Bernd Michael Lade

Das Geständnis

Die komplette Morduntersuchungskommission (MUK) tagt. Foto: © 2016 Aries Images

(Kinostart: 15.9.) Die ganze DDR in einer Amtsstube: Bernd Michael Lade, bekannt als TV-Polizist, bringt die Endphase der ostdeutschen Republik als Krimi-Kammerspiel auf die Leinwand – Verbrechen, Personal und Phrasendrescherei wirken absolut authentisch.

Alles ganz harmlos: Zahllose Wiederholungen alter DDR-Fernsehkrimis in dritten TV-Programmen vermitteln den Eindruck, dass sich ostdeutsche Ordnungshüter meist mit Heiratsschwindelei oder Betrug beschäftigten – nur ausnahmsweise mit Kapitalverbrechen. Dennoch gab es in Ostberlin eine Mord-Untersuchungs-Kommission (MUK), die echte Fälle bearbeitete.

 

Info

 

Das Geständnis

 

Regie: Bernd Michael Lade, 112 min., Deutschland 2015,

mit: Thomas Stecher,  Thorsten Spohn, Martin Neuhaus

 

Weitere Informationen

 

Deren letzte Monate beleuchtet Bernd Michael Lade, der als Schauspieler von 1992 bis 2007 im sächsischen „Polizeiruf 110“ mitwirkte, als Regisseur in seinem dritten Spielfilm „Das Geständnis“. Bereits die erste Szene stellt klar: Nun folgt keine der üblichen Ausstattungsorgien über DDR-Geschichte. Eine verqualmte Amtsstube mit vergilbter Mustertapete und dem obligatorischen Honecker-Foto an der Wand – das ist der Schauplatz.

 

Mehr als ein Geständnis

 

Viel mehr als dieses interieur wird man im Verlauf des Films nicht sehen. „Das Geständnis“, von dem nicht nur eines abgelegt wird, verlässt sich als Kammerspiel ganz auf seine Darsteller und ihre Rollen. Was als Drama genügt, denn im Frühjahr 1988 brodelt es im ostdeutschen Arbeiter- und Bauernstaat.

Offizieller Filmtrailer


 

Verbrechen mit Weltniveau

 

Die versammelte SED-Parteigruppe, die mit der MUK personalidentisch ist, macht allerdings Dienst nach Vorschrift. Nur Neuling Micha (ebenfalls Bernd Michael Lade) nimmt alles nicht so bierernst. Er lässt durchblicken, dass er der Partei nur beigetreten ist, um seine Stelle zu ergattern; eine Provokation für den Parteisekretär. Obwohl Micha als unbequemer Querulant kein schäbiges Jackett, dafür aber die schwindenden Haare im Nacken länger trägt, ist er ein guter Polizist, talentierter Vernehmer und treibende Kraft bei schwierigen Fällen.

 

Die haben quasi das Weltniveau, das der DDR-Führung so wichtig war: vom muttermordenden Volkspolizisten über einen toten sowjetischen Offizier, Täter in staatstragenden Positionen wie Wissenschaftler oder Lehrer bis zu Leichenteilen in Weckgläsern. Alles Verbrechen, die es im Sozialismus offiziell nicht geben darf, ebenso wenig wie eine Mordkommission: Die Einfügung „-untersuchungs-“ ín der MUK-Mitte darf nicht vergessen werden, betonen die Vorgesetzten stets.

 

Erinnerungen unter Pseudonym

 

Solche Taten sind nicht aus der Luft gegriffen. Das von Lade verfasste Drehbuch basiert auf den Erinnerungen eines langjährigen DDR-Kriminalbeamten; er wird aus Rücksicht auf seine alten Kollegen nur mit Pseudonym genannt. Mehr ist über diesen C. Curd nicht zu erfahren. Ob er tatsächlich existiert oder nicht – es mindert nicht die Qualität des Films, den Lade und sein team mit viel Herzblut und Mini-budget realisiert haben.

 

Die Häufung und Drastik der Fälle ist sicher verdichtet; sie zeigen im Zeitraum von nur 18 Monaten einen extremen Ausschnitt der DDR-Wirklichkeit. Ebenso das Spektrum von Typen in der MUK: vom übereifrigen Karrierist über den Opportunisten bis zum Unangepassten, dessen Rolle der einstige punk Lade für sich selbst reserviert hat. Dazu kommen wohlmeinende Vorgesetzte und schmierige Stasi-Schergen, die sich ungefragt einmischen.

 

SED-Sekretär zitiert NS-Größen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Anderson“ – gelungene Doku über den Stasi-Spitzel Sascha Anderson von Annekatrin Hendel

 

und hier eine Besprechung des Films „Erich Mielke – Meister der Angst“ – Doku über den Geheimdienst-Chef der DDR von Jens Becker + Maarten van der Duin

 

und hier eine Lobeshymne auf den Film „Police, adjective“ – subtil-kafkaeske Geheimdienst-Parabel im Post-Ceaușescu-Rumänien von Corneliu Porumboiu.

 

Das ganze Leben der Herren spielt sich in ihrer hässlichen Amtsstube ab. Alles andere, etwa Familien- und Beziehungsprobleme, ist nur Beiwerk – aber mit Auswirkungen auf die Karriere. Man trinkt Kaffee oder Wodka bei Gelegenheit; und die ergibt sich oft. Man verdrängt mehr oder weniger den Alltag draußen und die Agonie, in der sich die DDR befindet: An Missständen sind subversive Elemente wie punks schuld, das Theater, der Westen und selbstständiges Denken. Bis der Parteisekretär einen Spruch zitiert, der NS-Größen wie Göring und Goebbels zugeschrieben wird: „Wenn ich das Wort Kultur höre, entsichere ich meinen Revolver.“

 

In solchen Momenten zeigt sich die Stärke des Films: Er reduziert die Endphase der DDR auf ihre Essenz. Alle Akteure wissen genau, wovon sie sprechen, und kennen aus eigener Erfahrung, was sie spielen – auch wenn sie damals auf der anderen Seite standen. Die sperrigen Phrasen und papiernen Dialoge der parteihörigen Genossen sind so präzise abgelauscht, dass es den Zuschauer schaudert.

 

Neuer Chef spendiert Whisky

 

Nach Lades Worten soll der Film die letzten Monate der DDR nachfühlbar machen. Das gelingt ihm durchaus spannend; zugleich liefert er eine Analyse der Geistesverfassung ihrer Exekutive. So komprimiert und dadurch deprimierend hat selten ein Regisseur diesen schon arg ramponierte Staat abgelichtet, ohne etwas von ihm zu zeigen. Dann geht 1989 alles schnell vorbei, das Honecker-Foto verschwindet, und ein neuer Chef aus dem Westen gibt Whisky aus. Die Stube bleibt die gleiche.


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