Schau zur Bildhauerei kuratiert. Er selbst ist gleichfalls auf dem Sprung: in Richtung Ruhestand. Der Ausstellungstitel klingt bewegter als das, was nun im neuen Erweiterungsbau des Kunstmuseums und dem frisch umbenannten Kunstmuseum Basel Gegenwart recht statisch herumsteht. Anstelle einer bewegenden Inszenierung wird eher eine Entwicklungsgeschichte der Plastik mit altbekannten großen Namen gezeigt.

 

Das unvermeidliche Calder-Mobile

 

Es geht los mit Nachkriegs-Abstraktion und Post-Surrealismus: Hans Arp macht mediterran Archaisches, Max Bill flicht ein Möbiusband in harten Granit, und ein unvermeidliches Mobile von Alexander Calder flattert unter der Decke. Dieser Reigen endet dann mit zeitgenössischen Werken von Urs Fischer, Monika Sosnowska oder einem Bauteil der Kopie der Freiheitsstatue in New York namens „We the People“ von Danh Vo.

Impressionen des Neubaus; © Kunstmuseum Basel


 

Podeste als störendes Zweckmobiliar

 

Das neue Parkett des Erweiterungsbaus erweist sich als dankbarer Untergrund für minimalistische Werke aus den 1960/70er Jahren: Darauf fühlt sich die Auslegeware von Carl Andre oder Richard Long ausgesprochen wohl. Zwischen den rechteckig arrangierten Steinbrocken der „Stone Line“ (1977) von Long scheint das Holzboden-Raster durch; für Andres quadratische Eisenplatten „10 x 10 Altstadt Square“ (1967) bildet es einen streng geometrischen Rahmen. Dagegen erscheint Ellsworth Kellys Knick- und Wippskulptur „Blue Red Rocker“ (1963) viel origineller, geradezu verspielt.

 

Diese Bildhauer setzten ihre Werke selbstbewusst auf den Boden, ohne Sockel oder Podest. Davon hatten sich schon Künstler wie Constantin Brancusi, Alberto Giacometti oder Louise Bourgeois emanzipiert, indem sie ihren Arbeiten selbst einen Fuß verpassten. Dass hier ihre Plastiken auf weiße Trockenbau-Podeste gesetzt wurden, ist keine gute Idee: Zwischen die Verbindlichkeit von Architektur und Kunstwerken drängt sich nun störendes Zweckmobiliar.

 

Erfrischende white cubes mit Eichenboden

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Film-Porträts „Eva Hesse“ – solide Doku über die 1970 verstorbene US-Künstlerin von Marcie Begleiter

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Louise Bourgeois – Strukturen des Daseins: Die Zellen – große Retrospektive der franko-amerikanischen Bildhauerin im Haus der Kunst, München

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Alberto Giacometti: Der Ursprung des Raumes“ – Retrospektive des reifen Werkes im Kunstmuseum Wolfsburg

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Richard Long: Berlin Circle & Land Art“ – Retrospektive + Auftragsarbeiten im Hamburger Bahnhof, Berlin.

 

Denn der Neubau der Architekten Emanuel Christ und Christoph Gantenbein versteht sich als die eigentliche Skulptur der Ausstellung. Ihr im April eröffnetes Gebäude ist ein monumentaler Backsteinbau vis-à-vis des alten neoklassizistischen Kunstmuseums aus den 1930er Jahren. Der monolithische Block mit mehrfach vertikal eingefaltetem Mauerwerk aus grauen Wasserstrichziegeln gliedert sich in eine hohe Sockelzone und eine schmale Kante als Dachabschluss. Dazwischen kann ein breiter Fries mit versteckten Leuchtdioden als elegant zurückhaltende Medienfassade bespielt werden.

 

Innen wie außen präsentiert sich diese Trutzburg in überwältigendem Grau in Grau. Das wirkt außen stolz und gravitätisch, tendiert aber im Inneren zum Fetischismus. Der kalte Grauton, der alle Räume beherrscht, verströmt gleichermaßen etwas Großartiges wie Beklemmendes: Decken und Wände sind eisengrau verputzt. Fußböden und die massige Treppe sind aus mittelgrau geädertem Carrara-Marmor. Handläufe, Türen, Fenster und Läden bestehen aus glänzend feuerverzinktem Stahl. In diesem Umfeld wirken die Ausstellungsräume als white cubes mit Eichenboden wie eine Erfrischung.

 

Eva Hesse tanzt

 

Und manche Exponate ebenso: Eva Hesses Plastiken werden im Kunstbetrieb gern mit feierlichem Ernst gewürdigt, weil die früh verstorbene Künstlerin als Vorläuferin feministischer Konzeptkunst gilt. Ihre große unbetitelte Arbeit aus ihrem Todesjahr 1970 wirkt hier nun aber ungemein beschwingt, ohne von kunsthistorischem Überbau beschwert zu sein: Die äußerst fragilen Fiberglas-Polyester-Skulpturen scheinen förmlich aus dem Saal tanzen zu wollen.


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