Wuppertal

Tony Cragg: Parts of the World – Retrospektive

Tony Cragg: Menschenmenge, 1984, Plastik, 200 x 1600 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 Foto: Rocco Ricci. Fotoquelle: Von der Heydt-Museum, Wuppertal

Gegen die Monotonie der industriellen Welt: Mit dynamisch geschwungenen Skulpturen entfaltet der britische Bildhauer Tony Cragg einen Kosmos organisch wirkender Formen. Das Von der Heydt-Museum widmet ihm eine beeindruckende Werkschau am Wohnort.

Es ist eine Premiere: Erstmals füllt das Von der Heydt-Museum alle drei Etagen des Hauses mit Werken eines einzigen Künstlers. Für wen, wenn nicht für Tony Cragg? Der britische Bildhauer ist seit dem Tod der Choreographin Pina Bausch 2009 zweifellos der berühmteste Einwohner von Wuppertal; er zog schon 1977 hierher. Obwohl Cragg von 1979 bis 2013 an der Kunstakademie Düsseldorf lehrte, die er ab 2009 auch leitete – mit einem fünfjährigen Intermezzo als Professor an der Berliner Universität der Künste.

 

Info

 

Tony Cragg: Parts of the World – Retrospektive

 

19.04.2016 – 14.08.2016

täglich außer montags

11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr

im Von der Heydt-Museum, Turmhof 8, Wuppertal

 

Katalog 38 €

 

Weitere Informationen

 

Doch die Schwebebahn-Stadt blieb sein Lebensmittelpunkt: Hier erwarb der heute 67-Jährige einen 15 Hektar großen Park, in dem er 2008 den „Skulpturenpark Waldfrieden“ eröffnete. Der bietet mit üppiger Vegetation einen ansprechenden Rahmen für Monumental-Plastiken im Außenraum; nicht nur vom Hausherrn, sondern auch von anderen zeitgenössischen Bildhauern in wechselnden Ausstellungen, derzeit etwa von Henry Moore (1898-1986).

 

Bronze-Kolosse bewachen Eingang

 

Wuppertal verdankt also Tony Cragg einiges: Grund genug für eine umfassende Retrospektive mit rund 100 Skulpturen und 130 Entwürfen, Zeichnungen und Fotografien. Ohnehin ist er im Von der Heydt-Museum ständig präsent: Zwei dunkle Bronze-Kolosse von 1990 aus seiner „Early Forms“-Serie bewachen wie Zerberusse den Haupteingang des Gebäudes. Eine Wand im Treppenhaus bedeckt seine assemblage „Blaue Flasche“ (1982) aus Plastikstücken.


Impressionen der Ausstellung


 

Mosaike aus Kunststoff-Müll

 

Beide Arbeiten scheinen kaum vom selben Künstler zu stammen. Cragg hat im Lauf der Zeit die verschiedensten Materialien und Techniken verwendet, doch dabei verfolgte er stets ähnliche Interessen und Absichten. Das entfaltet die Schau im Prinzip chronologisch; stellenweise durchbrochen von einzelnen Werkgruppen. Die Exponate hat Cragg selbst ausgewählt und angeordnet; damit setzt er Schwerpunkte, übergeht aber auch manche Phasen.

 

Während seines Studiums in England versuchte er sich, beeinflusst vom Konzept-Künstler Richard Long, an land art und arte povera, die in den 1970er Jahren en vogue waren. Davon zeugen frühe Fotoserien und ein zum Quader gepresster Stapel von Fundstücken. Solchen Zivilisations-Müll aus Kunststoff arrangierte Cragg bald zu bunten Boden- oder Wand-Mosaiken, deren Umrisse sich zu allerlei Figuren fügten: etwa der raumfüllenden „Menschenmenge“ von 1984.

 

„Überall werden iPods und BMWs abgeladen“

 

Dabei verteilte er die Elemente locker auf der Fläche, so dass der Eindruck von Silhouetten nur im Auge des Betrachters entsteht – für Cragg der entscheidende Effekt: Fragmente aus Abfall ergeben neue, sinnvolle Formen. Womit er eine Brücke zwischen Kunst und Technik schlagen will; der Sohn eines Ingenieurs arbeitete vor dem Studium zwei Jahre lang in der Biochemie-Forschung. Er ist mit dem aktuellen Stand in den Naturwissenschaften vertraut und bekennt sich zu einem radikalen Materialismus: Alles, was existiert, ist geformte Materie.

 

Dass die meisten Menschen maschinell hergestellte Produkte zwar benutzen, aber weder ihre Funktionsweise noch dafür nötige Verfahren verstehen, hält er für einen gravierenden Mangel: weil sie die Komplexität der Welt in ihren zahllosen Formen ignorieren. „Der industrielle Rationalismus neigt dazu, die Möglichkeiten der Form durch Entscheidungen auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner zu zensieren“, beklagt Cragg: „Die Marketing-Medien bereiten den Boden, indem sie jede andersartige Sensibilität unterdrücken und dann überall ihre iPods und BMWs abladen.“

 

Abstrakt und figurativ zugleich

 

Gegen diese Uniformisierung will er die Vorstellungskraft stimulieren, indem seine Skulpturen die Fülle möglicher Formen vorführen. In atemberaubender Bandbreite: Kaum ein Bildhauer hat sich vom Diktat der Geometrie so weit gelöst wie Cragg. Seine Werkschau wirkt wie eine dreidimensionale Version der „Kunstformen der Natur“, die Ernst Haeckel um 1900 beschrieb. Diese Plastiken sind abstrakt, weil sie keine Gestalten der Lebenswelt nachahmen – und zugleich figurativ, weil sie organisch wirkende Formen aufnehmen und rekombinieren.

