Samuel Finzi + Oliver Korittke

Affenkönig

Wie in alten Tagen, nur besser - Martin (Marc Hosemann), Wolfi (Hans-Jochen Wagner) und Viktor (Samuel Finzi) - echte Kumpels. Foto: © Carolina Rihs, Fotoquelle: Port au Prince Pictures

(Kinostart: 13.10.) Krawall-Komödie mit Spaß-Imperativ: Eine Wiedersehens-Feier alter Jugendfreunde nach 20 Jahren inszeniert „Schwarze Schafe“-Regisseur Oliver Rihs als derben Unterleibs-Schwank – und ignoriert die Tragik im Komischen.

Angenommen, Filme wären Seismografen der Gesellschaft: Was würde der Erfolg der aktuellen deutschen mainstream-Komödien über die Wirklichkeit aussagen? Warum sind Mittelstands-Romanzen mit infantilen Titeln oder lahme Klamotten über kulturelle Klischees so beliebt? Lassen wir diese Fragen zunächst beiseite – immerhin gelang Regisseur Oliver Rihs 2006 mit der Berlin-Satire „Schwarze Schafe“ ein so bodenständiger wie derber Überraschungserfolg.

 

Info

 

Affenkönig

 

Regie: Oliver Rihs,

98 Min., Deutschland 2016;

mit: Hans-Jochen Wagner, Samuel Finzi, Oliver Korittke

 

Website zum Film

 

Da verdient sein neuer Film „Affenkönig“ einen Sympathie-Vorschuss – allein schon wegen des plot. Der neureiche Geschäftsmann Wolfi (Hans-Jochen Wagner) lädt zu seinem 45. Geburtstag die drei Jugendfreunde Martin (Marc Hosemann), Viktor (Samuel Finzi) und Ralph (Oliver Korittke) in seine Villa in der französischen Provence ein. Fast 20 Jahre lang haben sich die Vier nicht mehr gesehen.

 

Viel versprechende Feier-Tage

 

Ihre Lebensläufe sind grundverschieden: Viktor hat Karriere in der Politik gemacht. Martin ist ein gealterter pop star, dessen einziger number one hit lange zurückliegt; außerdem Vater eines Sohnes. Ralph arbeitet als Software-Programmierer; seine Geschäfte laufen genauso miserabel wie die Beziehung zu seiner Ehefrau Ruth (Jule Böwe). Doch nun stehen exzessive Feier-Tage bevor. So weit, so viel versprechend.

Offizieller Filmtrailer


 

Luftgitarre im Lendenschurz spielen

 

Es vergehen nur wenige Film-Minuten, bis die Vorschuss-Lorbeeren verwelkt sind. In der ersten Szene stehen Ralph, seine Frau und ihre gemeinsame gothic-Tochter Greta auf dem  Flughafen in einer langen Warteschlange vor dem check in-Schalter für die economy class. Dort trifft Ralph auf Viktor – Spitzname „Fick-tor“ – und dessen schwangere Freundin Sima; beide stolzieren an ihm vorbei, weil sie Erste Klasse fliegen. Ralph betrachtet entgeistert seinen alten Jugendfreund – was als flacher Seitenhieb auf Sozialneid zu verschmerzen ist.

 

Als alle im Provence-Domizil von Wolfi ankommen, steht der Hausherr – Spitzname „Affenkönig“ – auf dem Dach seiner Villa: Im Lendenschurz spielt er Luftgitarre, dann kippt er sich eine Flasche Champagner in den Rachen. Nun ist klar: Geboten wird keine Satire über alternde hipsters, sondern eine Krawall-Komödie mit Spaß-Imperativ, die Situationskomik mit schreiendem Unterleibs- und Fäkal-Humor verwechselt und dazu mit Klischees um sich wirft.

 

Sämtliche Figuren wirken, als seien sie aus Archetypen der boulevard-Medien zusammengesetzt. Dabei verhalten sie sich so plump sexistisch und rassistisch, dass man sich unwillkürlich fragt, ob das beabsichtigt ist oder der Film womöglich auf Beifall in fremdenfeindlichen Kreisen schielt.

 

Dauermonolog unter crystal meth

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Toni Erdmann“ – skurrile Vater-Tochter-Dramödie von Maren Ade

 

und hier eine Besprechung des Films „A Bigger Splash“ – luxuriöser Lebemann-Krimi am Urlaubs-Pool von Luca Guadagnino mit Ralph Fiennes + Tilda Swinton

 

und hier einen Beitrag über den Film „Wir sind die Neuen“ – amüsante Generationen-Komödie über Alt-68er versus Jung-Spießer von Ralf Westhoff.

 

Am nächsten Tag wärmen die Männer ihre alte Viersamkeit auf. Sie landen in einem zwielichtigen club, wo sie die Droge crystal meth für sich entdecken. Was zu recht unterhaltsamen Rausch-Szenen führt: Samuel Finzi als Viktor verfällt in einen überdreht wahnsinnigen Dauermonolog. Oliver Korritke verleiht seiner Figur des Ralph die Züge eines slacker, und Marc Hosemann mimt seinen abgehalfterten Ex-pop star durchaus glaubwürdig.

 

Im letzten Drittel des Films werden die Narben der Protagonisten ansatzweise angedeutet; davon hätte Regisseur Rihs erzählen können: Mit der Chance, die Widersprüche heutiger Individuen im Würgegriff von Selbstverwirklichung, Jugendwahn und Angst vor Statusverlust klar auszuformulieren, anstatt sie nur als Kontrastfolie für billige gags einzusetzen.

 

Alles soll bleiben, wie es ist

 

Regisseur Rihs unterschätzt offenbar die Fähigkeit des Publikums, im Komischen das Tragische zu entdecken – und das produktiv zu machen. Womit sich die oben gestellte Frage beantworten lässt: Wenn das Schrille und Ironische nicht mehr Ausnahme und Abweichung von der Regel ist, sondern die Norm, beruht der Erfolg von nach solchem Muster gestrickten Komödien auf dem Bedürfnis, dass alles so bleibt, wie es ist. In der Spektakel-Gesellschaft wird derjenige am meisten beachtet, der am lautesten brüllt – egal, worum es geht.


Diesen Artikel drucken