Julia Jentsch

24 Wochen

Aus der Bahn geworfen: die schwangere Kabarettistin Astrid (Julia Jentsch) muss eine schwerwiegende Entscheidung treffen. Foto: © Neue Visionen Filmverleih

(Kinostart: 22.9.) Bewegendes Drama über die Folgen der Pränatal-Diagnostik – Jungregisseurin Anne Zohra Berrached stellt brisante Fragen: Dürfen Eltern über Leben und Tod entscheiden? Sind behinderte Kinder weniger wert als gesunde?

Heutzutage scheinen alle Eltern zu wollen, dass ihr Kind etwas Besonderes ist, aber bei den vorgeburtlichen Untersuchungen sollen alle Werte innerhalb der Norm liegen. Doch was, wenn es nicht so ist? Wenn das Baby mit großer Wahrscheinlichkeit behindert oder krank geboren wird? Die Medizin konfrontiert Menschen mit einem Wissen, das sie überfordert – und sie verlangt Entscheidungen von ihnen, die sie nie treffen wollten.

 

Info

 

24 Wochen

 

Regie: Anne Zohra Berrached,

103 Min., Deutschland 2016;

mit:  Julia Jentsch, Bjarne Mädel, Johanna Gastdorf

 

Website zum Film

 

Astrid und Markus sind ein Power-Paar: Sie ist erfolgreiche Kabarettistin, die in Glitzerkleid und high heels ihr Publikum mit derb-feministischen Witzen zum Lachen bringt. Er ist der ruhende Pol im Hintergrund, der ihre Karriere managt. Zusammen mit ihrer neunjährigen Tochter Nele freuen sie sich auf die Geburt ihres zweiten Kindes. Ihre Vorfreude wird jäh getrübt, als sie erfahren, dass ihr Kind höchstwahrscheinlich mit Down-Syndrom geboren werden wird.

 

Einschnitt in Lebensqualität?

 

Nachdem sie den ersten Schock verarbeitet haben, entschließen sich beide, ihr bisheriges Leben auch mit einem behindertem Kind fortzuführen. Schließlich leben sie in bestens abgefederten Verhältnissen: beruflich erfolgreich, keine finanziellen Sorgen, großes Haus und soziale Unterstützung. Ihr Entschluss gerät ins Wanken, als sie erfahren, dass ihr Baby zusätzlich einen schweren Herzfehler hat und unmittelbar nach der Geburt operiert werden muss.

Offizieller Filmtrailer


 

Richter über Leben und Tod

 

Das Paar diskutiert, was es bedeuten würde, sich auf dieses Kind einzulassen. Sie besuchen eine Intensivstation, in der kranke Säuglinge in Brutkästen liegen und um ihr Leben kämpfen. Astrid ist schockiert, weil die Kinder ihr zufolge unsäglich leiden. Markus hingegen sieht, dass die Kinder trotz widriger Umstände am Leben sind.

 

Julia Jentsch und Bjarne Mädel spielen dieses Paar in „24 Wochen“ auf eine sehr aufrichtige und sensible Weise und schaffen es, den Zuschauer durch diesen schwierigen Film zu tragen. Sie ringen um eine unmögliche Entscheidung, die sie mit ihren Grenzen konfrontiert. „Wir sind Richter über Leben und Tod unseres ungeborenen Kindes“, sagt Markus in einer Szene.

 

Spätabtreibungen sind die Regel

 

An welchen Wertmaßstäben orientiert sich das Paar? Wessen Rechte wiegen stärker? Die des Ungeborenen oder die der Eltern? Besonders Astrid zweifelt, ob sie in der Lage wäre, ihr bisheriges Leben aufzugeben.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Regisseurin Anne Zohra Berrached über „24 Wochen“

 

und hier eine Rezension des Films „The Light between Oceans“ – emotionales Findelkind-Drama mit Michael Fassbender von Derek Cianfrance

 

und hier einen Bericht über den Film „Ein freudiges Ereignis“ – realistische Tragikomödie über werdende Eltern von Rémi Bezançon

 

und hier einen Bericht über den Film „Gabrielle – (K)eine ganz normale Liebe“ über Sexualität + Liebe unter Behinderten von Louise Archambault.

 

Die junge Filmemacherin Anne Zohra Berrached hat mit ihrem Film den Fokus auf ein Thema gerichtet, das medial ein Schattendasein fristet. Die Wenigsten wissen, dass in solchen Fällen Spätabtreibungen bis kurz vor der Geburt legal möglich sind. Heutzutage entscheiden sich 90 Prozent der betroffenen Frauen dafür. Wohlgemerkt zu einem Zeitpunkt, an dem das Kind vielleicht schon lebensfähig wäre, weshalb bei einem Spätabbruch nach der 22. Schwangerschaftswoche das Kind zuvor im Mutterleib getötet wird.

 

Mutig + emotional anstrengend

 

Berrached wertet die Entscheidung ihrer Protagonisten nicht; sie ist nicht pro oder kontra Abtreibung. Aber sie zeigt in aller Deutlichkeit, was bei einer Entscheidung für einen Abbruch passiert. Dabei mischt die Regisseurin fiktionale und dokumentarische Elemente. Den Dialogen und Szenen liegen ausführliche Interviews mit Betroffenen zugrunde. Die Ärzte und Hebammen sind allesamt Laien, die sich selbst in ihrer normalen Arbeitsumgebung spielen. Dadurch erreicht der Film ein Höchstmaß an Authentizität.

 

„24 Wochen“ ist ein mutiger Film, der alle filmischen Mittel in den Dienst seiner zentralen Frage stellt. Die Regisseurin setzt zwar immer wieder Kontrapunkte, die Leichtigkeit in den Film bringen, doch besonders im letzten Drittel ist er in seiner emotionalen Intensität schwer auszuhalten.

 

Am Ende bleibt Ratlosigkeit. Wie würde man selbst in dieser Situation entscheiden? Eine der Hebammen, die Astrid auf ihrem Weg begleitet, sagt: „Diese Entscheidung kann man nur treffen, wenn man sie treffen muss.“


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