James Napier Robertson

Das Talent des Genesis Potini

Der Maori Genesis Potini (Cliff Curtis, li.) bringt seinem Neffen Mana (James Rolleston) das Schachspiel bei. Foto: Koch Media

(Kinostart: 16.6.) Schach der bipolaren Störung: Regisseur Robertson porträtiert einen Maori-Meisterspieler, dessen Laufbahn in die Psychiatrie führte – danach trainierte er benachteiligte Jugendliche. Außergewöhnliches Biopic ohne Hang zum Sozialkitsch.

Genie und Wahnsinn am Schachbrett: Hat das Spiel einige seiner größten Virtuosen in tiefe geistige Krisen stürzen lassen? Das legt der Film „Bauernopfer – Spiel der Könige“ nahe, der Ende April in die deutschen Kinos kam. Regisseur Edward Zwick zeichnet das Leben des legendären US-Schachgroßmeisters Bobby Fischer nach: seinen Sieg beim WM-Duell gegen Boris Spasski 1972 in Reykjavik – und seine Paranoia, wegen der er anschließend aus der Öffentlichkeit verschwand.

 

Info

 

Das Talent des Genesis Potini

 

Regie: James Napier Robertson,

124 Min., Neuseeland 2014;

mit: Cliff Curtis, James Rolleston, Wayne Hapi

 

Website zum Film

 

Nun folgt aus Neuseeland ein Film über einen ebenso außergewöhnlichen Spieler. Der Maori Genesis Wayne Potini (1963-2011) war Blitzschachmeister seines Landes und zugleich manisch-depressiv. Nach jahrelangen Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken, in denen er viel Zeit zum Üben hatte, fand Potini in der letzten Phase seines Lebens zu seiner Mission: Am erfolgreichsten war er als Schachlehrer für arme Maori-kids.

 

Neuanfang nach der Psychiatrie

 

Der Dokumentarfilm „Dark Horse“ von Jim Marbrook machte ihn 2003 in seiner Heimat berühmt. Nach seinem überraschenden Herzinfarkt-Tod vor fünf Jahren drehte Regisseur James Napier Robertson ein bewegendes biopic, das in Neuseeland zum Kassenschlager wurde. „Das Talent des Genesis Potini“ setzt nach dem Ende seiner eigenen Schach-Karriere ein und beginnt mit der Entlassung des Protagonisten aus der Psychiatrie.

Offizieller Filmtrailer


 

Rocker-Laufbahn oder Schach-Meisterschaft

 

Potini (Cliff Curtis) zeichnet sich durch eine sehr persönliche Mischung aus Verwirrtheit und Klarsichtigkeit aus. Er sieht ein, dass er kaum in der Lage sein wird, allein seinen Alltag zu bewältigen. Auf Anraten seiner Ärzte bittet Genesis seinen Bruder Ariki (Wayne Hapi), ihn bei sich aufzunehmen. Der willigt ein, obwohl er als Mitglied einer kriminellen biker gang ein völlig anderes Leben führt als sein sensibler jüngerer Bruder.

 

Der Konflikt zwischen beiden spitzt sich zu, als Ariki seinen Sohn Mana (James Rolleston) an dessen 15. Geburtstag in seine Rocker-Truppe aufnehmen will. Stattdessen schließt sich Mana heimlich einem Jugend-Schachclub an, dessen Mitglieder sein Onkel für die Junioren-Meisterschaften in Auckland vorbereitet.

 

Raue Sitten im Maori-Prekariat

 

Dabei blüht Genesis auf, obwohl die anspruchsvolle Aufgabe an seinen psychischen Kräften nagt: Für die teenager ist er Schachlehrer, Sozialarbeiter und Motivationstrainer in Personalunion. Damit beleuchtet der Film auch die aktuelle Lage der Maori. Sie besiedelten Neuseeland zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert, ließen sich unter britischer Kolonialherrschaft im 19. Jahrhundert nicht an den Rand der Gesellschaft drängen und stellen heute rund 15 Prozent der Bevölkerung.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Bauernopfer – Spiel der Könige“ – fesselndes Drama über die Schach-WM 1972 von Edward Zwick

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Maori: Die ersten Bewohner Neuseelands“ – gelungene Überblicks-Schau im Linden-Museum, Stuttgart

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Gottfried Lindauer: Die Māori Portraits“ – einzigartige Gemälde des 1874 nach Neuseeland emigrierten Künstlers in der Alten Nationalgalerie, Berlin.

 

Formal völlig gleichberechtigt, sind die indigenen Einwohner dennoch de facto benachteiligt: Unter Maori ist der Anteil von Jugendlichen ohne Schulabschluss deutlich höher, und ihre Lebenserwartung fällt geringer aus. Wie rau es im Maori-Prekariat zugeht, zeigt Regisseur Robertson ungeschönt am Beispiel des Aufnahmerituals in Arikis Rockerbande: Novizen werden grundlos verprügelt, gedemütigt und dann gezwungen, sich an einem brutalen Raubüberfall zu beteiligen.

 

Filmdebüt des Ex-Straßenmusikers

 

Dagegen hebt sich der Titelheld positiv ab, der trotz seiner psychischen Probleme stets zu vermitteln versucht. Genesis Potini wird von Cliff Curtis auf verblüffend realistische und vielschichtige Weise verkörpert – eine Idealbesetzung. Curtis spielte bereits Hauptrollen in den neuseeländischen Maori-Filmen „Die letzte Kriegerin“ (1994) und „Whale Rider“ (2002); er wirkt öfter in Hollywood-Produktionen mit, allerdings meist nur als Nebendarsteller.

 

Hier beeindruckt seine Metamorphose vom früheren Star-Schachspieler zum gesellschaftlichen underdog mit seltsamer Kopfrasur, der im Flickengewand umherläuft und nachts im Freien schläft. Auch die anderen Darsteller überzeugen; insbesondere der Ex-Straßenmusiker Wayne Hapi bei seinem ersten Kinoauftritt als Rocker-Bruder Ariki. Ihre street credibility sorgt dafür, dass dieser etwas andere Schachfilm nie in Sozialkitsch absinkt, sondern jederzeit angenehm geerdet bleibt.


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