Ayse Kalmaz + Marcel Kolvenbach

Dügün – Hochzeit auf Türkisch

Glänzende Geschäfte: Der Hochzeits-Planer mit drei Brautmoden-Models. Foto: Real Fiction Filmverleih

(Kinostart: 8.9.) Nur die Liebe zählt: In Duisburg-Marxloh sind etliche Brautmoden-Geschäfte auf deutsch-türkische Heiratsfeiern spezialisiert. Diesen Mikrokosmos dokumentieren Ayse Kalmaz und Marcel Kolvenbach als sentimentalen Bildersalat.

Der Gang zum Traualtar ist wieder in: Man heiratet wieder öfter, früher – und aufwändiger. Für den schönsten Tag im Leben bietet eine hochspezialisierte Branche ihre Dienste an und verdient kräftig daran. TV-shows wie „Traumhochzeit“ (bis 2013 bei RTL) und „4 Hochzeiten und eine Traumreise“ (zurzeit bei VOX) setzen ästhetische standards; Hochzeits-Messen und -Journale wecken hochgesteckte Wünsche.

 

Info

 

Dügün –
Hochzeit auf Türkisch

 

Regie: Ayse Kalmaz und Marcel Kolvenbach

89 Min., Deutschland 2015;

mit: Ferhat Aldur, Turgut Karakuş, Anı Karakaya

 

Weitere Informationen

 

Brautpaar und Angehörige können sie kaum leichtfertig ignorieren – selbst wenn sie sich entscheiden, informell zu heiraten. So werden Hochzeiten wieder zu dem, was sie fast überall weltweit und auch in Deutschland bis etwa 1970 stets gewesen sind: ein prunkvolles und stark formalisiertes Festritual, das Gemeinschaft zwischen den Anwesenden stiftet und soziales Prestige verleiht. Richtig heiraten bedeutet, die Erwartungsnormen aller Gäste zu erfüllen.

 

Einkaufs-Paradies Hochzeits-Meile

 

Wie das geht, lässt sich hervorragend in Duisburg-Marxloh beobachten; dort hat die Hälfte aller Einwohner einen ausländischen Pass. An der Weseler Straße ist eine regelrechte Hochzeits-Meile entstanden: Dutzende von Fachgeschäften für Brautmode und Abendgarderobe, Schmuck und sonstigen Heiratsbedarf reihen sich aneinander. Ein florierendes Einkaufs-Paradies in einem ansonsten verarmten Stadtteil – und ein Zentrum sozialen Lebens türkischstämmiger Mitbürger in Deutschland.

Offizieller Filmtrailer


 

Beschwerden über Kerzen-Farben

 

Die türkisch-kurdische Regisseurin Ayse Kalmaz und ihr deutscher Kollege Marcel Kolvenbach hatten die glänzende Idee, darüber einen Dokumentarfilm zu drehen: An diesem Ort treten Eigenheiten der deutsch-türkischen Kultur offen zutage, die sonst meist im Verborgenen bleiben und von der Mehrheitsbevölkerung routiniert übersehen werden. Wer hier heiratet, führt demonstrativ vor, wer er ist und was er hat – das erlaubt zahllose aufschlussreiche Einblicke.

 

Dem gehen Kalmaz und Kolvenbach konsequent aus dem Weg. Stattdessen begleiten sie unermüdlich ein paar Personen, über die man wenig erfährt, und fangen alles Mögliche ein, was sie so von sich geben. Ein selbstgefälliger Hochzeits-Planer, der ein Hochglanz-Werbemagazin auf Türkisch herausgibt, lästert ausgiebig über knauserige Familien, die 1000 Gäste einladen, aber um jeden Euro feilschen. Der Besitzer einer mietbaren Festhalle klagt über pingelige Kunden, die sich über unregelmäßige Stuhlreihen und die Farbe von Kerzen beschweren.

 

Tochter will Trauschein, Vater nicht

 

Der junge Angestellte eines Restaurant-Besitzers will dessen Tochter ehelichen; um ihre Hand hielt er nach der Arbeit im Gastraum an. Sein offenbar linker Schwiegervater in spe – er zitiert den berühmten kommunistischen Dichter Nazim Hikmet – wundert sich, wie konservativ seine Tochter sei; er hätte nichts dagegen, wenn beide ohne Trauschein zusammen lebten.

 

Eine Deutsch-Spanierin und ihre türkische Freundin kommen ungeschminkt in t-shirts, jeans und sneakers daher; sie gingen in jedem Szeneviertel als lässige hipster durch. Beide stöbern aber in der strahlend weißen Welt eines Brautmode-Ladens. Hier lässt sich die Spanierin ihr Traumkleid auf den Leib schneidern; stolz erzählt sie, wie gut sie ihren künftigen deutsch-türkischen Gatten auf gewohnte Art bekochen kann.

 

Imam erläutert Allahs Willen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Mustang“ – eindrucksvolles türkisches Zwangsheirats-Drama von Deniz Gamze Ergüven

 

und hier eine Besprechung des Films „Kuma“ – subtiles kurdisch-österreichisches Zweitfrauen-Drama von Umut Dağ

 

und hier einen Beitrag über den Film „Song of my Mother“ – kurdisches Gentrifizierungs-Sozialdrama von Erol Mintaş.

 

Profitstreben und Konsumenten-Ansprüche, säkulare und neokonservative Überzeugungen oder Multikulti-Ehen zwischen Migranten-Kindern: lauter interessante Fährten, die Kalmaz und Kolvenbach verfolgen könnten. Aber nein – unentwegt lichten sie von Verwandten über Friseurinnen bis zu Musikern jeden ab, der ihnen vor die Linse läuft, und lassen ihn erzählen, was ihm gerade durch den Kopf geht. Anproben und andere Vorbereitungen sind ja sehr zeitraubend; da bleiben viele Pausen für besinnliches Geplauder.

 

Dabei erfährt man kaum Konkretes. Weder über Marxloh als Heirats-Marktplatz noch über den Ablauf türkischer Hochzeitsfeste, regionale und weltanschauliche Unterschiede, Einbeziehung oder Ausgrenzung des deutschen Umfelds – alles Fehlanzeige. Dagegen erläutert der Moschee-Imam salbungsvoll, warum Allah die Ehe vorschreibt. Und alle Akteure dürfen ihre Ansichten über das geheimnisvolle Wesen der Liebe kundtun.

 

Toleranter-Islam-Manifest

 

Aus seiner gefühligen Froschperspektive löst sich der Film nur kurz am Anfang. Da sagt der Heirats-Planer: „Wenn wir die Hochzeiten abschaffen, verlieren die Türken hier endgültig ihren Zusammenhalt.“ Solch nüchterne Gruppensoziologie überfordert offenbar das Regie-Duo; lieber preist es seinen Bildersalat als „filmisches Manifest für einen weltoffenen, toleranten, europäischen Islam“ an. Was eben Filmförderanstalten gerne hören: Nur die Liebe zählt.


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