 

Das hat in der britischen Kunst Tradition: Henry Moore wurde mit Großplastiken populär, deren weich fließende Formen an menschliche Körper angelehnt waren. Richard Deacon biegt Holzleisten zu verschlungenen Monumental-Gebilden, bei denen der umschlossene Raum ebenso wichtig ist wie die Konstruktion selbst. Doch Cragg geht weiter: Er will auch die Mikrostruktur seiner Artefakte sichtbar machen, in dem er ihre Oberflächen perforiert oder dynamisiert.

 

Riesige Werkstücke lassen frösteln

 

Sie zu durchlöchern wie in der Werkserie „Forminifera“, deren Objekte wie Siebe oder Schwämme aussehen, ist die einfachste Variante. Raffinierter wirken die mannshohen „Secretions“, die aus Tausenden von kleinen Spielwürfeln zusammensetzt sind: Deren Vertiefungen für die Augen und die Lücken zwischen ihnen sorgen aus der Distanz für ein irisierendes Flimmern – die Oberfläche scheint zur Hälfte aus Auslassungen zu bestehen.

 

Äußerst massig wirken dagegen diverse Weiterentwicklungen der „Early Forms“. Gebilde wie Schalen oder Schrauben werden gestaucht, gequetscht und umgestülpt, bis sie in sich verdrehten Röhren, Kolben oder Antriebswellen ähneln – riesige Werkstücke für unbekannte Motoren. Ihre Wucht lässt frösteln; besonders bei meterlangen XXL-Exemplaren.

 

Erfüllte Träume der Kubisten + Futuristen

 

Hintergrund

 

Website des „Skulpturenparks Waldfrieden“ von
Tony Cragg in Wuppertal.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Richard Deacon – In Between“ – beeindruckende Doku über verschlungene Monumental-Skulpturen des britischen Künstlers von Claudia Schmid

 

und hier eine Rezension der Ausstellung „Kapoor in Berlin“ mit Groß-Skulpturen und -Installationen des britisch-indischen Künstlers Anish Kapoor im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Subodh Gupta – Everything is inside“ – Werkschau mit Groß-Installationen aus Küchengerät des indischen Künstlers im Museum für Moderne Kunst (MMK), Frankfurt/ Main

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Richard Long: Berlin Circle & Land Art“ – Retrospektive des Land-Art-Künstlers im Hamburger Bahnhof, Berlin.

 

Sympathischer erscheinen dagegen die Skulpturen, die der Künstler seit den 1990er Jahren aus „Wirbelsäulen“ entwickelt hat. Anfangs stapelte er nur unterschiedlich dicke Scheiben dezentriert übereinander – als stilisierte Rückgrat-Konstruktion. Dann bearbeitete er immer stärker ihre Ränder, beulte sie ein oder wölbte sie aus; dadurch erinnern ihre Umrisse an Äste, Tropfsteine oder gefrorene Wellenmuster.

 

Ihre schwungvoll zuckende Asymmetrie macht sie attraktiv: Man meint, aus bestimmten Blickwinkeln Profile oder ganze Gesichter zu erkennen, ähnlich wie manchmal bei Wolken. Als sei Cragg gelungen, wovon die Kubisten und Futuristen träumten: Alle denkbaren Ansichten von Dingen und Körpern gleichzeitig darstellen zu können. Diese sturmzerzaust wirkenden Stelen und Säulen wurden seine Markenartikel: Etliche Institutionen und Städte haben sie erworben und im öffentlichen Raum platziert.

 

Gigantischer Gebiss-Gipsabguss

 

Dieses Gestaltungsprinzip hat Cragg mittlerweile in diversen Ausführungen, Größen und Werkstoffen ausgereizt. Zwar sieht jedes Exemplar anders aus, doch ihre Aneinanderreihung ermüdet auf Dauer ebenso wie der Anblick verwitterter Felswände oder ausgedehnter Geröllhalden; das zeigt sich deutlich im Obergeschoss, wo er zahlreiche „Wirbelsäulen“-Spielarten durchdekliniert.

 

Dagegen beeindruckt das mittlere Stockwerk mit dem gesamten Spektrum seines Schaffens. Da blitzt auch schalkhafter Humor auf, etwa bei „Complete Omnivore“ („Vollständiger Allesfresser“, 1993), dem gigantischen Gips-Abguss eines Gebisses. Oder bei „Wildlife“ von 1995: Neben zwei gipsernen Dinosaurier-Füßen lagert eine monströse Menschenhand.

 

Tisch + Stuhl mit Ausschlag

 

Die Installation „Unschärferelation“ von 1991 demonstriert Craggs virtuose Fähigkeit, aus vertrauten Formen neue hervorzulocken: An Tisch und Stuhl heftet er so viele Holz-Knäufe, dass es von weitem aussieht, als seien sie von Ausschlag oder Schimmelpilzen bedeckt. Auch wenn diese Assoziation nicht gerade angenehm ist: Simpler und wirkungsvoller lässt sich gewohnte Wahrnehmung kaum irritieren.


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