Alberto Rodriguez

La isla mínima – Mörderland

Road Movie zwischen Weizenfeldern: Pedro (Raúl Arévalo) und Juan (Javier Gutiérrez, re.). Foto: Drop-Out Cinema

(Kinostart: 4.8.) Im Fluss-Labyrinth des Guadalquivir: Zwei Polizisten suchen 1980 nach Vermissten – in einem Sumpf aus Misstrauen und Verrat. Für seinen packenden Post-Diktatur-Krimi bekam Regisseur Rodriguez den Europäischen Publikums-Filmpreis 2015.

Abgehalfterte Polizisten werden in die Provinz abgeschoben und geraten dort in einen Sumpf aus Misstrauen, Verrat und Verbrechen. Das klingt nach einer Kino-Version der US-Fernsehserie „True Detective“, mit der dieser Film schon oft verglichen wurde. Ein oberflächliches Urteil: Der spanische Regisseur Alberto Rodriguez erzählt in „La isla mínima – Mörderland“ weit mehr als nur eine Kriminalgeschichte.

 

Info

 

La isla mínima – Mörderland

 

Regie: Alberto Rodriguez,

105 Min., Spanien 2014;

mit: Javier Gutiérrez, Raúl Arévalo, María Varod

 

Weitere Informationen

 

Anscheinend endlos erstreckt sich das andalusische Marschland des Guadalquivir-Flusses mit Inseln und Kanälen in satten Braun-, Grün- und Blautönen. Von oben sieht das wie riesige Gehirnwindungen aus; wunderschön, aber auch fremdartig und tückisch. Mit diesen beiden Eigenschaften bei ihren Mitmenschen müssen sich im heißen September 1980 zwei Polizisten aus Madrid herumschlagen.

 

Provokateur + Diktatur-Polizist

 

Sie sollen das plötzliche Verschwinden zweier Schwestern im teenager-Alter untersuchen: In diese arme, gottverlassene Gegend versetzt zu werden, ist für beide eine Degradierung. Heißsporn Pedro (Raúl Arévalo) hat sich mit einem General angelegt; sein Kollege Juan (Javier Gutiérrez) war schon unter Diktator Franco Polizist.

Offizieller Filmtrailer


 

Schwer zugängliche Landschaft + Bewohner

 

Als die vermissten Mädchen verstümmelt, vergewaltigt und ermordet aufgefunden werden, wittern beide ihre Chance, sich durch eine schnelle Lösung des Falls rehabilitieren zu können. Allerdings steht dem einiges im Wege. Es sieht so aus, als sei die schwer zugängliche Sumpflandschaft auch Ausdruck der Mentalität ihrer Bewohner.

 

Hier gehen die Uhren deutlich langsamer als in der Hauptstadt. Alte Machtstrukturen der Franco-Diktatur, die kaum fünf Jahre vergangen ist, sind noch weitgehend intakt, was beide zunehmend zu spüren bekommen. Immer noch herrschen Angst und Misstrauen gegenüber der Staatsmacht vor; damit weiß Juan aus Erfahrung besser umzugehen als sein Partner.

 

Streiks + neue Verhörmethoden

 

Allerdings ist die so genannte transición, der Übergang hin zur Demokratie, auch im Süden angekommen. Arbeiter der örtlichen Fabrik streiken für höhere Löhne; das wäre fünf Jahre zuvor noch undenkbar gewesen. Es sind solche scheinbar nebensächlichen Details, die Rodriguez‘ Film von einem normalen Krimi deutlich abheben.

 

Neben der eigentlichen Handlung zeichnet der Regisseur ein Sittenbild dieser Region; er zeigt auf, wie die Gesellschaft in diesem Mikrokosmos mit der autoritären Vergangenheit umgeht. So lässt ein lokaler Journalist Pedro wissen, dass sein Kollege Juan wegen seiner Verhörmethoden berüchtigt war. Nun setzt er seine Fähigkeiten für etwas Gutes ein, wie Pedro bemerkt.

 

Sonne versengt alles sepiabraun

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Mad Circus – Eine Ballade von Liebe und Tod“ – groteske Parabel über Spanien in der Endphase der Franco-Diktatur von Alex de la Iglesia 

 

und hier eine Besprechung des Films „Sunrise – Arunoday“ – stilisiertes Drama über Kindes-Entführung in Indien von Partho Sen-Gupta

 

und hier einen Beitrag über den Film „The Act of Killing“ – eindrucksvolle Doku von Joshua Oppenheimer über Täter der Massaker in Indonesien 1965, Europäischer Filmpreis 2013

 

und hier einen Bericht über den Film „Les Salauds – Dreckskerle“ – düsterer Pädophilie-Krimi von Claire Denis mit Vincent Lindon + Chiara Mastroianni.

 

Ein Ermittler-Duo aus einem jungen, unbelasteten Hitzkopf und einem routinier mit Leichen im Keller: Das böte viel Konfliktpotential. Doch beide nähern sich einander an – Juan, der anfangs als Widerling auftritt, nutzt die Gelegenheit zu einer Art Läuterung, wie er sie versteht. Während der Fall allmählich gelöst wird: Den Mädchen wurden andernorts jobs in einem schicken Hotel versprochen. Dann gerieten sie in die Hände mächtiger Perverser, die sie missbrauchten und töteten.

 

Dass sich die Opfer auf zweifelhafte Angebote einließen, um der tristesse ihrer Heimat zu entfliehen, ist verständlich. In diesem trostlosen Landstrich scheint die Sonne alle Farben zu allgegenwärtigem Sepiabraun zu versengen. Dabei schafft die Kamera mit Halbtotalen und zooms den Eindruck klaustrophobischer Enge: kein Ausweg, nirgends.

 

Überblick aus Vogelperspektive

 

Doch die Bewohner verhalten sich ganz unterschiedlich. Etliche sehen angestrengt weg; manche hingegen – vor allem Frauen – sprechen mit den Bullen aus der Kapitale und geben ihnen Tipps. Vielsagende Seitenblicke, beredtes Schweigen und heimliche Treffen mit Informanten führen vor, dass die Repression der Diktatur den Leuten noch in den Knochen steckt.

 

Als wären sämtliche Akteure unfähig, alle Verzweigungen und Seitenarme dieses geographischen wie sozialen Labyrinths im Auge zu behalten. Allein der Zuschauer hat mitunter die Draufsicht aus Vogelperspektive und genießt somit den Überblick. Am Boden bleibt es immer schwül, laut und drückend. Wenn Pedro und Juan schließlich nach Madrid zurückkehren, fällt das Aufatmen schwer.

 

Dennoch beeindruckt dieses packende Psychogramm nicht nur in Spanien, wo es mit zehn Goyas – der höchsten nationalen Film-Auszeichnung – prämiert wurde: „La isla mínima“ erhielt auch den Publikumspreis bei der Verleihung der Europäischen Filmpreise 2015.


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