Maria Schrader

Vor der Morgenröte – Stefan Zweig in Amerika

Stefan Zweig im brasilianischen Petropolis - neben ortsüblichem Transportmittel. Foto: © X Verleih

(Kinostart: 2.6.) Letzte Station Petrópolis: Star-Literat Stefan Zweig nahm sich 1942 in Brasilien das Leben. Regisseurin Maria Schrader rekonstruiert behutsam seine Depressionen im Exil; Josef Hader beeindruckt als Autor, dem seine Welt abhanden kommt.

Wenn schon Flucht ins Exil, dann bitte so, sollte man meinen: Wo immer Stefan Zweig (1881-1842) hinkam, empfing ihn eine Schar von Bewunderern. Er war neben Thomas Mann der meistgelesene deutschsprachige Autor der Zwischenkriegszeit – weltweit geschätzt für seine historischen Novellen und Essays voll feinfühliger Psychologie. Allerorten richtete man Empfänge und Bankette zu seinen Ehren aus; sein Wort hatte stets Gewicht.

 

Info

 

Vor der Morgenröte – Stefan Zweig in Amerika

 

Regie: Maria Schrader,

106 Min., Deutschland/ Frankreich/ Österreich 2016;

mit: Josef Hader, Barbara Sukowa, Aenne Schwarz

 

Website zum Film

 

Dennoch beging Zweig im Februar 1942 gemeinsam mit seiner zweiten Frau Lotte Selbstmord: im brasilianischen Petrópolis, einer idyllischen Kleinstadt nahe Rio de Janeiro. Fernab der Kriegsschauplätze in Europa, ohne materielle Sorgen, als Inhaber eines Dauervisums, das ihm beliebiges Reisen gestattete. In Brasilien war er ein Star-Literat, der überall Beifall fand – doch er schied freiwillig aus dem Leben. Warum?

 

Psychogramm aus subtilen Schlaglichtern

 

Den Beweggründen seines Freitods nähert sich Maria Schrader auf denkbar diskrete Weise. Für ihr biopic hat die Schauspielerin, die zum zweiten Mal Regie führt, vier Stationen samt Prolog und Epilog aus den sechs letzten Lebensjahren von Zweig ausgewählt. Alle Episoden sind mehr oder weniger alltäglich – aber sie enthüllen bezeichnende Facetten seines Charakters und Temperaments. Dadurch wird sein letzter Entschluss wenn nicht verständlich, so doch zumindest nachvollziehbar: ein Psychogramm aus subtilen Schlaglichtern.

Offizieller Filmtrailer


 

Verlegen lächelnder Weltbürger

 

Anfangs wird er als gefeierter Großschriftsteller eingeführt: Im August 1936 stellt Brasiliens Außenminister Soarez im Jockey-Club von Rio den gebürtigen Wiener, der seit zwei Jahren in London wohnt, der Elite seines Landes vor. Begeisterter Applaus umbrandet Josef Hader als Zweig, der ihn dankbar entgegennimmt – bei aller noblesse des Weltbürgers immer noch ein wenig schüchtern lächelnd.

 

Diese etwas linkische Verlegenheit behält Hader den ganzen Film lang bei; als fühle sich sein homme de lettres bei öffentlichen Auftritten immer leicht fehl am Platz. Der Kabarettist, der sonst eher in schwarzhumorigen Österreich-Krimis auftritt, spielt das großartig: Damit verleiht er seiner Figur, die längst in den Klassiker-Olymp entschwunden ist, zutiefst menschliche Züge.

 

Tränen bei Donauwalzer in den Tropen

 

Sie treten noch deutlicher einen Monat später auf dem P.E.N.-Kongress im argentinischen Buenos Aires hervor. Zweig ist Ehrengast des internationalen Schriftstellerverbands. Von ihm wird eine flammende Verurteilung des Dritten Reichs erweitert, doch er weigert sich – trotz seines entschiedenen Pazifismus und Humanismus: „Ich werde nicht gegen Deutschland sprechen. Ich würde nie gegen ein Land sprechen.“ Er will sich keine holzschnittartige Sicht der Welt aufzwingen lassen – obwohl der Krieg sie in Freund und Feind scheidet.

 

Fünf Jahre später begleitet der Film Zweig und seine junge Frau Lotte durch eine Zuckerrohr-Plantage im Norden Brasiliens. Beide sammeln Material für ein Buch, das er über das Land schreiben will. Alle Einheimischen begegnen ihnen zuvorkommend, Lotte (Aenne Schwarz) übersetzt geschmeidig – und doch ist unübersehbar, wie fremd und verloren sich beide im feuchtheißen Klima der Tropen fühlen. Ihnen zu Ehren spielt eine Provinz-Kapelle den Donauwalzer; ihre Katzenmusik treibt Zweig Tränen in die Augen.

 

Ein halber Kontinent will fliehen

 

Wenige Tage darauf in New York: Zweig besucht seine erste Frau Friderike (Barbara Sukowa); beide ließen sich 1938 scheiden. Erst vor kurzem konnte die Ex-Gattin mit ihren Töchtern dank seiner Vermittlung in die USA einreisen – nun legt sie ihm einen Briefstapel vor: Etliche Bittsteller ersuchen ihn um dieselbe Hilfe. Der Adressat ist erschöpft und beklagt seine Ohnmacht; er könne nicht einem „halben Kontinent“ zur Flucht verhelfen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Die Poetin“ – Biopic über die US-Dichterin Elizabeth Bishop im brasilianischen Exil von Bruno Barreto

 

und hier einen Bericht über den Film „Vergiss Mein Ich“ – Psychodrama über Amnesie von Jan Schomburg  mit Maria Schrader

 

und hier einen Beitrag über den Film „Das ewige Leben“ – schwarzhumoriger Österreich-Krimi von Wolfgang Murnberger mit Josef Hader

 

und hier eine Rezension des Films „Hannah Arendt“ – Biopic der Philosophin von Margarete von Trotta mit Barbara Sukowa.

 

Ende 1941 haben sich Zweig und Lotte in Petrópolis niedergelassen. Dort trifft er zufällig einen alten Bekannten wieder: Ernst Feder, wie er selbst jüdischer Abstammung und bis 1933 Redakteur beim „Berliner Tagblatt“. Feder versucht, ihn aufzumuntern, und spielt mit ihm Schach – als Vorbereitung für seinen letzten literarischen Erfolg, die „Schachnovelle“.

 

Land der Zukunft wird es immer bleiben

 

Dass sich der Film auf solche unspektakulären Momente beschränkt, macht seine Stärke und Eleganz aus. So kann sich Regisseurin Maria Schrader darauf konzentrieren, Atmosphärisches einzufangen: Wie Gewöhnliches in der Fremde plötzlich unvertraut wird, wie Sehnsucht nach der verlorenen geographischen und geistigen Heimat alles grundiert, und wie Ruhm allmählich zur unentrinnbaren Last wird. Dabei bleibt die Kamera ganz nah an den Protagonisten; alle Szenen wirken nie historisch entrückt, sondern stets gegenwärtig. Das Ende kommt zwar unvermittelt, doch nicht überraschend.

 

Als hommage an sein Gastland hatte Zweig noch 1941 das Buch „Brasilien. Ein Land der Zukunft“ veröffentlicht. Damit setzte er sich zwischen alle Stühle: Der nationalistischen junta war es nicht hymnisch genug, die linke Opposition kritisierte es als Anbiederung an die Regierung. Später wurde der Titel zur ironischen Redensart verdreht: „Brasilien ist das Land der Zukunft – und wird es immer bleiben.“ Sein Schöpfer sah für sich dort keine mehr.


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