Bonn

Das Bauhaus – Alles ist Design

Kurt Schmidt mit F.W. Bogler und G. Teltscher: »Das mechanische Ballett«, 1923, Neuinszenierung Theater der Klänge, 2009, Foto: O. Eltinger. Fotoquelle: Bundeskunsthalle, Bonn

Alles ist irgendwie Bauhaus: Die Ausstellung in der Bundeskunsthalle will seinen enormen Einfluss auf heutige Produkt-Gestaltung erklären, verfranst sich aber zwischen spärlichen Exponaten, wolkigen Wandtexten und überdesignten Paradiesvogel-Objekten.

Als 2009 die drei Bauhaus-Institute in Weimar, Dessau und Berlin zum 90. Geburtstag der legendären Kunsthochschule die Jubiläums-Schau „Modell Bauhaus“ im Martin-Gropius-Bau inszenierten, war die Resonanz immens. In der „größten und umfangreichsten Ausstellung, die je zum Bauhaus gezeigt wurde,“ ging es zu wie beim Sommerschlussverkauf: An manchen Tagen war das Gedränge so dicht, dass man die Exponate fast nicht zu sehen bekam.

 

Info

 

Das Bauhaus –
Alles ist Design

 

01.04.2016 – 14.08.2016

täglich außer montags

10 bis 19 Uhr,

dienstags und mittwochs bis 21 Uhr

in der Bundeskunsthalle, Friedrich-Ebert-Allee 4, Bonn

 

Katalog 69,90 €

 

Weitere Informationen

 

Das dürfte in der aktuellen Schau „Das Bauhaus – Alles ist Design“ kaum passieren. Nicht nur, weil die vom „Vitra Design Museum“ in Weil am Rhein konzipierte Ausstellung, die dort im Herbst 2015 gezeigt wurde, in den weitläufigen Räumen der Bundeskunsthalle extrem luftig ausgebreitet wird – zwischen großzügig verteilten Sockeln und Vitrinen bleibt jede Menge Platz.

 

Statt Überblick nur Einführung

 

Sondern auch, weil die Zusammenstellung dem riesigen theoretischen und praktischen output des Bauhauses und seinem enormen Einfluss auf jedwede Gestaltung in Industriegesellschaften nicht annähernd gerecht wird: Was ein pointierter Überblick sein will, ist allenfalls eine dürftige Einführung ins Thema.

Impressionen der Ausstellung


 

Karger Kontext + Zutaten heutiger Designer

 

Anstatt die Entwicklung des Bauhauses nachzuzeichnen, das in seiner nur 14-jährigen Existenz zwei Mal Standort und Leitung wechselte, oder seine einzelnen Werkstätten samt Knüllern und Fehlschlägen vorzustellen, gliedert Kuratorin Jolanthe Kugler die Schau in vier Abschnitte. Der erste über den historischen und sozialen Kontext, in dem das Bauhaus entstand, gerät extrem karg: Flachware wie Zeitschriften, Plakate und andere Werbemittel sollen die soziale und ästhetische Aufbruchsstimmung von 1919 veranschaulichen.

 

Anschließend werden mehr oder weniger bekannte „Design-Ikonen“ präsentiert und ihre Entstehung dokumentiert. Anhand welcher Überlegungen Marcel Breuer diesen Stahlrohr-Stuhl oder Wilhelm Wagenfeld jene Lampe entwarf, geht daraus nicht hervor. Stattdessen sind in bunter Folge Arbeiten heutiger Designer eingestreut, deren Bezug zum Bauhaus völlig unklar bleibt – trotz der Versicherung, sie seien irgendwie davon inspiriert.

 

Sich aufs Bauhaus wie auf Gott berufen

 

Das erscheint fragwürdig: Klobige Plastikwulst-Sitzmöbel oder Stahlrohr-Sessel in militärischer Tarnfarben-Optik wirken so hemmungslos überdesignt, dass sie den Bauhaus-Prinzipien geradezu Hohn sprechen. Was ihre Erfinder natürlich bestreiten: Die Berufung auf das Bauhaus-Erbe gehört unter zeitgenössischen Designern zum guten Ton wie früher die von gläubigen Christen auf Gottes Allmacht. Doch die gezeigten Paradiesvogel-Objekte spotten jeder praktischen Funktionalität oder sparsamem Materialeinsatz.

 

Derlei hat die Kuratorin vermutlich ausgewählt, weil sie das Bauhaus vom Ruch befreien will, eine Gruppe asketischer Puristen habe die Menschheit unters Joch rechter Winkel und weißer Flächen gezwungen. Sie betont zurecht, „dass es nicht ein Bauhaus gibt, sondern viele Bauhäuser“: Die Dozenten verfolgten ganz verschiedene Ansätze, die in stark voneinander abweichende Ergebnisse und Produkte mündeten.

 

Wolkige Wandtexte ohne Gliederung   

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Marcel Breuer: Design und Architektur“ – umfassende Werkschau im Bauhaus Dessau

 

und hier eine Rezension der Ausstellung „Moderne in der Werkstatt: 100 Jahre Burg Giebichenstein“ zur Geschichte der Design-Hochschule im Kunstmuseum Moritzburg, Halle/ Saale

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Jugendstil bis Gegenwart – Design im 20. Jahrhundert“neue Dauerausstellung im GRASSI Museum für Angewandte Kunst, Leipzig.

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über die Ausstellung Laszlo Moholy-Nagy: Kunst des Lichts – Retrospektive des Bauhaus-Künstlers im Martin-Gropius-Bau, Berlin.

 

Leider unterlässt es die Schau, solche unterschiedlichen Konzepte – etwa Handwerk gegen Industrie, Esoterik gegen Rationalität oder Einzel- gegen Massenfertigung – präzise herauszuarbeiten und zu gliedern. Spärliche Hintergrund-Informationen liefern nur wolkige Wandtexte, die dem Bauhaus alles Mögliche zuschreiben: vom Aufschwung des sozialen Wohnungsbaus über Träume vom Gesamtkunstwerk bis zu perfekter Selbstvermarktung mittels Zeitschriften, Ausstellungen und Buchpublikationen.

 

Was keine Erfindung des Bauhauses war: Solche Medien nutzten alle Avantgarde-Strömungen der klassischen Moderne, um die Öffentlichkeit von ihren Zielen zu überzeugen. Dagegen übergeht diese Schau, dass die eigentliche Wirkungsmacht des Bauhauses erst nach seiner Schließung 1933 einsetzte. Vordenker wie Walter Gropius, Laszlo Moholy-Nagy oder Ludwig Mies von der Rohe emigrierten während der NS-Zeit in die USA; dort bildeten sie Generationen von Studenten im Geist der aufgelösten Hochschule aus.

 

Wandfüllende Bleiwüste

 

Das soll wohl eine Rede von Gropius aus der Nachkriegszeit andeuten, mit der ein Saal in Endlosschleife beschallt wird; wann und wo er sie gehalten hat, bleibt unerfindlich. Ihre ahistorische Ausrichtung beendet die Schau mit Fotos rekonstruierter Muster-Wohnungen und einem wandfüllenden „Glossar“: für diejenigen, die Bleiwüsten gerne stehend lesen. Alle anderen warten besser bis 2019: Dann wird der 100. Jahrestag der Bauhaus-Gründung mit drei großen Ausstellungen an den historischen Standorten Weimar, Dessau und Berlin gefeiert.


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