Eiji Uchida

Lowlife Love

Kuscheln mit dem Nachwuchs: Regisseur Tetsuo (Kiyohiko Shibukawa) bringt Möchtegern-Schauspielerinnen in die elterliche Wohnung mit. Foto: Rapid Eye Movies

(Kinostart: 18.8.) Tokio von unten: Ein räudiger B-Movie-Regisseur will unbedingt seinen nächsten Film drehen und wird dabei von allen abgezockt. Schön bissige Satire auf Größenwahn und Amoral in der Kinobranche von Eiji Uchida – er kennt sich aus.

The man you love to hate: Sein Debütfilm „Die Sau“ wurde 1999 auf einem Kleinfestival prämiert – seither hat Regisseur Tetsuo Aoki (Kiyohiko Shibukawa) nicht mehr viel hinbekommen. Der 39-jährige wohnt noch bei den Eltern, schleppt aber oft Mädels ab, die Filmemacher supercool finden: Seine Besetzungscouch steht im Jugendzimmer. Dauernd knapp bei Kasse, betreibt er eine Hinterhof-Schule für unbegabte Schauspiel-Anfänger, die unbedingt zum Fernsehen wollen.

 

Info

 

Lowlife Love

 

Regie: Eiji Uchida,

110 Min., Japan 2015;

mit: Kiyohiko Shibukawa, Yoshihiko Hosoda, Maya Okano

 

Weitere Informationen

 

Ihnen knöpft Tetsuo eigentlich nur Kohle ab und staucht sie zusammen; trotzdem folgen seine Schüler dem charismatischen Charakterschwein aufs Wort. Ums Organisatorische kümmert sich sein Assistent Mamoru (Yoshihiko Hosoda); nebenbei dreht der servile nerd Amateur-Pornos fürs internet. Eines Tages tauchen die schüchterne Minami (Maya Okano) und Ken (Shugo Oshinari) auf; er hat im Ausland gelebt und will Drehbuch-Autor werden. Tetsuo erkennt ihr Talent – und wittert seine letzte Chance, endlich einen neuen Film zu machen.

 

Filme als call girl mitfinanzieren

 

Davon träumen hier alle: Tokios kreativer underground scheint von Filmverrückten zu wimmeln. Sie führt Regisseur Eiji Uchida genüsslich vor: etwa die affektierte Kyoko, die für eine Rolle mit jedem Regisseur ins Bett ginge – aber erst, nachdem sie seine Filmographie gecheckt hat. Oder den vierschrötigen Produzenten Kida, der kaum seinen Kaffee bezahlen kann, aber Erpresser im Nu mit exzellenten Mafia-Kontakten abwimmelt. Oder die minderjährige Kaede; als größter fan von Tetsuo geht sie anschaffen, um seinen nächsten Film mit zu finanzieren.

Offizieller Filmtrailer


 

Bastard-B-Movies mit Mini-Budgets

 

„Lowlife Love“ ist aber keine freak show über loser-Typen, sondern eine plausibel konstruierte Satire auf Zynismus und Amoral der Filmindustrie. Sobald sie kann, wirft sich Minami dem blockbuster-Regisseur Kano an den Hals; als Morgengabe bringt sie Kens Drehbuch mit. Später wickelt sie einen TV-Kollegen um den Finger, weil er bessere Rollen bietet. Ohne star und script wird Tetsuo von allen fallen gelassen. Dabei haben die meisten irgendwie mit käuflichem Sex zu tun, um halbwegs über die Runden zu kommen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „The Whispering Star“ – elegisches Low-Budget-SciFi-Kammerspiel aus Japan von Sion Sono

 

und hier eine Besprechung des Films „Guilty of Romance“ – packender japanischer Erotik-Psychothriller von Sion Sono

 

und hier einen Beitrag über den Film “Maps to the Stars” – sarkastische Satire auf die Filmbranche in Hollywood von David Cronenberg

 

und hier einen Bericht über den Film „Underwater Love – A Pink Musical“ – schräges „Pink Movie“ aus Japan von Shinji Imaoka.

 

Im Gegensatz zu seinen Figuren ist Regisseur Eiji Uchida glänzend im Geschäft: Seit 2004 hat er 13 Filme und eine TV-Miniserie abgedreht. Mit kleinen Budgets und originellen Einfällen mixt er genre-Elemente, trash-Effekte und independent-Ästhetik zu exzentrischen Bastard-B-Movies, die so amüsant wie psychologisch anspruchsvoll sind. Ähnlich wie bei seinem Autorenfilmer-Kollegen Sion Sono spielen häufig neurotischer Sex und parareligiöser Wahn eine Rolle – aus abgeklärter Perspektive, der nichts Menschliches fremd ist.

 

Einem dreckigen Miststück verfallen sein

 

In „Lowlife Love“ beobachtet Uchida besonders genau; er kennt sich bestens in diesem Milieu aus. Großspurige Dilettanten, Illusionen über den eigenen Marktwert und Gelder aus dubiosen Quellen prägen die Branche weltweit; hier garniert von Nudelsuppen-Garküchen und groupies in Schulmädchen-Uniformen. Als setting für durchweg gute Schauspieler: Kiyohiko Shibukawa verleiht seinem Kotzbrocken Tetsuo den räudigen Charme des jungen Fassbinder; Maya Okano mausert sich überzeugend vom Landei Minami zur abgezockten Diva.

 

Sie müssen sich über ihre nächsten engagements wohl keine Sorgen machen, denn trotz aller Unbill werfen die meisten Regisseure nie endgültig hin. „Filmemachen ist, als wäre man einem dreckigen Miststück verfallen, von dem man nicht loskommt“, beschreibt es der erfolgreiche Kano: „Also kann man auch nach Herzenslust weitervögeln.“


Diesen Artikel drucken