Andrina Mračnikar

Ma Folie

Hanna (Alice Dwyer) und Yann (Sabrin Tambrea) haben eine leidenschaftliche Amour Fou, die durch Eifersucht zum Albtraum wird. Foto: W-film Distribution

(Kinostart: 21.7.) Der Feind aus meinem Bett: Ein verflossener Geliebter wandelt sich zum hasserfüllten Stalker – und die Amour-Fou-Geschichte zum Psychothriller, den die österreichische Regisseurin Andrina Mračnikar raffiniert in der Schwebe hält.

Es beginnt wie in einem Kitschroman: Nach der Trennung von ihrem Freund Goran (Oliver Rosskopf) erholt sich Hanna (Alice Dwyer) in Paris. In einem Café trifft sie Yann (Sabin Tambrea) – und beide verlieben sich Hals über Kopf ineinander. Sie erleben euphorische Flitterwochen, bis Hanna nach Wien zurückfährt, wo sie als Kinder-Therapeutin arbeitet.

 

Info

 

Ma Folie –
Deine Liebe. Deine Lügen

 

Regie: Andrina Mračnikar,

99 Min., Österreich 2015;

mit: Alice Dwyer, Sabin Tambrea, Oliver Rosskopf

 

Website zum Film

 

Yann schickt ihr aus Paris kleine Video-Liebesbotschaften; sehr poetisch, sehnsuchtsvoll und romantisch. Darüber hinaus ist er zuvorkommend, leidenschaftlich und so verliebt, dass er Hanna nach Wien folgt. Ihr perfektes Glück muss aber bald dem Alltag weichen.

 

Verschwundener schickt hate-Videos

 

Yann verändert sich langsam; er wird misstrauisch und grundlos eifersüchtig. Er will Hanna ganz für sich haben, was schließlich zum Bruch führt. So schnell, wie Yann in Hannas Leben aufgetaucht ist, scheint er auch wieder zu verschwinden – bis er neue, diesmal hasserfüllte Video-messages schickt.

Offizieller Filmtrailer


 

Theoretisch gewappnet, praktisch nicht

 

Wäre dieser Film Musik, wäre es ein bastard pop-Mix aus verschiedenen Stilen, deren Grenzen allmählich verschwimmen: Nach einem wunderbar luftigen Anfang schlägt die story schleichend in ein bedrohliches Psychodrama um. Wie auch viele Filme des renommierten österreichischen Regisseur Michael Haneke, etwa „Bennys Video“ (1992) oder „Das weiße Band“ (2009); Andrina Mračnikar ist seine Schülerin. Die Regisseurin versteht ihr Kino-Debüt als genre-Film, der sich nicht auf ein einzelnes genre festlegen lässt.

 

Sie macht es dem Zuschauer nicht einfach: Der Fokus wechselt ständig zwischen Yann und Hanna sowie mehreren Nebenfiguren hin und her. Dazu kommt noch Sarema: Als Therapeutin betreut Hanna das traumatisierte tschetschenische Mädchen, dessen Zustand quasi ihren eigenen vorwegnimmt. Die Psychologin ist zwar theoretisch gewappnet, die Mechanismen ihrer fatalen Beziehung zu Yann zu durchschauen, kann aber ihre Situation nicht verändern.

 

Stalker fällt in Donaukanal

 

Dabei bleibt ihr die Kamera sehr nah; ihr Tunnelblick vermittelt sehr anschaulich Hannas aufsteigende Paranoia, während der Film oft unvermutete Haken schlägt. Yann lässt ihr keine Ruhe, weil er ständig als eine Art Wiedergänger unvermittelt auftaucht. Als er bei einem Streit in den Donaukanal fällt und im Wasser verschwindet, wird die Geschichte zum Krimi. Die Polizei befragt Hanna als wichtigste Zeugin, wobei erstmals das passende Wort fällt: stalking.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Love Steaks“ – rasant realistischer Film über Amour-Fou-Jugendliebe von Jakob Lass

 

und hier eine Rezension des Films „Die unerschütterliche Liebe der Suzanne“ – ergreifendes Amour-Fou-Melodram von Katell Quillévéré

 

und hier einen Beitrag über den Film „Liebe – Amour“ – Drama über das Lebensende eines alten Ehepaars von Michael Haneke, prämiert mit der Goldenen Palme 2012

 

und hier eine Kritik des Films „Ludwig II.“ – Biopic über den bayerischen König von Peter Sehr + Marie Noëlle mit Sabin Tambrea in der Titelrolle.

 

In typisch österreichischer Manier ist „Ma Folie“ kein Film der starken Effekte, sondern der großartigen Schauspieler. Durch Blicke und kleine Gesten wird die Bedrohung spürbar – wenn etwa Hanna sich im Dunkeln nicht mehr allein ins Treppenhaus traut. Solche Szenen bauen subtile Spannung auf, wobei Regisseurin Mračnikar raffiniert mit Zuschauer-Erwartungen spielt.

 

Opfer wird stalker ähnlicher

 

Diesem Ansatz, ambivalente Charaktere nur präzise zu beschreiben, ohne sie zu bewerten, merkt man den Einfluss ihres Mentors Haneke an; dagegen erinnert der leichtfüßig erzählte Anfang der Liebesbeziehung an französische Autorenfilme der 1960/70er Jahre von François Truffaut oder Eric Rohmer. Selbst die Atmosphäre klassischer Hollywood-Melodramen kommt in Spurenelementen vor.

 

„Ma Folie“ handelt keineswegs nur von einer amour fou, wie der mehrdeutige Titel andeutet: auf Deutsch kann er sowohl „Meine Torheit“ als auch „Mein Wahnsinn“ bedeuten. Ebenso wichtig ist das doppelbödige Spiel mit kleinen Geheimnissen, die jeder hegt, und Notlügen, um andere zu täuschen. So verschweigt Marie, was offensichtlich ist: Dass sie mit ihrem Ex-Freund Goran wieder anbändelt. Durch Yanns Nachstellungen verliert sie ihre Unbekümmertheit: Sie wird aufmerksamer und misstrauischer – und dadurch zugleich ihrem stalker ähnlicher. Eine (Auf-)Lösung gibt es nicht, weder für Hanna noch das Publikum.


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