München

World of Malls – Architekturen des Konsums

Food Court (Detail), auch Coca-Cola-Oase genannt, im CentrO, 1994-1996, Neue Mitte Oberhausen, © Thomas Meyer. Fotoquelle: Pinakothek der Moderne

Shop til you drop: Einkaufszentren sind die Kathedralen der Konsum- Gesellschaft. Ihre Geschichte zeichnet die Pinakothek der Moderne originell mit gelungenen und gescheiterten Beispielen nach – ignoriert aber die wahren Ursachen für ihren weltweiten Erfolg.

Jede Epoche hat ihre Kathedralen. Das erlösungssüchtige Mittelalter errichtete majestätische Kirchen und Dome. Im produktionswütigen Industrie-Zeitalter wurden riesige Fabriken und Kraftwerke gebaut, bereits damals „Kathedralen der Arbeit“ genannt. In der einkaufssüchtigen Gegenwart entstehen enorme shopping centers – wahre Kathedralen des Konsums.

 

Info

 

World of Malls –
Architekturen des Konsums

 

14.07.2016 – 16.10.2016

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 20 Uhr

in der Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, München

 

Katalog 49,80 €

 

Weitere Informationen

 

Diese Formulierung ist nicht neu: Schon Émile Zola bezeichnete 1883 große Kaufhäuser, die in Paris seit Mitte des 19. Jahrhunderts eröffnet wurden, als „Kathedralen des Handels“. Jüngeren Datums sind hingegen Lage, Aufbau und Funktionsweise von Einkaufszentren. Sie dürfen vielleicht als einzig wirklich neuer, bestimmt aber als wichtigster Gebäude-Typ gelten, der erst nach dem Zweiten Weltkrieg erfunden wurde – und sich wie ein Lauffeuer verbreitet hat.

 

Unreflektierte Allgegenwart

 

Wo eine shopping mall hochgezogen wird, wächst kein Gras mehr: Angesichts ihrer Omnipräsenz und Bedeutung im Alltag verwundert, wie wenig darüber reflektiert wird. Einschlägige Debatten kreisen meist um kommerzielle Aspekte: Kaufkraft und Besucherströme, Konzentration und Standardisierung des Handels, allenfalls noch Verdrängung kleiner Läden und Verödung der Innenstädte. Doch die Auswirkungen auf die Lebenswelt, auf Erfahrung und Verhalten jedes Einzelnen, werden kaum thematisiert.

Impressionen der Ausstellung


 

Wie Schaufenster mit Sonderangeboten

 

Darüber würde man in der Pinakothek der Moderne gern mehr erfahren; eine Erwartung, die zugleich erfüllt und enttäuscht wird. Ob es sich tatsächlich um die erste größere Ausstellung zum Thema handelt, wie der Veranstalter versichert, mag dahingestellt bleiben: Jedenfalls stellt das Architekturmuseum der TU München mit 19 existierenden und vier geplanten shopping centers eine eindrucksvolle Bandbreite von Projekten vor – von architektonisch simplen über konzeptionell ausgefeilten bis zu grandios gescheiterten.

 

Alle Beispiele sind so sparsam wie originell inszeniert. Eine Art Ladenstraße ist in Kojen wie Schaufenster aufgeteilt; in ihnen werden Pläne, Fotos, Monitore und Erläuterungen wie aktuelle Sonderangebote präsentiert. Was wöchentlich 27 Millionen Deutsche in die Parallel-„World of Malls“ zieht, und was sie dort erleben, wird jedoch kaum beleuchtet.

 

Das Stadtzentrum verpflanzen

 

Einkaufszentren entstanden Anfang der 1950er Jahre, als Millionen aus den US-Innenstädten in Eigenheim-Vororte umzogen; sie sollten dort fehlende Innenstädte ersetzen – etwa „Shopper’s World“ ab 1951 in Massachusetts. Fünf Jahre später wurde mit dem „Southdale Center“ in Minnesota das erste Einkaufszentrum fertiggestellt, das sich gegen die Außenwelt abschottete: Ladenzeilen auf zwei Etagen und eine begrünte Plaza waren vollständig nach innen ausgerichtet. Der Architekt Victor Gruen hatte sie komplett überdacht und klimatisiert; wie in einer künstlichen Kleinstadt.

 

„You have tried to bring downtown out here. You should have left downtown downtown“ („Sie haben versucht, das Stadtzentrum hierher zu verpflanzen – hätten es aber besser in der Innenstadt gelassen“), lästerte sein berühmter Kollege Frank Lloyd Wright. Doch „Southdale“ wirkte stilbildend. Victor Gruen wurde zum Papst der Einkaufsparadiese, von denen er mehr als 40 plante – was nur rund einem Promille der mehr als 40.000 shopping centers entspricht, die allein in den USA bis Ende des 20. Jahrhunderts aus dem Boden schossen.

 

Schwabylon war München voraus

 

Schon Gruen integrierte Schulen und Sportstätten in seine malls. In den technokratiegläubigen 1960/70er Jahren sollten dann Betonmonster ganze Orte ersetzen; der Bau-Theoretiker Peter Blake sprach von „plug-in cities“, also Städten zum Einstöpseln. Das klappte natürlich nicht: Die schottische mega structure Cumbernauld nahe Glasgow geriet ebenso zur Mega-Pleite wie das Schwabylon an der Leopoldstraße in München.

 

Diese urban entertainment mall mit poppig bunter Fassade, Eislaufbahn, Kino, Hotel, Wohnungen, Großtankstelle samt KfZ-Werkstatt und vielem mehr öffnete 1973 ihre Pforten – zeitgleich mit der ersten Ölkrise. Der bald leer stehende Klotz wurde schon sechs Jahre später wieder abgerissen. Er war seiner Zeit voraus; heute ähnelt die halbe Stadt einem Schwabylon-Einkaufszentrum.

 

Kannibalisierung + öffentlicher Raum

 

1980 integrierte Architekt Frank Gehry sein „Santa Monica Place“ erstmals ins bestehende Straßenraster: Das shopping centre kehrte in die Stadt zurück und dockte an bestehende Bebauung an. Was Furore machte: Im Stadtzentrum von San Diego perfektionierte Jon Jerde die Idee der urban entertainment mall. Seine postmoderne „Horton Plaza“ von 1985 ist ein bonbonbuntes Konglomerat aus sechs Blöcken mit allerlei Türmen, Balkonen und Brücken; Jerde hatte sich ausgiebig beim Formenrepertoire historischer Innenstädte in Italien bedient.

 

Einkaufszentren als theme parks und event areas für konsumfreudige Erwachsene haben sich weltweit durchgesetzt; manchmal kannibalisieren sie die eigentliche Stadt. Wie das seit 1996 für zwei Milliarden D-Mark errichtete „CentrO“ von Oberhausen: Die unverändert größte mega mall in Europa ließ die herkömmliche Innenstadt ausbluten. Andernorts ersetzen sie die Stadt: Wo wegen extremen Klimas – Kälte in Kanada, Hitze in den Golfstaaten – keiner draußen länger verweilen möchte, schaffen shopping centres öffentlichen Raum.


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