Berlin

Berlin Art Week 2016: abc – art berlin contemporary + Positions Berlin Art Fair

Marc Fromm: Jetzt verlieben, zweiseitige Holz-Skulptur, 2016; bei Galerie Jarmuschek+Partner. Foto: ohe

Kampf gegen drohende Katerstimmung: Auf das Ende des Hauptstadt-Booms reagieren die beiden wichtigsten Kunstmessen der Berlin Art Week mit Konzentration aufs Wesentliche und Kundenorientierung. Wir empfehlen: jetzt zuschlagen!

Es wird wie immer sein. Überall großes Gedränge: am Einlass, in den Gängen, vor Imbissständen und Toiletten. Man versteht kaum sein eigenes Wort: rechts dröhnendes Gelächter von bärtigen US-hipsters in Holzfäller-Hemden, links lautstarkes Lobhudeln von Latino-bonvivants.

 

Info

 

abc – art berlin contemporary

 

15.09.2016 – 18.09.2016

Donnerstag 16 bis 21 Uhr, Freitag + Samstag 12 bis 19 Uhr, Sonntag 12 bis 18 Uhr

in der Station-Berlin,
Luckenwalder Strasse 4—6

 

Website zur Messe

 

Positions Berlin Art Fair

 

15.09.2016 – 18.09.2016

Donnerstag 18 bis 22 Uhr, Freitag + Samstag 13 bis 20 Uhr, Sonntag 11 bis 18 Uhr

im Postbahnhof am Ostbahnhof, Straße der Pariser Kommune 8, Berlin 

 

Website zur Messe

 

Jeder Galerist rattert die Arbeitsweise seines Haus-Künstlers herunter; seine Assistentin – Typ höhere Tochter mit Apfelbäckchen und bachelor in Kunstgeschichte – drängt einem Werklisten und Visitenkarten auf. Mitten im Gewühl der unvermeidliche „Kunstkontakter“: ein monomanischer Adabei-Hüne, der auf jeder Vernissage auftaucht und alles mit Helmkamera filmt, um es ins internet hochzuladen – wobei er oft etwas streng riecht.

 

Kein Treffpunkt zum Vorglühen

 

Doch das ist nur ein Wachtraum, gespeist aus leidvoller Erfahrung. Die Rückkehr in die Realität fällt erfreulich aus: Der Andrang hält sich in Grenzen. Es gibt genug ticket-Schalter, Garderoben und Getränkestände. Die meisten Besucher sehen so aus, als träfen sie sich hier nicht zum Vorglühen vor einer durchzechten Nacht, sondern interessierten sich tatsächlich für Kunst – und verstünden etwas davon. Galerie-Personal respektiert, wenn man ausgestellte Werke wortlos mustern will. Und der „Kunstkontakter“ bleibt fern.

 

Mit einem Wort: Die beiden größten Berliner Kunstmessen sind professionell geworden. Es wurde höchste Zeit. Die Stimmung in der hauptstädtischen Szene ist mau – sie wird Opfer ihres eigenen Erfolgs. Berlins Ruf als die wohl coolste und billigste Metropole des Planeten zog Heerscharen von Nachwuchs-Künstlern aus aller Welt an. Doch die Zeiten, in der sich jeder art school student eine Altbauwohnung in Kreuzkölln und ein Atelier in einer alten Fabrik leisten konnte, sind vorbei.

 

Halbes Dutzend Vernissagen täglich

 

Zudem findet die lokale Überproduktion von Kunst wenig Abnehmer; gelegentlich einfliegende Großsammler reichen nicht aus. So bespaßt sich die Szene selbst: mit einem endlosen Reigen von Vernissagen und ähnlichen events, täglich mehr als ein halbes Dutzend. Für soviel Kunst fehlt das Publikum; es spricht sich herum, dass damit in Berlin kaum Geld zu verdienen ist. Potente player sehen sich nach anderen Spielfeldern um. Nach dem besinnungslosen hype der letzten Jahre droht nun eine Marktbereinigung – vulgo: Pleiten und Abwanderungen.

