Bonn

Parkomanie – Die Gartenlandschaften des Fürsten Pückler

Park Babelsberg mit Havel und Glienicker Brücke, 2015. Foto: Stefan Petschinka. Fotoquelle: Bundeskunsthalle, Bonn

Den Wald vor lauter Raumteilern nicht sehen: Fürst Pückler war einer der bedeutendsten Gartengestalter des 19. Jahrhunderts – er perfektionierte den englischen Landschaftspark. Die Gedenkschau der Bundeskunsthalle verliert sich im Unterholz.

Die Meisten kennen ihn nur noch als Namensgeber für Schoko-Erdbeer-Vanille-Eis. Doch Hermann Fürst von Pückler-Muskau (1785–1871) war eine der schillerndsten Persönlichkeiten seiner Zeit: Offizier, Abenteurer, Frauenheld, Reiseschriftsteller, bestseller-Autor – und vor allem Landschafts-Architekt. Als solcher hat er unsere Vorstellung von schönen Parks geprägt wie kein zweiter: Dem ist die „Parkomanie“-Schau in der Bundeskunsthalle gewidmet.

 

Info

 

Parkomanie – Die Gartenlandschaften des Fürsten Pückler

 

13.05.2016 – 18.09.2016

täglich außer montags

10 bis 19 Uhr, dienstags + mittwochs bis 21 Uhr

in der Bundeskunsthalle, Friedrich-Ebert-Allee 4, Bonn

 

Katalog 39,95 €

 

Weitere Informationen

 

Pückler erbte 1811 die Standesherrschaft Muskau in der Oberlausitz: ein riesiges Areal auf beiden Seiten der Neiße mit gleichnamiger Stadt und 41 Dörfern, in dem rund 10.000 Menschen lebten. Als es 1815 Preußen zugeschlagen wurde, zählte er zu den 15 größten Grundbesitzern des Königreichs; 1822 wurde er in Adelsstand erhoben. Da hatte er bereits in England dortige Landschaftsgärten kennengelernt – sie wurden sein Ideal.

 

Verpflanzungs-Maschine für Bäume

 

Drei Jahrzehnte lang gab er enorme Summen aus, um Muskau in eine perfekte Parklandschaft zu verwandeln. Da der Boden karg war, ließ er tonnenweise Muttererde auf Ochsenkarren heranschaffen. Wasserläufe wurden umgeleitet, Seen aufgestaut und Hunderte von Bäumen gepflanzt – größere Exemplare mit einer eigens dafür entwickelten Verpflanzungs-Maschine.

Impressionen der Ausstellung


 

Begehbare Bildergalerie in vier Zonen

 

Der Fürst wollte eine „begehbare Bildergalerie“ schaffen, in der sich alle paar Schritte neue Anblicke boten. Dazu ließ er ein ausgefeiltes Netz von Wegen anlegen, um Blickachsen zu erschließen: An zahlreichen Punkten sieht man mehrere landmarks zugleich. Nach englischem Vorbild gliederte er seinen Park in vier Zonen. Den Blumengarten am Schloss umgibt der so genannte pleasureground mit gepflegtem Rasen, Blumenkörben und geometrischen Beeten, einzelnen Bäumen sowie Statuen, kleinen Teichen oder Gebäuden.

 

Der pleasureground ist mehr von künstlerischer Gestaltung als von Natur geprägt; er soll wie eine Verlängerung des häuslichen Salons unter freiem Himmel wirken. Daran schließt sich der eigentliche Park an, in dem natürliche Elemente das Bild bestimmen. Gefolgt vom Außenpark, durch den zwar Wege führen, doch Wildwuchs nicht gezähmt wird; zum Teil nutzt man ihn für Landwirtschaft.

 

Drei Jahre Brautschau in England

 

Dieses Park-Konzept legte der Fürst 1834 im Buch „Andeutungen über Landschaftsgärtnerei“ dar. Es wurde ebenso ein Erfolg wie drei Jahre zuvor seine „Briefe eines Verstorbenen“; unter diesem makabren Titel hatte er Erlebnisse und Beobachtungen während seiner zweiten England-Reise 1826 bis 1829 veröffentlicht. Auf ihr suchte er nach einer vermögenden Braut, um den Ausbau von Muskau weiter finanzieren zu können. Zuvor hatten er und seine erste Gattin Lucie, die seine Park-Leidenschaft teilte, sich einvernehmlich scheiden lassen.

 

Die erhoffte Mitgift fand der Heiratswillige nicht. Stattdessen begab er sich 1834 auf eine sechsjährige Orientreise, die ihn bis in den heutigen Sudan führte. Nach seiner Rückkehr beauftragte ihn Kronprinz Wilhelm – der spätere deutsche Kaiser – mit der Umgestaltung des Parks von Babelsberg bei Potsdam, den Gartendirektor Peter Joseph Lenné (1789-1866) begründet hatte. Pückler legte aufwändig bepflanzte Terrassen samt pleasureground an; mit Dampfmaschinen ließ er Wasser in Leitungen zur Bewässerung des Terrains pumpen.

