Nick Read

Bolschoi Babylon

Aufführung des Moskauer Bolschoi-Balletts. Foto: Polyband

(Kinostart: 21.7.) Vom Olymp zur Müllhalde: Ein Säure-Attentat auf den Ballettdirektor machte 2013 klar, dass am berühmtesten Theater Russlands vieles im Argen liegt. Die Doku von Regisseur Nick Read verliert sich in babylonischem Stimmengewirr.

„Es gibt nicht viele Marken, die Russland repräsentieren: Eine ist das Bolschoi-Theater. Die andere Marke ist die Kalaschnikow. Aber sie ist aus der Mode gekommen. Dagegen charakterisiert das Bolschoi-Theater Russland wie nichts anderes.“ – Mit diesem markigen Zitat vom Vorsitzenden des Bolschoi-Stiftungsrats setzt der Film ein.

 

Info

 

Bolschoi Babylon

 

Regie: Nick Read,

87 Min., Russland/ Großbritannien 2015;

mit: Maria Alexandrowa, Wladimir Urin, Sergej Filin

 

Engl. Website zum Film

 

In dieselbe Kerbe haut auch Ministerpräsident Dmitri Medwedew: Er preist das Bolschoi als „Geheimwaffe“. Sie werde in andere Länder entsandt, weil die „universale Sprache des Balletts und der Oper“ überall verstanden werde. Staatstragende Kunst auf höchstem Niveau als Fortsetzung von Diplomatie mit anderen Mitteln.

 

Attentat wegen zu kleiner Rollen

 

Im Januar 2013 wurde jedoch der glänzende Ruf des Bolschoi zutiefst erschüttert: Auf den künstlerischen Leiter der Ballett-Kompagnie Sergej Filin, ein früherer Star-Tänzer, wurde ein Säureanschlag verübt. Der Künstler erlitt schwere Verletzungen im Gesicht und verlor zum Teil sein Augenlicht. Täter und Auftraggeber waren schnell gefunden: Dahinter steckte ein Solotänzer, der sich und seine Freundin bei der Rollenvergabe benachteiligt sah. Einkommen und Prestige der Tänzer hängen davon ab, wie groß ihre Rollen sind und wie oft sie an Tourneen teilnehmen.

Offizieller Filmtrailer


 

900 Akteure bespielen 1800 Plätze

 

Zum Zeitpunkt des Anschlags hielt sich Regisseur Nick Read gerade in Moskau auf. Er nutzte die Gelegenheit und begann mit den Dreharbeiten zu dieser Doku. Sein Blick auf die 250 Jahre alte Institution ist der eines faszinierten Außenstehenden aus dem Ausland: Durchkomponierte Hochglanz-Bilder zeigen Pracht und glamour der Kostüme und aufwändigen Bühnen-Kulissen. Sie feiern die strahlenden und zugleich leidenden Körper der Tänzer, die viel für den geliebten Beruf opfern: Jugend, Gesundheit und Familie.

 

Im weltweiten Vergleich ist das Moskauer Theater ein gigantischer Betrieb; seine 1800 Zuschauerplätze sind meist ausverkauft. Rund 900 Schauspieler, Tänzer, Sänger und Musiker bestreiten die allabendlichen Vorstellungen. Allein die Ballett-Kompagnie, das internationale Aushängeschild, umfasst etwa 250 Personen. Viele mögliche Gesprächspartner für Regisseur Read: Er interviewte den neuen Intendanten Wladimir Urin, diverse Tänzerinnen und Tänzer, einen Filin-Kontrahenten, einen Ex-Leiter der Ballett-Kompagnie und viele mehr.

 

Schuld sind immer die anderen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Feuer bewahren – nicht Asche anbeten“ – Tanz-Doku über den Choreographen Martin Schläpfer von Annette von Wangenheim

 

und hier einen kultiversum-Bericht über den Film „La Danse – Das Ballett der Pariser Oper“: Doku von Frederick Wiseman

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über den Film „Pina – tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren (3D)“: Doku von Wim Wenders über das Tanztheater von Pina Bausch.

 

In Russland sind etliche von ihnen bekannte Stars, doch hiesige Zuschauer dürften bei dieser Fülle von Stimmen die Orientierung verlieren. Das Anschlagsopfer Sergej Filin selbst kommt erst spät zu Wort, wobei sich alle Interviewpartner recht unkonkret ausdrücken. Zwar prangern sie Korruption, Missgunst und Vetternwirtschaft im Bolschoi an – aber Namen oder Beweise nennen sie nicht. So erzählt eine Primaballerina, dass viele Kolleginnen von den Mächtigen protegiert würden, aber ihr selbst sei das nie passiert; sie bekomme nicht einmal Blumen nach der Vorstellung. Naja, wer’s glauben mag. Schuld sind auch im Bolschoi immer nur die anderen.

 

Wiederholt äußern Protagonisten die Meinung, der Zustand des Bolschoi würde den Zustand Russlands widerspiegeln. Doch solche plakativen statements scheinen eher den Tunnelblick von Künstlern widerzuspiegeln, für die ihre Bühne die ganze Welt bedeutet und die übrige Welt außerhalb der Bühne unwichtig ist. Sie variieren allenfalls die in Russland häufig anzutreffende Neigung zu Pathos und Überhöhung; Zwischentöne kommen kaum vor. Das Bolschoi ist wahlweise der „Olymp“ oder eine „rattenverseuchte Müllhalde“.

 

Schwanensee ad infinitum

 

All diese O-Töne lässt Nick Read unkommentiert nebeneinander stehen. Das ist zwar unter Dokumentarfilmern weit verbreitet, doch dadurch lässt sich der Wahrheitsgehalt der einzelnen Aussagen schwer einordnen. Zudem erfährt man wenig über künstlerische Hintergründe: Welchen Ansatz verfolgte Filin, dem im Juli 2015 gekündigt wurde – war er Bewahrer oder Erneuerer? Wie traditionell oder modern ist eigentlich das Repertoire des Bolschoi? Aus dem Film gewinnt man jedenfalls den Eindruck, dort werde hauptsächlich Schwanensee ad infinitum getanzt.


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