Fatih Akin

Tschick

Maik (Tristan Göbel) und Tschick (Anand Batbileg) im Maisfeld. Foto: Studiocanal

(Kinostart: 15.9.) Wie gut Scheiße bauen tut: Wolfgang Herrndorfs Bestseller verfilmt Regisseur Fatih Akin kongenial als anarchisches Road Movie im sommerlichen Brandenburg – ein Jugendroman als Anleitung zum Ausbruch aus dem normierten Dasein.

„Reich, feige, wehrlos.“ So sieht sich der 14-jährige Maik Klingenberg. Außerdem betrachtet er sich als langweilig: Deswegen hat ihn seine Mitschülerin Tatjana, die er anhimmelt, als einen von wenigen in ihrer Schulklasse nicht zu ihrer Geburtstags-party eingeladen. Obwohl Maik seit drei Monaten an einer Bleistiftzeichnung von Beyoncé feilt, die er Tatjana schenken wollte, weil sie ein großer fan des R&B stars ist.

 

Info

 

Tschick

 

Regie: Fatih Akin,

Min., Deutschland 2015;

mit: Anand Batbileg, Tristan Göbel, Mercedes Müller

 

Website zum Film

 

Andrej Tschichatschow, den alle Tschick nennen, ist ebenso wenig eingeladen. Was ihm wie vieles andere egal zu sein scheint: Als Kind russlanddeutscher Spätaussiedler läuft er in Billig-Klamotten herum und stopft Schulhefte in eine Plastiktüte. Seine Mongolenfalte lässt ihn wie ein Mittelasiate aussehen; manchmal kommt er mit Wodka-Fahne in den Unterricht. Seine Schulnoten schwanken stark – je nachdem, ob er während der Klassenarbeiten nüchtern war oder nicht.

 

Alki-Mama + Pleite-Papa

 

Tschick wohnt in Berlin-Marzahn mit seiner Familie im Plattenbau; an seiner Schule gilt sie als „asi“, als asozial. Maik wächst in einem schicken Eigenheim mit swimming pool auf; dort geht es etwas wohlstandsverwahrlost zu. Seine Mutter muss als Alkoholikerin öfter in die beauty farm – so nennt sie die Entzugsklinik. Der Vater wollte ringsherum eine Neubausiedlung hochziehen, was schief lief. Seither ist er praktisch bankrott, was ihn nicht hindert, mit seiner hübschen Assistentin auf ausgedehnte Dienstreisen zu gehen. Wie in diesen Sommerferien.

Offizieller Filmtrailer


 

Zickzack-Fahrt in Richtung Walachei

 

Nun soll sein Sohn zwei Wochen allein im Haus verbringen. Da steht Tschick mit einem altersschwachen Lada-Pkw vor der Tür, der „nur geliehen“ ist, und lädt Maik auf eine Spritztour ein. Die soll in den Süden führen; in die Walachei, in der angeblich Tschicks Opa irgendwo lebt. Los geht’s: Planlos kurven beide eine Woche lang kreuz und quer herum; dabei kommen sie nicht über Brandenburg hinaus. Was sie auf ihrer Zickzack-Fahrt erleben, lässt den Sommer zum schönsten ihres Lebens werden – obwohl ihnen klar ist, dass sie gerade „Scheiße bauen“.

 

Das Jugendbuch von Wolfgang Herrndorf wurde 2010 überraschend zum Knüller der saison – mittlerweile sind mehr als zwei Millionen Exemplare verkauft. Der 2013 an Krebs gestorbene Autor schildert ganz gegenwärtig eine klassische Bildungsreise; quasi als „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ im 21. Jahrhundert. Darin kommt beiläufig alles vor, was teenager beschäftigt: Ärger mit den Eltern, Einsamkeit und Freundschaft, erste Liebe und sexuelle Orientierung, Fernweh und Abenteuerlust, Gefahr und Tod.

 

Haarschnitt für nackte Ausreißerin

 

In unspektakulären, aber subtil beobachteten Episoden, die deshalb umso plausibler wirken: Maik und Tschick treffen etwa auf „Adel mit dem Radel“- Altersgenossen, die aussehen wie aus der Zeit gefallen. Sie landen bei einer Bildungsbürger-Familie auf dem Dorf, die den nächsten Supermarkt nicht kennt, aber beim Bio-Essen ein Lexikonwissen-Quiz veranstaltet. Sie werden von einem Einsiedler-Greis beschossen, der ihnen anschließend Kriegsgeschichten auftischt. Und sie stoßen auf die heruntergekommene Ausreißerin Isa, die beim Benzinklau hilft, sich nackt von Maik die Haare schneiden lässt – und flugs wieder abhaut. Der alltägliche Wahnsinn eben.

 

Das erzählt Herrndorf radikal zeitgenössisch. Er trifft Tonfall und Gemütsverfassung seiner pubertierenden Protagonisten genau, doch ihr flapsiger jargon wirkt nie aufgesetzt. Mal lässt er sie abgeklärt auftrumpfen und damit durchkommen; dann wieder scheitern sie an einfachen Aufgaben. Ist ja auch nicht leicht, wenn man kaum ans Gaspedal herankommt.

 

Lebensgefühl der Jugend von heute

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Als wir träumten“ – rasantes Teenager-Drama im Leipzig der Nachwendezeit von Andreas Dresen nach dem Bestseller von Clemens Meyer

 

und hier eine Besprechung des Films „Feuchtgebiete“ – brillante Verfilmung des Erotik-Bestsellers von Charlotte Roche durch David Wnendt

 

und hier einen Bericht über den Film „Ich und Du“ – fesselndes Geschwister-Drama als Keller-Kammerspiel von Bernardo Bertolucci

 

und hier einen Beitrag über den Film „The Cut“Historien-Epos über den Völkermord an Armeniern von Fatih Akin.

 

Diese coming of age story ist als literarisches road movie angelegt; das schreit geradezu nach einer Verfilmung. Dafür wurde erst spät Fatih Akin engagiert, doch er macht seine Sache glänzend: Wie kaum ein anderer deutscher Regisseur hat er ein feines Gespür für jugend- und subkulturelle milieus – wenn er sich nicht an einem Historienfilm wie „The Cut“ (2014) über den Genozid an den Armeniern vor 100 Jahren verhebt.

 

Bis auf wenige Abstecher übernimmt das Drehbuch die Romanhandlung und garniert sie mit wohldosierter Situationskomik. Ob sie dem oft beschworenen Lebensgefühl heutiger Jugendlicher entspricht, können nur sie selbst beurteilen; für Ältere sieht es so aus.  Dabei setzt Regisseur Akin auf seine phänomenalen Hauptdarsteller: Tristan Göbel als sensibler Einzelgänger Maik entdeckt in sich ungeahnte Fähigkeiten, um seine Komplexe abzulegen. Als anarchisch-findiger Exot Tschick glänzt Anand Batbileg; kaum zu glauben, dass er zum ersten Mal vor der Filmkamera stand.

 

Endless summer feeling

 

Beide rasen und rumpeln in ihrer Schrottkiste über Autobahnen und Feldwege von einer bizarren Erfahrung zur nächsten; käme nicht ein Viehlaster in die Quere, könnte das ewig so weitergehen. Dieses endless summer feeling transportiert der Film perfekt; dafür werden ihn die zahllosen fans des Romans lieben. Weil er ganz schwerelos vor Augen führt, dass Ausbrüche aus dem normierten Dasein immer möglich sind – selbst für Schüler in Zeiten von G8-Abitur und Bologna-Studium: Keiner kommt so weit wie diejenigen, die nicht wissen, wohin sie wollen.


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