Lutz Gregor

Mali Blues

Die Musikerin Fatoumata Diawara (li.) ist aus dem Exil nach Mali zurückgekehrt. Foto: © Konrad Waldmann, 2016. Fotoquelle: Realfiction Film

(Kinostart 29.9.) Bildgewaltige Meditation über die „Krise“ des Blues in Mali. In seinem Dokumentarfilm zeichnet Regisseur Lutz Gregor das Bild eines Landes, dessen Musikkultur die immer einflussreicher werdenden Islamisten nur wenig anhaben können.

Ahmed Ag Kaedi sitzt auf einem Fischerboot; hinter ihm eine Bucht bei Bamako, der Hauptstadt Malis. Er hält ein Telefon in den Händen und eine Kippe im Mundwinkel; das Blau seines Hemdes harmoniert mit dem des Wassers und des Himmels. Als Still-Fotographie könnte das Bild in „Mali Blues“, dem neuen Dokumentarfilm des Regisseurs Lutz Gregor, dem Magazin „National Geographic“ entnommen sein: namenloser Afrikaner zwischen Zukunft (smartphone!) und Drittwelt-Insignien (Ruderboot, Zigarette).

 

Info

 

Mali Blues

 

Regie: Lutz Gregor,

90 Min., Mali/ Deutschland 2016;

mit: Fatoumata Diawara, Master Soumy, Ahmed Ag Kaedi

 

Weitere Informationen

 

Aber etwas stimmt nicht. Das blaue Hemd und die Kopfbedeckung weisen Ahmed als Tuareg (kel-tamashek) aus; sie sind keine Fischer, sondern Nomaden. Sie gehören nicht aufs Meer, sondern in die Wüste. Ahmed sieht das auch so, aber es bleibt ihm verwehrt. Er ist Musiker: Nachdem die Dschihadisten, die 1500 km landeinwärts die Wüstenstadt Kidal eingenommen haben, seine Familie bedrohten, ist der Gitarrist an die Küste geflohen. Er ist im Exil. Er ist noch in Mali, aber es ist eine andere Welt.

 

Böse Bärtige in pick-up trucks

 

2012 schlugen Dschihadisten einen Aufstand der Tuareg im Norden des Landes nieder. Aus dem kurzlebigen Tuareg-Staat Azawad wurde ein westafrikanisches Pendant zum „Islamischen Staat“: ein klerikalfaschistisches Willkür-Regime, ausgerufen von bewaffneten Bärtigen in pick-up trucks. Bis französische Interventionstruppen die Städte Kidal und Timbuktu befriedeten, herrschte die Scharia – ein strenges islamisches Gesetz, das dem entspannten, diesseitsorientierten Islam Westafrikas bis dahin unbekannt war.  

 

„Mali Blues“ zeigt, was es bedeutet, einem Land die Musik wegzunehmen – kann es doch für sich reklamieren, den Blues und das Banjo hervorgebracht zu haben. Stars wie der verstorbene Gitarrist Ali Farka Touré, Amadou & Mariam oder die Tamashek-Band Tinariwen haben den modernen Mali-Blues international bekannt gemacht. In den Städten ist Hip Hop die von smartphone zu smartphone weitergegebene Stimme der Jugend. Doch seit der Invasion im Norden ist das fragile Gesellschaftssystem der 30 Ethnien, die den Flächenstaat bevölkern – mehr als 85 Prozent der Einwohner sind Muslime – endgültig aus dem Gleichgewicht geraten, wovon auch die Musiker betroffen sind.

Offizieller Filmtrailer


 

Von Griots bis Rapper

 

Vier von ihnen begleitet Regisseur Lutz Gregor durch das plötzlich halbierte Land. Sie repräsentieren die ganze Bandbreite der reichen Musikkultur Malis. Da ist Fatoumata Diawara, die als Jugendliche vor der Zwangsheirat floh und als Musikerin in Europa ihr Glück suchte. Da ist Bassekou Kouyaté, Spross einer Dynastie von griots, den Preissängern und lebenden Bibliotheken der westafrikanischen Könige. Kouyaté ist Chef seiner eigenen Familien-Band, gilt als Erneuerer der ngoni-Laute und hat sich ebenfalls eine internationale Karriere aufgebaut.

