Carlos Saura

Argentina

Foto: © 2016 Concorde Filmverleih GmbH

(Kinostart: 7.7.) Kleine Gesten eröffnen eigene Welten: Spaniens Regie-Legende Carlos Saura widmet Argentiniens regionalen Tanz- und Musik-Stilen eine hochkarätige Hommage – mit spartanischer Inszenierung, sanftem Pathos und sinnlicher Wirkung.

Mit Filmen wie „Flamenco“ (1995) und „Tango“ (1998) hat Carlos Saura bereits den großen Tanztraditionen Spaniens und Argentiniens filmische Denkmäler gesetzt. Nun erforscht er mit „Argentina“ die Wurzeln der Folklore im Süden Lateinamerikas: das lokal gewachsene Rohmaterial, eine Vielfalt von Tänzen und musikalischen Stilistiken.

 

Info

 

Argentina

 

Regie: Carlos Saura,

89 Min., Argentinien/ Frankreich/ Spanien 2015;

mit: Pedro Aznar, Gabo Ferro, Horacio Lavandera

 

Weitere Informationen

 

Dafür holt er Tänzer und Musiker abermals in die Architektur eines kargen Rohbaus, errichtet Bühnen und Tanzböden, Spiegel und Leinwände und lässt in dieser artifiziellen Umgebung die geschichtsträchtigen Songs und Choreografien wieder auferstehen. Aus ihren durchaus disparaten Ursprünge setzt sich Argentiniens heutige Nationalkultur zusammen.

 

Einflüsse von Afrika bis Ukraine

 

So hat die Copla spanische Wurzeln; die treibende Rhythmik des Malambo in der südlichen Pampa geht auf afrikanische Ursprünge zurück, während Zamba und Vidala sich aus indigenen Quellen speisen. Aber auch polnische, deutsche und ukrainische Einwanderer haben in der argentinischen Musik ihre Spuren hinterlassen.

Offizieller Filmtrailer


 

Von der Tanz-Probe zum Schminktisch

 

An diese Zusammenhänge wird anfangs mittels Einblendung von Text erinnert, doch bald lässt Saura fast nur noch Bilder und Klänge sprechen. Ob man seine museale Präsentations-Form nun für angemessen hält oder nicht: Die hervorragenden Akteure lassen den asketischen Rahmen der Inszenierung bald vergessen. Jedes Lied, jeder Tanz eröffnet eine eigene Welt: aus – je nachdem – Herzschmerz, revolutionärem Zorn, zu ritueller Praxis geronnener Lebensfreude und natürlich dem ewigen Spiel der Geschlechter.

 

Letzteres findet seinen Ausdruck vor allem in Paar- und Formations-Tänzen, die von Saura mit minimalistischen Handgriffen inszeniert werden. Zuweilen scheint es, als wohne man einer Probe bei, in der der Choreograf seine Solisten ermahnt, beim Chamaé „mehr Ausdruck bei den Umarmungen“ zu zeigen. Oder er fordert „mehr Köperkontakt, mehr Mimik“, worauf die Tänzer sofort Taten folgen lassen. Danach schaut man Tänzerinnen am Schminktisch über die Schulter, während sie in ihre Rollen als nächtlich umherstreifende Katzen schlüpfen.

 

Duell zweier Tänzer mit Stiefeln + bolas

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Flamenco, Flamenco“ – Doku über Spaniens traditionellen Tanz- + Musik-Stil von Carlos Saura

 

und hier eine Besprechung des Films „Feuer bewahren – nicht Asche anbeten“ – Doku über den Choreografen Martin Schläpfer von Annette von Wangenheim

 

und hier einen kultiversum-Bericht über den Film „Pina – tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren“ – 3D-Doku von Wim Wenders über das Tanz-Theater von Pina Bausch

 

und hier einen Beitrag über „La Danse – Das Ballett der Pariser Oper“ – Doku von Frederick Wiseman.

 

Oft sind es kleine Gesten mit großer Wirkung, die den Film vorantragen, von einer Überraschung zur nächsten. Ein artistischer Höhepunkt ist zweifellos das Duell zweier Tänzer,  die mit dem Klack-Klack ihrer Stiefel und zweier kreisender bolas, also mit Gewichten besetzten Riemen, ein perkussives Feuerwerk entfachen und dabei stets Haltung bewahren. Während die Tänze auf ihre Weise Geschichte erzählen, kommen die Musiker ohne derlei aus; sie tragen sie selbst mit sich herum.

 

So dienen ihre Lieder in dieser hochkarätigen Nummernrevue als Dreh- und Ruhepunkte. Freunde argentinischer Musik dürfen sich auf Legenden wie die Sänger und Gitarristen Pedro Aznar und Gabo Ferro oder den Pianisten Horacio Lavandera freuen. An die Nationalheldin Mercedes Sosa, genannt „La Negra“, erinnert eine Filmeinspielung vor einer Schulklasse: Sie nimmt das Erbe der 2009 verstorbenen Sängerin singend auf, schlägt mitwiegend den Takt und trägt so ihr Werk weiter.

 

Lehren, ohne zu belehren

 

Zwischen spartanischer Inszenierung und sanftem Pathos erzeugt der Film schnell seine eigene Dynamik. Es ist nicht nur eine varieté-show voller großer Namen und Momente, sondern mehr: ein Fest für Kenner und eine Einladung an interessierte Laien, die lehrt, ohne zu belehren und kulturhistorische Erläuterungen ausspart zugunsten unmittelbarer, sinnlicher Wirkung. 


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