Impressionen der abc-Messe 2016


 

abc schrumpft sich gesund

 

Drohendes Katergefühl macht sich auch bei der „Berlin Art Week“ bemerkbar, die der Senat vor fünf Jahren ins Leben rief. In diesem Herbst ist sie kein Veranstaltungs-Feuerwerk, sondern bündelt nur zwölf Ausstellungen, die diverse Institutionen ohnehin ausrichten wollten. Das Rahmenprogramm fällt ebenso bescheiden aus: Engagierte Kunst, die den Wahn permanenten Wachstums geißelt, geht mit gutem Beispiel voran. Bleibt das Kerngeschäft: die alljährlichen und inzwischen etablierten Messen abc – art berlin contemporary und Positions Berlin Art Fair.

 

Die neunte abc will sich gesund schrumpfen: Anstelle von rund 100 Galerien wie im Vorjahr sind noch 62 dabei, die jeweils ein oder zwei Künstler präsentieren. Sie füllen am gewohnten Standort „Station-Berlin“, einem ehemaligen Postbahnhof aus der Kaiserzeit, nur eine der riesigen Hallen. 2015 trennten „Raumkreuze“ die Stände voneinander; nun sorgen „U-förmige Einbauten“, die traditionellen Messe-Kojen schon sehr ähnlich sehen, für eine „kabinettartige Atmosphäre“. Das erleichtert Orientierung und diskrete Preisverhandlungen.

Impressionen der Positions-Messe 2016


 

Shopping list wie in lifestyle magazine

 

Da die abc endlich beherzigt, dass es auf Messen nicht um akademische Diskurse oder Nachwuchsförderung geht, sondern um business, schließt sich Kunst+Film dem Mantra der Fachpresse an: Das zahlungskräftige Publikum möge nicht nur neugierig gucken, sondern auch zugreifen. Gewiefte Käufer gehen antizyklisch vor: Sie schlagen dann zu, wenn der Handel schwächelt und man Rabatte aushandeln kann. Da Kunstwerke Statussymbole sind, bei denen es auf den Kontext ankommt, folgen zielgruppenspezifische Kaufempfehlungen; alle Preise verstehen sich inklusive Umsatzsteuer, sofern nicht anders angegeben.

 

Für Freunde der Dichtkunst

 

Der französische documenta-Teilnehmer Saâdane Afif stellt bei der Galerie Mehdi Chouakri schwarzweiße Meeres-Fotografien aus, die kompliziert auf mehrlagige Bildträger gedruckt wurden. Die Serie „L’Eternité“ („Unendlichkeit“) bezieht sich auf ein Gedicht von Arthur Rimbaud: kleine Bilder für 29.700 €, ein großes für 53.500 €. Günstiger sind Gedichte von Afifs Freunden: für 3.600 € erhält man Text-Dateien mit Versen auf CD und darf sie beliebig oft ausdrucken.

 

Für Postkolonialisten

 

Die Galerie Sperling zeigt die große Installation „Shaka Zulu Musical“ des Briten Andrew Gilbert: Zwei lebensgroße Puppen, Masken-Totems und handgemalte Bilder klagen englische Kolonial-Verbrechen in Südafrika an. Viel Material zum fair-trade-Preis: 26.000 €. Günstiger sind t-shirts mit dem Aufdruck der Laute a, b und c in Arabisch: Den Erlös von 20 € pro Stück spendet die Messe an eine Flüchtlings-Hilfsorganisation.

 

Für Spekulanten

 

Die Polin Monika Sosnowska ist momentan schwer angesagt. Etliche Museen schaffen sich ihre Nachbauten deformierter Treppen an; Capitain Petzel hat drei kleinere Modelle im Angebot. Auf den ersten Blick erscheinen verbogene Metallteile für 65.000 bis 75.000 € überteuert, doch risikofreudige Naturen dürfen auf baldige Preissteigerung hoffen.

 

Für Friedensbewegte

 

Einfacher als der Weltfrieden sind die Alu-Dibond-Platten herzustellen, die Timur Si-Qin mit dem Wort „Peace“ und dem Yin-Yang-Symbol bedruckt hat. Bei der Galerie Société für 20.000 € pro Stück erhältlich; sicher günstiger als die täglichen Scharmützel in der Ukraine.


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