Alexander Fehling

Atomic Falafel

Die Geheimwaffe Falafel hält die Moral der kämpfenden Truppe aufrecht. Foto: Movienet Filmverleih

(Kinostart: 14.7.) Den Weltfrieden mit Kichererbsen-Bällchen retten: Mit seiner bitterscharfen Kriegstreiber-Komödie zieht Regisseur Dror Shaul alle durch den Kakao – Israels Regierung und Armee wie iranische Gegenspieler und deutsche Pazifisten.

Vor genau einem Jahr wurde in Wien ein Atomwaffenabkommen mit dem Iran geschlossen: Teheran verpflichtet sich, die Atomenergie rein zivil zu nutzen und seine Bestände an angereichertem Uran drastisch zu reduzieren. Die internationalen Wirtschaftssanktionen werden schrittweise abgebaut; die Welt atmete erleichtert auf.

 

Info

 

Atomic Falafel

 

Regie: Dror Shaul,

100 Min., Israel/ Deutschland 2015;

mit: Alexander Fehling, Michelle Treves, Mali Levi Gershon

 

Weitere Informationen

 

Nur Israels Ministerpräsident Benjamin „Bibi“ Netanjahu stellte sich quer; er quittierte den umstrittenen deal bei seiner Rede vor der UN-Vollversammlung mit langem Starren in die schweigenden Gesichter der Diplomaten. Wer zwinkert zuerst? In diesem Kinderspiel gipfelt auch „Atomic Falafel“, eine Krisenaufbereitungs-Satire des israelischen Regisseurs Dror Shaul.

 

Israels rein ziviler Atomreaktor

 

Wie es sich für eine screwball comedy gehört, ist die Handlung so windungsreich wie absurd. Sie beginnt zunächst in der Nahe eines israelischen Atomreaktors, der natürlich ebenfalls nur der zivilen Nutzung dient. Trotzdem treiben sich in der Gegend auffallend viele Militärs herum.

Offizieller Filmtrailer


 

Allergisch auf angereichertes Uran reagieren

 

Die Witwe Mimi (Mali Levi Gershon), deren Mann bei einem Strahlungsunfall ums Leben kam, kämpft seit Jahren um ihre Hinterbliebenen-Rente. Sie hält sich über Wasser, indem sie Falafel-sandwiches aus ihrem food truck an die ausgehungerten Soldaten verkauft, die dort ihre Manöver abhalten – und nebenbei eine streng geheime Kommandozentrale der Armee bewachen. Ihr hilft ihre frühreife Tochter Nofar (Michelle Trevis); beide sind auf ihre Weise ausgehungert und auf der Suche nach einem Mann.

 

Während Nofar vergeblich versucht, von ihrem hacker-Freund Meron defloriert zu werden, bietet sich für Mimi eine Chance in Gestalt des deutschen Oliver Hann (Alexander Fehling). Er gehört zur Untersuchungs-Kommission der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) und sucht derzeit in Israel nach jenen Atomwaffen, die es offiziell nicht gibt. Der Mikado-Europameister hat eine spezielle Fähigkeit: Er reagiert allergisch auf angereichertes Uran. Das macht ihn zum idealen Spürhund nach faulen Tricks im internationalen Atomwaffen-Poker.

 

Teenager sollen Atomkrieg verhindern

 

Leider reagiert er auch allergisch auf scharfes Essen; da ihm Mimi eine Extraportion Chilipaste aufs Brot schmiert, haut ihn sein erster israelischer Falafel sofort aus den Schuhen. Seine Weiterreise in den Iran verzögert sich – zum Ärger von Generälen, Geheimdienstlern und Ministern, die in der nahen, geheimen Militärbasis den atomaren Erstschlag gegen Teheran vorbereiten.

 

Die versammelten Kriegstreiber sind eine schrille Karikatur israelischer Falken; sie scheinen, unter steter Berufung auf den holocaust, zu allem fähig zu sein. Ihre iranischen Gegenspieler stehen ihnen in nichts nach, wie bald offensichtlich wird. So ruht die Hoffnung der Welt, wenn sie vom atomaren Abgrund wüsste, bald auf drei Teenagern: Nofar hat sich inzwischen übers Internet mit einer iranischen Rapperin angefreundet und will gemeinsam mit ihr den drohenden Atomkrieg verhindern.

 

Bitterscharfe Humor-Gastronomie

 

Das sind die Zutaten für die israelische Version von „Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“, Stanley Kubricks ätzender Satire auf nukleare Scharfmacher von 1964. Der „Atomic Falafel“ ist bis zum Rand gefüllt mit jener Mischung aus bitterem Klamauk und messerscharfer Analyse, die jüdischen Humor so lecker macht wie israelische Gastronomie mit ihrer gesunden Mischung aus bitter und scharf.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Am Ende ein Fest“ – warmherzige Sterbehilfe-Tragikomödie aus Israel von Sharon Maymon + Tal Granit

 

und hier einen Beitrag über den Film „Bethlehem“ – brillantes Spionagedrama im Nahostkonflikt von Yuval Adler

 

und hier einen Beitrag über den Film „Die Reise des Personalmanagers“ – herrlich absurde Tragikomödie über Leichen-Überführung aus Israel von Eran Riklis.

 

Bei Regisseur Dror Shaul bekommt wirklich jeder sein Fett weg; allen voran die eigene Regierung und Armee sowie deren iranische Gegenspieler, dazu allerlei Autoritäten und Heuchelei im Allgemeinen, und nicht zuletzt: die guten Deutschen. Alexander Fehling spielt den deutschen Pazifisten mit entwaffnender Arglosigkeit; er will eigentlich alle umarmen und befrieden, weil die Welt ohne Atomwaffen ein besserer Ort wäre.

 

Simultan-Übertragung dank Virus

 

Abgesehen davon, dass sein Gesicht den halben Film lang aufgrund allergischer Schocks so angeschwollen ist wie sein Ego, zählt Oliver zu den Gewinnern des Films: Sein Plädoyer für totale Abrüstung wird dank eines computer-Virus auf TV-Bildschirme weltweit übertragen – er scheint auch, Mimis Freudenschreien nach zu urteilen, ein guter Liebhaber zu sein. Ob er damit aber den Weltfrieden retten kann?

 

Allerdings fällt der Film im direkten Vergleich mit „Dr. Seltsam“ doch ab: Ihm fehlt dessen stilsichere Brillanz. Es gibt Längen und Durchhänger, auf der Leinwand wie im soundtrack aus israelischem bubblegum pop und iranischen Farsi rap, und nicht alle Schauspieler sind so gut wie beide Hauptdarstellerinnen. Doch im Gegensatz zu Kubricks Klassiker bietet Regisseur Shaul eine hoffnungsvolle Perspektive, indem er auf die nachwachsende Generation setzt.


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