Susanne Regina Meures

Raving Iran

Die Brüder Anoosh und Arash in einem Schweizer Rundfunk-Studio. Foto: Rise and Shine Cinema

(Kinostart: 29.9.) Katz-und-Maus-Spiel mit der Sittenpolizei: Mit tausend Tricks organisieren zwei DJs Techno-Parties in Teheran. Die Doku von Regisseurin Susanne Regina Meures zeigt anschaulich die Widersprüche einer gespaltenen Gesellschaft.

Die party ist auf dem Höhepunkt; der beat ist heftig, das Licht spärlich. Im diffusen Dunkel sind Schemen zu erkennen; tanzende Geister der Nacht. Durchs Fenster ist auf der Straße plötzlich blinkendes Blaulicht zu sehen. Zwischen Freudenschreien und hämmerndem Bass ruft jemand: „Die Polizei!“. Innerhalb von Sekunden ist alles vorbei. Jeder weiß, was zu tun ist: so schnell wie möglich verschwinden.

 

Info

 

Raving Iran

 

Regie: Susanne Regina Meures,

94 Min.,  Schweiz 2014;

mit: Anoosh und Arash

 

Engl. Website zum Film

 

Willkommen im Iran. Auch unter dem eher moderaten Präsidenten Hassan Rohani verwehrt der Staat seinen Bürgern viele Freiheiten. Wie etwa parties mit elektronischer Musik; das zeigt der Dokumentarfilm „Raving Iran“ von Regisseurin Susanne Regina Meures. Sie porträtiert die Brüder Arash und Anoosh; als DJ-Duo „Blade & Beard“ veranstalten sie illegale house raves in der Hauptstadt Teheran und der nahe gelegenen Wüste. Dabei geraten sie nicht nur mit staatlicher Repression, sondern zunehmend auch mit sich selbst in Konflikt.

 

Endloses Versteckspiel

 

Anoosh wurde vor einiger Zeit bei einer Razzia von einem Polizisten-Schlagstock verletzt; davon zeugt eine Narbe auf seiner Stirn. Bei aller Leidenschaft für ihre Musik sind die Brüder sichtlich erschöpft durch den Zwang, sich ständig zu verstecken. In ihrem Alltag reihen sich Enttäuschungen aneinander: Eine in der Wüste geplante party droht zu scheitern. Freunde wollen fernbleiben, weil sie Angst haben, verhaftet zu werden.

Offizieller Filmtrailer


 

Schlafende Körper im Wüstensand

 

Eigens engagierte Männer, die an strategischen Orten nach der Sittenpolizei Ausschau halten sollen, verlangen zu viel Geld. Die tickets verkaufen sich schlecht. Trotz allem kann es schließlich losgehen. Kurz vor dem Einsteigen in einen gemieteten Omnibus gibt Anoosh den Teilnehmern letzte Anweisungen: „Packt Mäntel und hidschabs ein. Verhaltet euch unauffällig; falls die Polizei kommt, erzählt, dass ihr auf einer Hochzeit seid.“ Dann verschwindet der Bus in der surrealen Wüstenlandschaft.

 

Entgegen aller Befürchtungen wird die party ein Erfolg. Am nächsten Morgen liegen schlafende raver auf dem Sand, zwischen dem provisorischen sound system und Müll. Eines der schönsten und zugleich symbolträchtigsten Bilder des Films: Diese müden Körper, verloren in der Wüste, stehen für den schönen Kater nach einer euphorischen Nacht, aber auch für die Ohnmacht Einzelner gegenüber der unbezwingbaren Macht hinter den Dünen.

 

Empathie der Kulturbeamtin

 

Wie stark diese Macht immer und überall spürbar ist, vermag Regisseurin Meusers gut darzustellen. Die Kamera wirkt stets nervös, geradezu paranoid; oft wurden die Bilder aus Sicherheitsgründen mit Mobiltelefonen gedreht. Dadurch entsteht unmittelbare Nähe zur iranischen Wirklichkeit, die kaum Spielräume zur individuellen Entfaltung zulässt.

 

Deutlich wird das, als die Brüder versuchen, beim „Ministerium für Kultur und islamische Führung“ eine party anzumelden. Als eine Beamtin ihnen erklärt, dass sie keine Chance hätten, weil westliche Musik komplett verboten sei, lässt ihr Gesicht einen flüchtigen Moment lang Empathie erkennen. Auf Streifzügen durch Plattenläden, wo die Beiden ihr neues Album anbieten, stoßen sie ebenfalls auf Ablehnung. Aber auch auf Menschen, denen es sichtlich unangenehm ist, als Agenten eines repressiven Regimes aufzutreten.

 

Club music als Mittel zur Emanzipation

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Wüstentänzer – Afshins verbotener Traum von Freiheit“ – elegant unaufdringliches Polit-Drama über iranische Tänzer von Richard Raymond

 

und hier eine Besprechung des Films „Jahreszeit des Nashorns – Gergedan Mevsimi“  – brillantes Polit-Psychodrama über Exil-Iraner in der Türkei von Bahman Ghobadi

 

und hier einen Bericht über den Film „Sonita“ – Doku-Porträt einer afghanischen Polit-Rapperin von Rokhsareh Ghaem.

 

Die iranische Gesellschaft ist gespalten. Ihre Widersprüche zu zeigen, ohne sie aufzulösen, ist eine Stärke des Films – trotz seines manchmal allzu pathetischen soundtracks. Was würde passieren, wenn club music nicht verboten wäre? Könnte sie ein Mittel zur Emanzipation sein? Zwar hinkt der Vergleich mit Chicago und britischen Großstädten, in denen Ende der 1980er Jahre die house culture entstand – allein schon wegen der Rolle der Religion im Iran. Dennoch liegt die Frage nahe, waren doch die dortigen clubs Treffpunkte des Ideenaustauschs und Orte sozialer Sprengkraft.

 

Arash und Anoosh versuchen alles, um dem auch in ihrer Heimat eine Plattform zu geben. Doch ihr Bedürfnis wächst, auszubrechen. Ihre Freude ist groß, als sie von der Züricher „Street Parade“, dem alljährlich größten techno festival der Welt, eine Einladung bekommen –  für sie die Hoffnung auf ein anderes, neues Leben.

 

Soziales Asyl in der Schweiz

 

Kurz vor dem Abflug informieren sie sich bei einem Anwalt über das Asylrecht in der Schweiz. Als sie in Zürich ankommen und in einer riesigen Menge von Ravern stehen, scheinen sie zerrissener als je zuvor. Arash hat Heimweh und telefoniert ständig mit seiner Schwester. Anoosh zweifelt: Wären sie hier glücklicher? Sollen sie wirklich ihre Pässe zerreißen und Asyl beantragen, wie ihnen empfohlen wurde?

 

Im Iran sind beide in der underground-Szene gefeierte DJs , abgesichert durch ihre verständnisvollen, liberalen Familien. In der Schweiz wären sie zunächst Geflüchtete, Menschen zweiter Klasse. Ihrem Traum von Freiheit wären sie näher als je zuvor; aber bekämen sie die Chance, sich erfolgreich in die Gesellschaft zu integrieren?


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