Colin Farrell + Rachel Weisz

The Lobster

David (Colin Farrell) und die kurzsichtige Frau (Rachel Weisz) fliehen durch Seegras an der Küste; © Sony/Park Circus Ltd. Fotoquelle: Yorck Kinogruppe

(Kinostart: 23.6.) Entweder in 45 Tagen unter die Haube kommen, oder als Tier zur Strecke gebracht werden: Der griechische Regisseur Giorgos Lanthimos entwirft eine ätzend surreale Parabel auf Paarungs-Zwänge und Beziehungs-Neurosen der Gegenwart.

Mit einer guten Dystopie ist es doch so: Wenn sie der Realität sehr nahe kommt, hat sie entweder alles richtig oder die Wirklichkeit alles falsch gemacht. Im Fall von „The Lobster“ trifft beides zu. Der neue Film des griechischen Regisseurs Giorgos Lanthimos spielt in einer Welt, in der die partnerschaftliche Beziehung keine Norm ist, sondern Pflicht. Und die Liebe kein Ideal, sondern Zwang.

 

Info

 

The Lobster

 

Regie: Giorgos Lanthimos,

119 Min., Irland/ Großbritannien/ Griechenland 2015;

mit: Colin Farrell, Rachel Weisz, Léa Seydoux

 

Website zum Film

 

Umso passender, dass die Geschichte in einem Paradies beginnt, das eigentlich eine Hölle ist.  Das schicke Landhotel am Seeufer ist kein Urlaubsort, sondern eine Mischung aus Besserungsanstalt und Konzentrationslager für singles. Dass es verboten ist, alleinstehend zu sein, bekommt David (Colin Farrell) zu spüren, als er zu Beginn in besagtes Hotel deportiert wird.

 

Masturbation + Tennis sind tabu

 

Dort erwartet ihn inmitten anderer singles ein totalitäres Regime zwischen Partnerbörse, whirlpool und entrückter Klassenfahrt-Atmosphäre. Die Regeln sind streng: Masturbation und „Paarspiele“ wie Tennis sind tabu; überall beobachten Videokameras die Insassen, die nur nach Zimmernummern benannt werden. Hier haben sie 45 Tage Zeit, sich neu zu verlieben. Gelingt das nicht, droht ihnen die Verwandlung in ein Tier ihrer Wahl und die anschließende Verbannung in „den Wald“. Was in etwa dem Tod gleichkommt.

Offizieller Filmtrailer


 

Apokalypse-Grünstich wie vor Gewitter

 

Das ganze setting ist so deprimierend, dass sich schnell die Frage stellt, ob letzteres nicht die attraktivere Lösung wäre: Diese in hyperrealen Bildern festgehaltene Welt wirkt nicht gerade lebenswert. Kameramann Thimios Bakatakis taucht alles in apokalyptischen Grünstich, wie man ihn kurz vor dem Hereinbrechen eines schwülen Sommergewitters erlebt. Dieser Farbton rettet die Bilder nur knapp vor dem Schwarzweiß, das Emotionen und Lebenslust der Menschen – auch der liierten – erobert zu haben scheint.

 

David ist die ideale Verkörperung einer fleischgewordenen Lethargie, die Farrell seine wohl unsexyste Rolle abverlangt. Er spielt den Mittvierziger, der stets leicht belämmert hinter seinem buschigen Schnauzbart emporblickt, mit derartigem Fatalismus, dass es schmerzt. Als er zu Anfang von der Hotelmanagerin (Olivia Colman) gefragt wird, in welches Tier er gerne verwandelt werden würde, möchte man ihm zurufen: Wehr dich! Kämpfe gegen dein Schicksal!

 

Hummer werden 100 Jahre alt

 

Doch stattdessen sagt David nur: „Ich möchte ein Hummer sein“. Denn diese Tiere, führt er aus, „werden 100 Jahre alt und sind ihr Leben lang fruchtbar“. Woraufhin Colmans Managerin mit radikal sardonischer Verve entgegnet: „Ein Hummer ist eine sehr gute Wahl. Die meisten Menschen wünschen sich einen Hund.“

 

Das Hotel ist für Regisseur Lanthimos Dreh- und Angelpunkt eines so absurden wie perversen Szenarios wie bereits in seinem ähnlich misanthropischen Familien-Drama „Dogtooth“ von 2009. In „The Lobster“ werden nicht nur Gespräche geführt, die in ihrer lakonischen Trockenheit an Filme des schwedischen Regisseurs Roy Andersson erinnern. Hier spiegelt sich auch die Welt im Kleinen: peinliche Tanzabende in der Hotel-lobby mit live band, bei denen die Insassen in entspannter Zwangsatmosphäre ihre Partner kennen lernen sollen.

