Miguel Gomes

1001 Nacht – Teil 2: Der Verzweifelte

Man muss mit allem rechnen: Orientalische Märchen-Gestalten treffen auf heutige Portugiesen. Foto: Real Fiction Filmverleih

(Kinostart: 11.8.) Kino als Fieberthermometer für ein krankes Land: Im zweiten Teil seines epischen Portugal-Bilderbogens porträtiert Regisseur Gomes diverse Protagonisten der Desillusionierung – im Reich unbegrenzter erzählerischer Möglichkeiten.

Der dreiteilige Sechs-Stunden-Film von Miguel Gomes ist einer der Kino-Höhepunkte des Jahres. Seine Nacherzählung von „1001 Nacht“ will keine Adaption der klassischen orientalischen Legenden-Sammlung sein – sondern eine Bestandsaufnahme der sozialen Lage Portugals als Folge der Austeritätspolitik, die dem Land von der EU verordnet wurde.

 

Info

 

1001 Nacht –
Teil 2: Der Verzweifelte

 

Regie: Miguel Gomes,

131 Min., Portugal 2015;

mit: Crista Alfaiate, Dinarte Branco, Carloto Cotta

 

Weitere Informationen

 

Damit hat Gomes Kino und Politik so eng zusammengeführt, dass die Väter und Mütter des engagierten Autorenfilms wie Jean-Luc Godard, Pier Paolo Pasolini oder Harun Farocki stolz auf ihn sein könnten. Mit all diesen Regisseuren wird Gomes zurecht verglichen; zugleich sind sich die Kritiker einig, dass Gomes etwas völlig Neuartiges geschaffen hat.

 

Man muss mit allem rechnen

 

Der in jeder Hinsicht überraschende Teil 1 von „1001 Nacht“ gab den Ton vor: Ratlosigkeit und vermeintliche Flucht des Regisseurs, ständig wechselnde Erzählformen und Bildsprachen samt karger Stilmittel, die Gomes dafür verwendet, sind nun bekannt. Man ahnt, dass in Teil 2 unter dem Titel „Der Verzweifelte“ mit allem gerechnet werden muss – und wird nicht enttäuscht.

Offizieller Filmtrailer


 

Hurensohn auf der Flucht als Held

 

Erneut zerfällt der Film in mehrere Episoden. Abermals ist die Sprache oft informell und ordinär: Erzählerin Scheherazade führt den Protagonisten der ersten Episode umstandslos als „Hurensohn“ ein. Dieser Simȃo „ohne Gedärme“ ist ein alter Mann auf der Flucht vor der Polizei. In langen Einstellungen durchstreift er mit seinem Gewehr die Landschaft.

 

Er sollte längst nach Spanien geflohen sein, aber er kommt nicht von der Gegend rund um sein Dorf los. Die Leute helfen ihm, obwohl sie wissen, dass er ein Mörder ist und Frauen getötet hat. Als er in seinem Haus verhaftet wird, ohne Widerstand zu leisten, feiern sie ihn wie einen Helden.

 

Tierliebe in der Hochhaus-Siedlung

 

In der zweiten Episode geht es munter surrealistisch zu: Eine Richterin muss einen unrechtmäßigen Möbelverkauf gerade rücken. Sie verzweifelt an der Tatsache, dass jeder Untat in diesem Fall eine weitere Untat zugrunde liegt. In der dritten Episode lernt der Zuschauer die rasch wechselnden Besitzer des Hundes Dixie und deren Welt kennen: eine Siedlung von Hochhäusern, die zwischen grünen Hügeln emporragen. Dort sind emotionale Bindungen an Haustiere, Zwangsräumungen und Selbstmorde an der Tagesordnung.

 

Von der Einsamkeit der Provinz reicht der Bogen bis in die Einöde der Plattenbau-Schlafstädte, unterbrochen von einer karnevalesken Farce. Dabei hält der Film die Spannung, obwohl er seinen Zuschauern einige Geduld abverlangt. Zahlreiche Momente des Leerlaufs lassen in dem komplexen Geflecht von Verweisen, das Gomes zwischen der literarischen Vorlage und der portugiesischen Gegenwart herstellt, Raum für Notizen.

