Erol Mintaş

Song of my Mother

Ali (Feyyaz Duman) fährt auf seinem Moped nach Hause in die Trabantenstadt Esenyurt. Foto: Mîtosfilm
(Kinostart: 9.6.) Gentrifizierung in Istanbul: Eine alte Kurdin muss ins Hochhaus umziehen und raubt ihrem Sohn den letzten Nerv. Sein Sozialdrama inszeniert Regisseur Erol Mintaş so voraussetzungsreich, dass es fürs hiesige Publikum kaum verständlich ist.

Es beginnt mit einem Abschied: Die Kurdin Nigar (Zübeyde Ronahi) muss ihre alte Wohnung im Istanbuler Stadtteil Tarlabaşı verlassen. Ihr erwachsener Sohn Ali (Feyyaz Duman) nimmt sie in seinem eigenen Apartment auf: in einem Hochhaus-Wohnblock im Vorort Esenyurt, rund 35 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt.

 

Info

 

Song of my Mother

 

Regie: Erol Mintaş,

103 Min., Türkei/ Deutschland 2014;

mit: Feyyaz Duman, Zübeyde Ronahi, Nesrin Cavadzade

 

Weitere Informationen

 

In den verwinkelten Gassen von Tarlabaşı hatte Nigar viele Bekannte; in Esenyurt ist sie fremd und traut sich kaum, den Aufzug zu benutzen. So wird die kleine Wohnung ihres Sohnes für sie zu einem komfortablen Gefängnis. Sobald Lehrer Ali mit seinem Moped zur Arbeit fährt, bleibt ihr wenig mehr als Radio zu hören, Gemüse zu putzen und Nüsse zu knacken.

 

Zwei Schulen + zwei Sprachen

 

Ali sorgt aufmerksam und liebevoll für seine Mutter, hat aber wenig Zeit für sie. Neben seinem Stundenpensum auf Türkisch an einer staatlichen Grundschule unterrichtet er noch ehrenamtlich kurdische Kinder in ihrer Muttersprache. Außerdem hat er literarische Ambitionen und muss sich darum kümmern, dass seine Manuskripte verlegt werden. Seine Freundin Zeynep (Nesrin Cavadzade) trifft er höchstens abends; obwohl sie Kurdin ist, sprechen beide Türkisch miteinander.

Offizieller Filmtrailer


 

Mama sitzt auf gepackten Koffern

 

Nigar ist keine pflegeleichte Mitbewohnerin: Ein altes kurdisches Lied geht ihr nicht aus dem Kopf. Sie behauptet, es stamme von einem traditionellen dengbej-Sänger, von dem weder Ali noch irgendwer sonst je gehört haben – und nötigt ihren Sohn, in Plattenläden und auf Flohmärkten danach zu suchen. Außerdem bildet sie sich ein, die Bewohner ihres anatolischen Dorfes, das sie vor Jahrzehnten wegen des Krieges gegen die PKK verlassen mussten, würden dorthin zurückkehren – und besteht darauf, ebenfalls zurückzureisen.

 

Bald sitzt Nigar buchstäblich auf gepackten Koffern; ihr Sohn kann ihr den unsinnigen Wunsch nicht ausreden. Überdies überrascht ihn Zeynep mit der Nachricht, sie sei schwanger. Was Ali vollends überfordert: Er fühlt sich nicht in der Lage, mit ihr eine Familie zu gründen – und enttäuscht damit seine Freundin zutiefst.

 

Beschränkter Horizont in Innenräumen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Bakur – North" – Doku über die PKK im anatolischen Untergrund von Çayan Demirel + Ertuğrul Mavioğlu

 

und hier eine Besprechung des Films "Mustang" – türkisches Zwangsheirats-Drama von Deniz Gamze Ergüven

 

und hier einen Beitrag über den Film Once upon a time in Anatolia – perfektes Roadmovie als Total-Panorama der Türkei von Nuri Bilge Ceylan

 

und hier eine Besprechung des Films „Babamin Sesi – Die Stimme meines Vaters“ – Familienporträt kurdischer Aleviten in der Türkei von Orhan Eskiköy.

 

Diese Szenen von kurdischem Leben in Istanbul breitet Regisseur Erol Mintaş einerseits kleinteilig aus: Geduldig sieht die Kamera dabei zu, wie Nigar in Alis Wohnung die Zeit totschlägt oder ihrem Sohn in den Ohren liegt. Andererseits erzählt der Film sehr elliptisch: Dass sich im Viertel Tarlabaşı viele Kurden ansiedelten, die in den 1980/90er Jahren aus Anatolien kamen, wird ebenso als bekannt vorausgesetzt wie das Wissen um Trabantenstädte, die derzeit am Stadtrand aus dem Boden gestampft werden – zu sehen sind sie nur kurz in der Ferne.

 

Ohnehin geizt der Regisseur mit Außenaufnahmen: Sein Sozialdrama spielt sich vorwiegend in Innenräumen mit ausführlichen Dialogen ab. Das mag den beschränkten Horizont von Mutter Nigar genauso widerspiegeln wie die begrenzten Spielräume der drei Hauptakteure, erschwert aber das Verständnis. Zumindest für Zuschauer, die weder Kurden noch Türken sind: Was die Protagonisten signalisieren, wenn sie in dieser oder jener Situation von einer Sprache zur anderen wechseln, bleibt in der Untertitelung unerfindlich.

 

Ausgeblendete Gentrifizierung

 

Zudem rückt Regisseur Mintaş das seinen Worten zufolge eigentliche Thema, Istanbuls Gentrifizierung, kaum ins Bild: Geschlossene Fensterläden und Bauschutt müssen als Andeutung dafür dienen, dass Tarlabaşı geräumt und abgerissen werden soll. Das mag dem türkischen Autorenfilm-Publikum so geläufig sein wie Konflikte zwischen analphabetischen Zuwanderern der ersten Generation mit ihren gut ausgebildeten Kindern, aber nicht dem hiesigen: Ist es sinnvoll, einen solchen Film in deutsche Kinos zu bringen?


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