Feature über Park Muskau, Babelsberg + Branitz; © Bundeskunsthalle


 

Zwei Pyramiden als Grabstätten

 

Trotz seines Ansehens bei Hofe musste er aus Geldmangel Muskau 1845 verkaufen. Spätere Besitzer führten sein Werk fort; heute liegt der mit 830 Hektar größte Landschaftspark Mitteleuropas zu zwei Dritteln in Polen, wird von beiden Anrainern gemeinsam verwaltet und steht seit 2004 auf der UNESCO-Welterbeliste.

 

Der Fürst zog sich auf seinen Erbsitz Branitz bei Cottbus zurück; dort fing er von vorne an. Abermals gestaltete er fast 600 Hektar Fläche zum Landschaftspark um; so ließ er zwei Erdpyramiden errichten, eine davon in einem künstlichen See. Als Grabstätten für sich und seine 1854 verstorbene Lebensgefährtin Lucie: „Weil ein solcher Sandhügel das Bleibendste ist, was es auf Gottes Erde giebt.“

 

Papierner Irrgarten aus Prachtband-Seiten

 

Kein Zweifel: Pückler war ein Unikum. Angesichts zurzeit grassierender Landlust und Wiederentdeckung von Wanderfreuden hat er eine Würdigung seiner epochalen Leistungen als Parkgestalter redlich verdient. Dem sinnesfrohen Lebemann wird die Ausstellung aber kaum gerecht. Kleinteilig reiht sie rund 250 Exponate aneinander, vor allem Flachware: Pläne, Bücher und Grafik. Anstatt wichtige Stationen seines Wirkens mit wenigen markanten Objekten zu veranschaulichen, breitet die Schau aus, was die Archive hergeben.

 

Das Ergebnis sieht aus, als hätte man einen illustrierten Prachtband aus dem 19. Jahrhundert zerlegt und die Einzelseiten auf Dutzende von Raumteilern aufgezogen. In diesem papiernen Irrgarten gehen die Prinzipien, die englische Landschaftsgärten etwa von ihren französischen Vorgängern unterscheiden, fast unter: Man sieht den Wald vor lauter Stelen nicht.

 

Echte Pflanzen in Dachgarten verbannt

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Fremde Welt ganz nah: Pompeji + Herculaneum im Gartenreich Dessau-Wörlitz“ mit Europas einzigem künstlichen Vulkan in Dessau-Wörlitz

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Es drängt sich alles zur Landschaft…“ über Landschaftsbilder des 19. Jahrhunderts im Museum der bildenden Künste, Leipzig

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Königsstadt Naga – Grabungen in der Wüste des Sudan“ über antike Ruinen, die Fürst Pückler 1837 besuchte, im Kunstforum der Berliner Volksbank, Berlin.

 

Um das Ganze etwas aufzulockern, wird allerlei multimedialer Klimbim bemüht: von Gucklöchern mit stereoskopischen Lithographien, die dreidimensional erscheinen, über Monitore mit Zeitraffer-Aufnahmen bis zu Filmbildern der Parks aus der Vogelschau. All das wirkt steril: Nirgends entsteht ein lebendiger Eindruck vom Naturerlebnis, das Pücklers Parks bieten.

 

Auf die nahe liegende Idee, dass eine Ausstellung über Gartenkunst auch echte Pflanzen beinhalten könnte wie jedes Großraumbüro, kamen die Macher offenbar nicht: Derlei verbannen sei auf den Dachgarten der Bundeskunsthalle. Dort bieten spärlich verteilte Gewächse einen dürftigen Anblick; er verhält sich zu üppigen Parks etwa so wie Balkon-Blumenkästen zur Bundesgartenschau.

 

Keine historische Perspektive

 

Ohnehin scheint fragwürdig, eine Schau über Gartenbaukunst allein an Pücklers Person auszurichten: Er war kein Pionier. Eine Generation zuvor hatte schon Fürst Franz von Anhalt-Dessau (1740-1817) die Grundsätze englischer Parkanlagen importiert und in seinem Gartenreich von Dessau-Wörlitz verwirklicht. Es zählt ebenfalls zum UNESCO-Welterbe.

 

Ein Vergleich der beiden bedeutenden Kulturlandschaften – am besten ergänzt um Seitenblicke auf das Wirken von Lenné in Preußen und der Gärtner-Dynastie Sckell in Bayern – würde deutlich machen, wie sich Landschafts-Architektur im Laufe des 19. Jahrhunderts verändert hat. Solch eine historische Perspektive fehlt dieser Ausstellung. Sie verliert sich im Unterholz von Pücklers windungsreicher Biographie – und endet prompt mit Desserts seiner Tafelfreuden. Da dürfte bei manchen Besuchern nur das Rezept für Fürst-Pückler-Eis hängen bleiben.


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