Frankfurt am Main + Wien

Kunst für Alle – Der Farbholzschnitt in Wien um 1900

Karl Anton Reichel: Weibliche Aktstudie, 1909, 38 x 52 cm, © Albertina, Wien. Fotoquelle: Schirn Kunsthalle Frankfurt

Originale für jeden Geldbeutel: Ab 1900 experimentierten Jugendstil-Künstler in Wien mit Farbholzschnitten und schufen faszinierend vielfältige Werke. Schirn und Albertina zeigen die erste Überblicks-Schau zur Blütezeit dieses fast vergessenen Mediums.

„Kunst für Alle“ hat als Parole an Zugkraft erheblich eingebüßt. Reproduktionen unzähliger Meisterwerke sind heute per mouse click für jeden zugänglich. Originale können sich dagegen nur reiche Sammler leisten, die sie mehr denn je als Statussymbole und Anlageobjekte betrachten. Oligarchen und andere Parvenüs legen Wert auf schiere Größe; also werden Leinwände und Installationen immer monumentaler. Kleine Formate interessieren kaum.

 

Info

 

Kunst für Alle –
Der Farbholzschnitt in Wien um 1900

 

07.07.2016 – 03.10.2016

täglich außer montags
10 bis 19 Uhr,
mittwochs + donnerstags bis 22 Uhr in der Schirn Kunsthalle, Römerberg, Frankfurt am Main

 

Katalog 35 €

 

Weitere Informationen

 

19.10.2016 – 15.01.2017

täglich 10 bis 18 Uhr,
mittwochs bis 21 Uhr
in der Albertina, Albertinaplatz 1, Wien

 

Weitere Informationen

 

Vor gut 100 Jahren war das anders: Die Avantgarden beanspruchten, mit Kunst das ganze Leben zu verändern – dazu sollten ihre Werke möglichst viele Menschen erreichen. Manuell gefertigte Unikate blieben aber wesentlich teurer als industrielle Massenproduktion; daran sollte das Jugendstil-Programm einer Verschönerung aller Daseinsbereiche scheitern. Eine Alternative schien zeitweise der Farbholzschnitt zu bieten: mit erschwinglichen Abzügen von Künstlerhand. Diese Drucktechnik erlebte in Wien um 1900 eine kurze, prächtige Blütezeit.

 

240 Exponate von 40 Künstlern

 

Ihr widmet die Frankfurter Schirn eine Ausstellung, die anschließend in der Wiener Albertina zu sehen sein wird; das österreichische Grafik-Museum steuert mehr als ein Viertel der 240 Exponate von rund 40 Künstlern bei. Laut Kurator Tobias G. Natter handelt es sich um die allererste Überblicks-Schau zum Thema: Die Wiener klassische Moderne sei zwar bestens erforscht, doch dabei das Medium Farbholzschnitt stets vernachlässigt worden.

Impressionen der Ausstellung


 

Ursprünglich aus Japan importiert

 

Was erstaunt, denn sein Reichtum an Ausdrucksformen ist offensichtlich. Binnen weniger Jahre schufen Künstler in Wien eine enorme Bandbreite von Werken mit allen möglichen sujets und Effekten. Das kostengünstige, aber arbeitsintensive Verfahren eignete sich besonders für junge Talente, die Neues ausprobieren wollten; etwa Absolventen der Wiener Kunstgewerbeschule. Dort studierten auch Frauen; bei Grafik-Ausstellungen stellten sie bis zu einem Drittel der Teilnehmer. Wie ihre männlichen Kollegen gerieten die meisten später in Vergessenheit.

 

Es gibt also allerhand zu entdecken. Kaum zu glauben, dass diese Kunstrichtung in nur 15 Jahren entstand, in allen Facetten schillerte und nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs nahezu wieder verschwand. Das Ursprungsland mehrfarbiger Holzschnitte ist Japan; sie waren dort bereits im 18. Jahrhundert ein Massenmedium mit hohen Auflagen. Solche Blätter wurden ab Mitte des 19. Jahrhunderts in großer Zahl nach Westeuropa exportiert.

 

Maler, Holzschneider + Drucker

 

Ihre fremdartigen Darstellungen mit kühnen Perspektiven, angeschnittenen Motiven und schattierungslosen Linien begeisterten und beeinflussten die Pariser Kunstszene; ohne die Japonismus-Mode wäre die Moderne undenkbar. In Wien wurde derlei erstmals 1900 in der drei Jahre zuvor gegründeten Secession ausgestellt; mit durchschlagendem Erfolg. Der Grafiker Emil Orlik reiste als Pionier zwei Mal nach Japan, um die Feinheiten dieser Technik zu erlernen; mit seinen Studien fängt die Schau in der Schirn an.

