Hou Hsiao-Hsien

The Assassin

Tian Jian (Chang Chen, re.), Gouverneur der Provinz Weibo, in den Gemächern seiner Konkubine Huji (Hsieh Hsin-Ying). Foto: Delphi Filmverleih

(Kinostart: 30.6.) Martial Arts mit menschlichem Antlitz: Taiwans bekanntester Regisseur Hou Hsiao-Hsien dreht einen Kampfkunst-Historienfilm ohne Schwertgeklirr oder Spezialeffekte – aber mit opulenten Bildern und anspruchsvoller Auflösung.

Das verschwundene China: Taiwan zählt zu den 20 stärksten Industrienationen der Welt, ist aber auf internationalem Parkett nahezu abwesend, weil der große Bruder auf dem Festland es so will. Nur noch wenige Staaten erkennen die „Republik China“ offiziell an; seine Hauptstadt Taipeh steuern nicht viele Fluglinien an. Wohlhabend, demokratisch, aber beinahe unsichtbar: Das gilt auch für das taiwanische Kino.

 

Info

 

The Assassin

 

Regie: Hou Hsiao-Hsien,

105 Min., Taiwan/ China/ Hong Kong 2015;

mit: Shu Qi, Chang Chen, Zhou Yun, Tsumabuki Satoshi

 

Weitere Informationen

 

Die Filmindustrie der Insel produziert – oft gemeinsam mit Rotchina – rasante action-Spektakel, opulente Historien-Epen und anspruchsvolle Dramen – doch sie laufen nur selten auf Festivals, geschweige denn im regulären Kinoprogramm. Unter Taiwans Regisseuren sind allenfalls der 2007 gestorbene Edward Yang und Hou Hsiao-Hsien zumindest Cineasten bekannt: Als Köpfe der taiwanischen „Nouvelle Vague“ in den 1980/90er Jahren drehten sie eher spröde Autorenfilme über Alltagsthemen. Sie kamen bei westlichen Fachkollegen deutlich besser an als beim heimischen Publikum.

 

Strenger Stil als Kassengift

 

Vor allem Hou ist ein director’s director und Dauergast bei renommierten Festspielen: „Die Stadt der Traurigkeit“ über eine einfache Familie im Taiwan der 1940/50er Jahre gewann 1989 den Goldenen Löwen in Venedig; 2015 war er Mitglied der dortigen Jury. Kritiker schwärmen über seinen „strengen“ oder „minimalistischen“ Stil, der in langen Einstellungen das Wesentliche ausspare und dem Zuschauer viel Raum zur Reflexion lasse. Alles Qualitäten, vor denen Verleiher meist zurückschrecken; solche Werke gelten als Kassengift.

Offizieller Filmtrailer


 

An Drähten Wände hochlaufen + durch Luft fliegen

 

Umso erfreulicher ist, dass nun „The Assassin“ auf die Leinwand kommt, für den Hou in Cannes als bester Regisseur ausgezeichnet wurde. Er ist sein erster, im 9. Jahrhundert angesiedelter wuxia-Film. Das in China äußerst populäre genre entspricht in etwa westlicher fantasy: Edle Rächer-Helden aus fernen Zeiten, irgendwo zwischen Robin Hood und den drei Musketieren, besiegen alle Schurken mit übermenschlichen Fähigkeiten.

 

Deren virtuose Inszenierung schraubt sich mit wire work – die Akteure werden an unsichtbaren Drähten gezogen – in atemberaubende Höhen: Kämpfer laufen Wände hoch oder fliegen wie Raubvögel durch die Luft. Solch schwerelose Akrobatik bietet dieser Film nicht: Wenn gefochten oder mit Pfeilen geschossen wird, behalten alle Kontrahenten ihre Bodenhaftung. Und die Kamera sieht aus sicherer Entfernung zu: martial arts mit menschlichem Antlitz.

 

An Palast-Konventionen förmlich ersticken

 

Dabei mangelt es „The Assassin“ nicht an Schauwerten: Die Gemächer im Palast von Liu Lang (Chang Chen) sind so prunk- wie geschmackvoll ausgestattet. Der Militärgouverneur der nordöstlichen Provinz Weibo und seine entourage tragen kostbare Kleider und absurd aufwändige Frisuren. Ihre Bewegungen sind gemessen, ihre Worte sorgsam gewählt, ihre Handlungen zeremoniell: Diese Gesellschaft scheint an Konventionen förmlich zu ersticken. Zwischen Möbeln, Stoffen und Ritualen ist für Gefühle, gar Spontaneität, schlicht kein Platz.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „The Grandmaster“ – ästhetisiertes Martial-Arts-Epos aus Hongkong von Wong Kar-Wai

 

und hier einen Artikel über die Ausstellung „Glanz der Kaiser von China“ – hervorragender Überblick über „Kunst und Leben in der Verbotenen Stadt“ im Museum für Ostasiatische Kunst, Köln

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Isaac Julien – Ten Thousand Waves“ – beeindruckende Neun-Kanal-Videoinstallation im Wuxia-Stil im Museum Brandthorst, München

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über den Film „Monga – Gangs of Taipeh“ – grandioses Gangster-Epos aus Taiwan von Doze Niu.

 

Die Handlung ist rasch erzählt: Nie Yin-Niang (Shu Qi) wurde als Kind von ihren Eltern zu einer Nonne geschickt; sie bildete das Mädchen zur perfekten Killerin aus. 13 Jahre später erhält Nie den Auftrag, den Gouverneur zu ermorden, weil er der kaiserlichen Zentralregierung zu selbstständig geworden ist. Doch Nie zögert: Sie war einst ihrem cousin Liu zur Frau versprochen worden; sein Tod würde seine machtgierige Gattin an die Macht bringen und die Provinz ins Chaos stürzen.

 

Hinter Schleiern versteckte Kamera

 

All das sollte man vor dem Ansehen wissen: Den plot und die Familienbande der Figuren verrät die elliptische Inszenierung nur in Andeutungen. Ohnehin interessiert sich Regisseur Hou weniger für Haupt- und Nebenstränge der Intrige, als vielmehr für das Lebensgefühl der chinesischen Elite vor 1200 Jahren.

 

Wobei ihm bewusst bleibt, dass dessen Rekonstruktion unmöglich ist: Häufig bleibt die Kameralinse nicht nur im Hintergrund, sondern verbirgt sich geradezu hinter Schleiern oder in Winkeln. Dort fängt sie nur Fragmente des Geschehens ein, dessen Ablauf so zäh wie dunkel erscheint.

 

Zeitloses Schuld + Sühne-raisonnement

 

Als wäre die Kamera Teil dieser Hof-Kamarilla, deren Mitglieder mit Gerüchten und Verrat alle ihr eigenes Süppchen kochen: Jeder sucht seinen Vorteil, doch keiner hat den Überblick. Nur Nie gestattet sich eine Geste des Großmuts, indem sie die Kette von Gewalttaten und Vergeltung zerbricht.

 

So endet eine Art Meta-martial-arts-Film der prächtigen Kulissen und gestochenen Sentenzen, der im historischen Gewand zeitlose Fragen von Schuld und Sühne behandelt: kein Augenschmaus für Freunde der Kampfkunst, sondern für Liebhaber opulenter tableaus und moralischer raisonnements.


Diesen Artikel drucken