 

Der Bandleader, Sänger und Gitarrist Ahmed Ag Kaedy ist dagegen nicht interessiert am Leben in Europa und den USA. Er würde am liebsten wieder in Kidal sein und erzählt in seinen Songs vom Heimweh – in jenem traurigen Blues der kel-Tamashek, den Bands wie Tinariwen und Tamikrest in aller Welt populär gemacht haben.

 

Bilder sprechen für sich

 

Auch der vierte Musiker agiert eher lokal als global: Rapper Master Soumy bezeichnet sich als „Anwalt der Straße“ und rappt gegen alltägliche Missstände an, darunter auch den „Islam“ der Dschihadisten. Obwohl heutige Rapper sich gerne selbst als griots bezeichnen, weist er auf einen Unterschied hin: griots preisen die Herrschaft, Rapper vertreten die Beherrschten.

 

Regisseur Gregor tat gut daran, die Musiker nur selten zu unterbrechen. Außer Texteinblendungen zu Beginn fehlt jede Narration, die Begegnungen entfalten sich von selbst in Gesten, Gesang und Sprache und Impressionen aus Bamako und Umgebung. Die sehen durchweg prächtig aus: Ob Mittagssonne, Abenddunst oder finstere Nacht, die Kamera zeichnet ein unverklärtes Bild einer weit gestreckten, flachen, emsigen Handelsstadt – mit all ihrem Gewusel, Gerüchen und Gestalten, die ihrer Wege gehen. Es ist eine Stadt, aus der Musik auch dann nicht wegzudenken ist, wenn gerade keine läuft.

 

Songs über Genitalbeschneidung

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Woodstock in Timbuktu – Die Kunst des Widerstands“ – Dokumentation über das jährliche Touareg-Frestival in Mali von Désirée von Trotha

 

und hier einen Bericht über den Film „Timbuktu“ – präzises Dokudrama über islamistischen Terror in Mali von Abderrahmane Sissako

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Dogon – Weltkulturerbe aus Afrika“ mit Meisterwerken traditioneller Kunst aus Mali in der Bundeskunsthalle, Bonn.

 

Die Zurückhaltung des Regisseurs und seine Bereitschaft, die Menschen sprechen zu lassen, zahlt sich besonders aus, als Fatoumata Diawara nach Jahren der Abwesenheit in ihr Heimatdorf zurückkehrt. Während die Frauen des Dorfes sie musikalisch willkommen heißen, spielt sich in den Augen der Sängerin ihre ganze Lebensgeschichte ab. Im Disput mit den Frauen über einen ihrer Songs, der sich um Genitalbeschneidung dreht, entstehen Momente hoher Emotionalität.

 

Die Musiker, so zeigt der Film, haben alle ihre eigenen Versionen des Blues. Was sie nicht selbst im Gespräch preisgeben, steckt oft in den dankenswerterweise übersetzten Songs. Dass sie allzu oft als Zeit-Beschleuniger und narrative Brücken eingesetzt werden, ist hingegen schade. Hier setzt sich der editorische Gestaltungswille über die Musik hinweg, der er eigentlich dienen will. Ein klarer Schnitt wäre an mancher Stelle ehrlicher gewesen als die Eingriffe in die Tonspur.

 

Verzeihbares Gefühlskino

 

Das sind aber Kleinigkeiten. Das entspannte, durch Schwarzblenden und Momente des Schweigens verlangsamte Tempo ermöglicht es, emotional in die dramatischen Geschichten einzusteigen und bis zum finalen Festivalkonzert den Blick auf Land und seine Bewohner zu schärfen.

 

Dass die Bilder und die Musik dabei eine unmittelbare Identifikation ermöglichen, würde sicher auch einem Regisseur wie Werner Herzog gefallen. Wenn „Mali Blues“ zum Gefühlskino tendiert, ist das völlig in Ordnung, schließlich geht es um den Blues, der hier in einer erstaunlich aktuellen Form erscheint. Das Denken kann und soll nach der Vorstellung beginnen.


Diesen Artikel drucken