 

Darunter ein Triptychon, das die Arbeitsteilung von Maler, Holzschneider und Drucker vorführt; in Europa übernahm meist der Künstler alle drei Schritte. Nachdem er seine Zeichnung auf den Druckstock übertragen hatte, musste er für jede gewünschte Farbe eine separate Platte schneiden. Sie bestrich er mit einem Pinsel; oft verwendete er Aquarellfarben, um Misch- und Zwischentöne darstellen zu können. Nun konnten bis zu mehrere 100 Abzüge in verschiedenen Papier- und Farbvarianten hergestellt werden.

 

Zarte Bergwelt + düsteres Hafen-Treiben

 

Manche Künstler reizten dieses Nuancen-Spektrum voll aus. Etwa Josef Stoitzner: Seine Winterlandschaften sind wahre Symphonien zarter Blautöne, mit denen er Berge, Bäume und Schatten gestaltete, während unbedruckt weißes Papier den Schnee widergibt. Der Fotograf Hugo Henneberg, ein Freund von Gustav Klimt, schuf auch virtuose Linoldrucke von Landschaften. Dabei konturierte er delikate Farbverläufe mit verschlungenen Arabesken, wie den Wellenlinien in „Nachtszene – Der blaue Weiher“ von 1904.

 

Andere Künstler konzentrierten sich darauf, die Illusion dreidimensionaler Körper zu erzeugen. Ludwig Heinrich Jungnickel spezialisierte sich auf dynamische Tier-Porträts; mithilfe von Schablonen-Spritztechnik entstanden lebendige genre-Szenen voll flirrender valeurs. Karl Anton Reichel gelangen nüchterne Akt-Studien von Frauen in selbstbewussten Posen, deren Inkarnat verblüffend realistisch aussieht. Rudolf Kalvach hielt bewegtes Treiben im Hafen auf Blättern fest, deren düstere Härte den kommenden Expressionismus ahnen lässt.

 

Alles in die Fläche bringen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Dekadenz – Positionen des österreichischen Symbolismus“ – opulente Überblicks-Schau im Belvedere, Wien

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Dem Licht entgegen – Die Künstlerkolonie-Ausstellung 1914“ – große Jugendstil-Schau im Institut Mathildenhöhe Darmstadt

 

und hier eine Kritik der Ausstellung „Avantgarde!“ – umfassende Themen-Schau über Grafik zwischen 1890 und 1914 im Kulturforum, Berlin

 

und hier einen Bericht zur Ausstellung „Positionen: Japanische Holzschnitte im 20. Jahrhundert“ im Völkerkundemuseum München.

 

Doch Bilder von Menschen und ihrem Alltag waren eher selten; am häufigsten wurden Fabelwesen und florale Ornamente gewählt. Sie boten sich für flächige Darstellungen an, die das Medium erzwang; ein wichtiges Grafik-Magazin nannte sich umstandslos „Die Fläche“. Dabei trieben etliche Künstler die Stilisierung der Formen sehr weit.

 

Einige reduzierten sie auf grelle Farbkontraste, die an Pop Art erinnern; andere verfremdeten Symbole und Lettern fast bis zur Unleserlichkeit – etwa bei Jahreskalendern, die sich kaum entziffern ließen. Diese wild wuchernde Vielfalt wird von der Schirn in verschwenderischer Fülle ausgebreitet: Sie zeigt auch Probedrucke in verschiedenen Farbvarianten und dazu gehörige Platten, die den aufwändigen Herstellungs- Prozess veranschaulichen – er ähnelt dem bis heute üblichen Mehrfarb-Offsetdruck.

 

Irrgarten + Pharaonengrab

 

Allerdings in einer beinahe abschreckender Inszenierung: Alle Werke hängen an hohen, fast schwarzen Raumteilern, die unregelmäßig eng platziert sind; dazwischen stehen Vitrinen voller historischer Zeitschriften. Das lässt zwar die Farben trotz schwacher Lichtstärke leuchten, doch der parcours wirkt wie eine Kreuzung aus Irrgarten und Pharaonengrab. Hoffentlich fällt der Albertina eine bessere Präsentation ein.

 

Begraben wurde der Farbholzschnitt als populäre Kunstform im Ersten Weltkrieg. Angesichts mörderischer Stahlgewitter verloren Künstler wie Publikum die Lust am verspielten Motivkanon von Symbolismus und Jugendstil: an Faunen, Nymphen und Girlanden. Zudem war die Methode schlicht zu unergiebig, wie der Künstler Carl Moser notierte: „Die Meisten haben die Sache aufgegeben, weil es eine riesige Arbeit war und nur selten einmal einige brauchbare Drucke wurden.“


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