Nicole Kidman + Chiwetel Ejiofor

Vor ihren Augen

Die Staatsanwältin Claire (Nicole Kidman) und Ray (Chiwetel Ejiofor) wollen endlich den Mörder finden. Credit: Karen Ballard © 2015 STX Productions, LLC. All Rights Reserved. Fotoquelle: Universal Pictures

(Kinostart: 9.6.) Nach 13 Jahren rollen Staatsanwältin und Ermittler einen ungelösten Mordfall neu auf: Die US-Version des argentinischen Gewinnerfilms des Auslands-Oscar von 2010 gerät Regisseur Billy Ray gefälliger, aber auch pathetischer.

Auge um Auge und Zahn um Zahn: Das alttestamentarische Rache-Prinzip ist – zumindest in unseren Breiten – vom staatlichen Gewaltmonopol abgelöst worden. Doch was, wenn die Instanzen der Justiz versagen und erlittenes Unrecht nicht gesühnt wird? Davon handelt „Vor ihren Augen“: als dichtes Psychogramm, das die zerstörerische Kräfte vorführt, die Rache freisetzen kann. Der US-Krimi ist eine Adaption des argentinischen Filmes „In ihren Augen“ („El Secreto de Sus Ojos“) von Juan José Campanella, der dafür 2010 den Auslands-Oscar erhielt.

 

Info

 

Vor ihren Augen

 

Regie: Billy Ray,

111 Min., USA 2016;

mit: Julia Roberts, Nicole Kidman, Chiwetel Ejiofor

 

Website zum Film

 

Los Angeles 2002: Kurz nach den Terroranschlägen des 11. Septembers werden die beiden FBI-Ermittler Jess (Julia Roberts) und Ray (Chiwetel Ejiofor) für eine Anti-Terrorismus-Einheit ausgewählt. Die beiden sind befreundet und arbeiten als eingespieltes Team mit der Staatsanwältin Claire Stone (Nicole Kidman) zusammen. Zwischen Ray und Claire knistert unausgesprochene Zuneigung, doch die kühle und ehrgeizige Harvard-Absolventin ist bereits verlobt.

 

Tatverdächtiger ist V-Mann

 

Dann wird die Leiche eine jungen Frau gefunden: Caroline, die Tochter von Jess, ist brutal vergewaltigt und ermordet worden. Ray findet schnell einen Tatverdächtigen namens Marzin (Joe Cole), doch das Ermittler-Trio muss entsetzt feststellen: Marzin ist V-Mann der eigenen Anti-Terror-Einheit. Er genießt besonderen Schutz der Behörden: Um eine geheime Operation nicht zu gefährden, wird Marvin auf freien Fuß gesetzt. Selbst Staatsanwältin Claire sind auf Weisung von oben die Hände gebunden.

Offizieller Filmtrailer


 

Neue Identität als Kleinkrimineller

 

Los Angeles 2015: Ray, Jess und Claire sehen sich 13 Jahre nach diesen Vorfällen wieder. Sie haben bei allen drei Spuren hinterlassen. Ray hat, von Schuldgefühlen geplagt, seinen Beruf aufgegeben; Jess konnte den Tod ihrer Tochter nicht verwinden und ist davon gezeichnet. Claire hat im Justizapparat Karriere gemacht, leidet aber noch immer unter der einst erlebten Ohnmacht und unter ihrer unglücklichen Ehe.

 

Nun hat Ray eine neue Spur gefunden. Jahrelang forstete er unermüdlich Polizei-Karteien durch, um Marzin wiederzufinden, der nach den damaligen Geschehnissen untergetaucht war. Ray glaubt, dass Marvin als Kleinkrimineller die Identität eines gewissen Beckwith angenommen hat.

 

Privater Ermittlungs-Feldzug

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Money Monster“ – hervorragender Finanzmarkt-Thriller mit Julia Roberts von Jodie Foster

 

und hier eine Rezension des Films „Stoker“ – stilvoller Thriller mit Nicole Kidman von Park Chan-wook

 

und hier einen Bericht über den Film „Twelve Years a Slave“ – Sklaverei-Saga mit Chiwetel Ejiofor von Steve McQueen

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über den Film „In ihren Augen“ – Thriller-Melodram von Juan José Campanella, prämiert mit dem Auslands-Oscar 2010.

 

Ray und Claire ermitteln noch einmal auf eigene Faust, um Marzin endlich zu bestrafen. Dabei überschreiten sie mehrfach ihre legalen Kompetenzen als Ermittler; die Grenze zwischen ihren beruflichen Pflichten und persönlichen Rachegelüsten löst sich auf. Als beide die Wahrheit herausfinden, bringt sie nicht die erhoffte Genugtuung.

 

Regisseur Billy Ray hat sich bislang vor allem als Drehbuchautor einen Namen gemacht. Im Vergleich zur argentinischen Vorlage von 2010 hat er einige Veränderungen vorgenommen: So ist nun die Mutter der Ermordeten zugleich eine Kollegin des Ermittlers. Auch die Rolle des Tatverdächtigen bekommt einen neuen Akzent.

 

Behauptete love story

 

Seinen dritten Spielfilm inszeniert Billy Ray als dichtes Kammerspiel. Zwischen Gegenwart und Rückblende hin und her springend, rollt der Film den Fall Schritt für Schritt auf – bis zur überraschenden Auflösung. Allerdings bleibt die hochkarätige Besetzung leicht hinter den Erwartungen zurück.

 

Vor allem Nicole Kidman wirkt sehr distanziert, so dass ihre verhinderte Liebesgeschichte mit dem einfachen FBI-Agenten nur behauptet erscheint. Zudem hat Regisseur Billy Ray den Stoff, der im Original deutlich melodramatische Züge trug, stark amerikanisiert: Das lässt seine Version zwar gefälliger, aber auch pathetischer geraten.


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