 

Wenig Geld, aber viel Zeit für Perspektivwechsel

 

Erstens zeigt Regisseur Gomes, dass begrenzte filmische Mittel die Tür zu quasi unbegrenzten erzählerischen Möglichkeiten öffnet – im Gegensatz zum Leben im Kapitalismus, wo die Knappheit an Ressourcen den Aktionsradius einschränkt. Zweitens: Selten ist jemand dem ehrgeizigen Ziel so nahe gekommen, das Kino als Fieberthermometer für ein ganzes krankes Land zu benutzen.

 

Gomes hatte wenig Geld, aber viel Zeit zur Verfügung. Daher betrachtet er die Gesellschaft aus verschiedenen Blickwinkeln: in der ersten Episode aus der Sicht eines Ausgestoßenen, der seine Bindungen nicht zu kappen vermag. Seine Freiheit wirkt in besonnten, kontemplativen Bildern utopisch – seine Unfreiheit umso fatalistischer.

 

Wohlfühl-Musik für Werbefilm-Effekt

 

In der zweiten Episode ist die Perspektive diejenige einer Vertreterin der Justiz, die gegen einen vielstimmigen Chor von Subjekten vergeblich versucht, Recht und Unrecht zu objektivieren. Die dritte Episode ist als strukturelles Porträt einer proletarischen Schicksals-Gemeinschaft im Hochhaus angelegt, die nur noch durch ein paar dünne Fäden der Solidarität zusammengehalten wird.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „1001 Nacht – Teil 1: Der Ruhelose“ – von Miguel Gomes

 

und hier einen Bericht über den Film „Tabu (2012) – Eine Geschichte von Liebe und Schuld“ – Hommage von Miguel Gomes an den Stummfilm-Klassiker von F.W. Murnau

 

und hier einen Beitrag über den Film „Mad Circus – Eine Ballade von Liebe und Tod“ – groteske Parabel über Spanien in der Endphase der Franco-Diktatur von Alex de la Iglesia.

 

Dabei fällt auf, wie klug Regisseur Gomes die Musik einsetzt: niemals als dramatischen Verstärker oder zur Illustration, sondern immer als Klangteppich aus dem Off, der vergeblich versucht, den Bildern eine Art Werbefilm-Effekt überzustülpen – was natürlich nicht klappt. Stattdessen tritt der Kontrast zwischen Glücksversprechen der kapitalistischen Warenwelt und dessen Ausbleiben nur noch greller hervor.

 

Lionel Richie besingt verlorene Illusionen

 

Da reden zwei Figuren über eine alte Schallplatte. Was diese Lieder so schön mache, fragt der Ältere rhetorisch und antwortet selbst: „Der Hall auf der Stimme. Reine Emotion“. Beide sprechen über ein Album mit Schlafzimmer-soul von Lionel Richie; der Hall ist also artifiziell, die besungenen Gefühle sind reine Simulation.

 

Zu den Klängen der hits von Richie montiert Gomes Bilder von Hochhaus-Architektur und dem Abendalltag der Bewohner. Man taucht kurz ein in die einstigen Illusionen von längst zerflossenen Hoffnungen – und fragt sich, was aus dem Leben von Leuten geworden ist, die einst zu songs wie „Say You, Say Me“ geträumt haben und nun hier gelandet sind.

 

Besser als Soziale-Netzwerke-Bummel

 
Derartige Symbolik, Ironie und Humor finden sich in vielen weiteren Szenen. Über das Verhältnis zwischen der literarischen Vorlage und dieser eigenwilligen Film-Version wird bei Teil 3 von „1001 Nacht“ noch zu reden sein. Als Zwischenbilanz lässt sich festhalten, dass jeder Teil der Trilogie wesentlich mehr Erkenntnisgewinn verschafft als zwei verbummelte Stunden beim Flanieren in sozialen Netzwerken.


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