Frederick Lau + Moritz Bleibtreu

Das kalte Herz

Peter (Frederick Lau) will seine geliebte Lisbeth (Henriette Confurius) um jeden Preis halten. Foto: © Weltkino

(Kinostart: 20.10.) Friede den Köhler-Hütten, Krieg den Kaufleute-Palästen: Das Märchen von Wilhelm Hauff verfilmt Regisseur Johannes Naber als zeitlose Parabel über Ausbeutung und Profitstreben – in einem mythischen Schwarzwald voll visueller Poesie.

Ist das Ironie oder clevere marketing-Strategie? Das Werbematerial zu diesem Film ist so gestaltet wie bei trivialer teenager fantasy; von der „Twilight“-Trilogie und anderen Vampir-Schmonzetten bis zu action-Spektakeln wie „Die Tribute von Panem“. Auf dem Plakat prangt der Titel in güldenen Metall-Lettern; darüber werden beide Hauptdarsteller in einer Art Lichttunnel mit Moosbesatz dramatisch ausgeleuchtet. Deutsche Romantik goes CGI.

 

Info

 

Das kalte Herz

 

Regie: Johannes Naber,

119 Min., Deutschland 2016;

mit: Frederick Lau, Henriette Confurius, Moritz Bleibtreu, Milan Peschel

 

Website zum Film

 

Jedenfalls dürfte dieser look viele Jugendliche ansprechen, die sonst Autorenfilme meist ignorieren. Da steuert jemand um: Johannes Naber hat mit „Der Albaner“ einen fesselnden thriller über illegale Einwanderer und mit „Zeit der Kannibalen“ eine missratene Groteske über Unternehmensberater gedreht. Mit seinem dritten Spielfilm will er offenbar raus aus der Programmkino-Nische von Werken ähnlicher Machart für das kleine, immergleiche Publikum, das die kritische Weltsicht der Macher ohnehin teilt – Predigen zu bereits Bekehrten.

 

Klassische DEFA-Verfilmung von 1950

 

Damit läuft Naber nicht zum blockbuster-Kommerz über, im Gegenteil: Er begreift sich als engagierter Regisseur. Der 45-jährige will gewichtige Themen und Probleme so darstellen, dass sie Kopf und Herz zugleich ansprechen. Dafür ist die Wahl eines 190 Jahre alten Stoffes weniger abseitig, als es zunächst scheint. Immerhin zählt das Märchen von Wilhelm Hauff neben ein paar evergreens der Brüder Grimm zu den wenigen, deren Handlung noch halbwegs bekannt ist – nicht zuletzt wegen der klassischen DEFA-Verfilmung von 1950.

Offizieller Filmtrailer


 

Schwarzwald als Schlachtfeld der Leidenschaften

 

Doch Nabers Adaption ist kein remake. Er strafft Hauffs Vorlage, erfindet Nebenfiguren hinzu und betont vor allem den zeithistorischen Kontext: den Aufstieg einer so agilen wie rücksichtslosen Unternehmer-Schicht in der beginnenden Industrialisierung Anfang des 19. Jahrhunderts. Wobei die Grundzüge der Geschichte ebenso erhalten bleiben wie ihr romantischer Zauber: der Schwarzwald als Schlachtfeld elementarer Leidenschaften.

 

Köhler-Sohn Peter Munk (Frederick Lau) liebt die schöne Glasmacher-Tochter Lisbeth (Henriette Confurius), aber er ist zu arm, um Hochzeit zu halten. Da gewährt ihm das tief im Wald hausende Glasmännchen (Milan Peschel) drei Wünsche: Peter will der beste Tänzer im Dorf sein, eine prächtige Glashütte besitzen und soviel Geld in den Taschen haben wie der reiche Holzhändler Etzel.

 

Gesichts-Tätowierung + Körper-Bemalung

 

Mit kurzfristiger Bedürfnisbefriedigung kommt er nicht weit. Aus Verzweiflung verkauft Peter dem Holzfäller-Michel (Moritz Bleibtreu) sein Herz; an dessen Stelle setzt dieser Höhlenmensch ihm einen Stein in die Brust ein. Gefühllos geworden, geht er nach Holland, kehrt später als reicher Kaufmann zurück und heiratet Lisbeth. Sie ist jedoch von ihrem kaltherzigen Gatten abgestoßen; bei einem Streit stirbt sie. Nun will Peter um jeden Preis sein echtes Herz zurück.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Zeit der Kannibalen“ – Unternehmensberater-Groteske mit Devid Striesow von Johannes Naber

 

und hier eine Besprechung des Films „Der Albaner“ – Immigrations-Thriller über die Kriminalisierung eines Kosovaren in Deutschland von Johannes Naber

 

und hier einen Bericht über den Film „Victoria“ – Nachtleben-Krimi von Sebastian Schipper mit Frederick Lau, Deutscher Filmpreis 2015.

 

und hier einen Beitrag über den Film „Die geliebten Schwestern“ – brillantes Liebesdrama über Schillers Dreiecks-Beziehung von Dominik Graf mit Henriette Confurius.

 

Diese schlichte Fabel verfremdet Naber geschickt mit wenigen Kunstgriffen. Damaliger Alltag erscheint so hart und trostlos, wie Zwölf-Stunden-Arbeitstage voll schwerer Plackerei wohl gewesen sind. Die Dörfler sind dezent im Gesicht tätowiert wie Berber, was ihre jeweilige soziale Stellung deutlich macht. Und die Waldbewohner treten mit archaischer Hautbemalung wie bei Naturvölkern auf – als Sinnbilder für mythische Kräfte und Impulse, die sie verkörpern.

 

Parabel für heutige Weltwirtschaft

 

So treibt Regisseur Naber dem Märchen alles biedermeierlich Possierliche aus. Stattdessen präpariert er die sozioökonomische Grundkonstellation heraus: Niedergang der Subsistenzwirtschaft und Entfesselung zügellosen Profitstrebens im Frühkapitalismus samt Klassenkampf und Selbstentfremdung. Man muss nur die Köhlerhütten durch Drittwelt-slums oder Hartz-IV-Sozialwohnungen und die Holzhändler durch Handelskonzerne oder investment banker ersetzen: Dann erweist sich Hauffs Märchen als verblüffend aktuelle Parabel über die Verhältnisse in der heutigen Weltwirtschaft.

 

Dabei wird sie nicht auf ein dröges Lehrstück reduziert: Erstklassige Schauspieler und eine einfallsreiche Inszenierung, die so naturgetreu wie zeitlos entrückt wirkt, hauchen dem in Bildfloskeln erstarrten fantasy genre neues Leben ein. Indem sich Naber auf dessen etymologische Herkunft besinnt: Viel Fantasie verleiht dem Film visuelle Poesie.

 

EU als Nibelungen-Sage

 

Mit solcher Einbildungskraft könnte der Regisseur noch ganz andere Sagen in die Gegenwart katapultieren: Wie wäre es mit einer Neuverfilmung der „Nibelungen“ als Gleichnis für gegenwärtige Zustände in der EU?


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