 

Léa Seydoux führt Rebellen an

 

Ein hinkender Mann (Ben Whishaw) verletzt sich täglich den Kopf, um mit blutiger Nase um die Gunst einer chronisch ebenfalls aus der Nase blutenden Frau zu buhlen. Oder Jagd-Szenen im Wald, die kongenial mit Klaviermusik und Zeitlupe inszeniert werden; dabei müssen die singles jeden Nachmittag Tiere erlegen oder sich gegenseitig mit Betäubungs-Gewehren abschießen.

 

In diesem Wald, der wohl als Gegenpol zur entmenschlichten Gesellschaft verstanden werden soll, spielt der zweite Teil des Films. Dorthin flüchtet David, der angesichts der gescheiterten Partnerfindungs-Torturen doch noch sein Schicksal in die Hand nimmt. Er trifft dort auf die „Loner“; diese von einer namenlosen jungen Frau (Léa Seydoux) angeführte Rebellenschar hat sich in der Natur ein Paralleluniversum geschaffen.

 

Zu Elektro tanzende zombies auf speed

 

Indem diese Gruppe alle Werte der mainstream-Gesellschaft ablehnt, bietet aber auch sie keine wirkliche Freiheit. Hier gelten alle Regeln umgekehrt: Jegliche Annäherungen sind tabu und werden drakonisch bestraft. So zieht ein Kuss das Aufschneiden der Lippen nach sich.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Ewige Jugend“ – wunderbare Tragikomödie übers Altern von Paolo Sorrentino mit Rachel Weisz

 

und hier eine Rezension des Films „Fräulein Julie“ – Verfilmung des Dramas von August Strindberg durch Liv Ullmann mit Colin Farrell

 

und hier einen Beitrag über den Film „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“minimalistische Tragikomödie aus Schweden von Roy Andersson

 

und hier einen Bericht über den Film „Attenberg“ – bizarres griechisches Coming-of-Age-Drama von Athina Rachel Tsangari.

 

Einen Rest Hedonismus erlauben sich aber auch die „Loner“; allerdings mit ähnlich kontrollierter Ekstase wie die Hotelbewohner. Sie tanzten auf ihren Festen immer nur allein, erklärt die Anführerin dem Neuankömmling; dazu hörten sie nur elektronische Musik. Der Moment, in dem umherwackelnde, dunkelgrüne Regen-ponchos in der Abenddämmerung aussehen wie eine Horde zombies auf speed, ist einer der komischsten des Films.

 

Radikalisierung des Platonischen

 

Subtile Tragik schleicht sich kurz darauf ein, als sich zwischen David und der „kurzsichtigen Frau“ (Rachel Weisz) eine Liebesbeziehung anbahnt. In einer Welt, in der echte Liebe wegen der Ablehnung der falschen und falsche Liebe aufgrund der Ablehnung der echten beides Todsünden darstellen, bleibt den Liebenden nur der Rückgriff auf eine geheime Zeichensprache. Neben dem Tod scheint die Radikalisierung des Platonischen der einzige Ausweg zu sein.

 

Während Regisseur Lanthimos die zwischen Tristesse und Satire changierende Stimmung visuell gut einfängt, ist die akustische Ebene allzu aufdringlich. Die oft holzschnittartig eingesetzten Streichquartette von Dimitrij Schostakowitsch oder Alfred Schnittke ertränken die Szenen in unnötigem Pathos.

 

Alle elf Minuten verlieben

 

Mit der Überspitzung des heutigen Beziehungswahns ist „The Lobster“ eine gelungene Parabel auf eine Gegenwart, in der sich „alle elf Minuten ein Single über Parship verliebt“. In dieser Welt sind Paar-Bindungen einerseits die Norm; andererseits profitiert sie von der Einsamkeit ungebundener Subjekte, die frei von engen Beziehungen bestens geeignet sind, um täglich bis zur Erschöpfung zu schuften. Dafür erhielt „The Lobster“ zurecht 2015 den Jurypreis in Cannes: Wie jede gute Dystopie hilft er dabei, sich mit der Wirklichkeit zu arrangieren – und ihren verborgenen Perversionen fortan aufmerksamer zu begegnen.


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