Danièle Thompson

Meine Zeit mit Cézanne

Paul Cézanne (Guillaume Gallienne) portraitiert seinen Freund Émile Zola (Guillaume Canet) 'en plein air'. Foto: © 2016 PROKINO Filmverleih GmbH

(Kinostart: 6.10.) Starliterat und Kraftkerl: Der Romancier Émile Zola und der Maler Paul Cézanne waren enge Freunde. Ihr Verhältnis zeichnet Regisseurin Danièle Thompson nach: als Human-Interest-Bilderbogen, bei dem Kunstgeschichte kaum eine Rolle spielt.

Ein facettenreicherer biopic-Stoff lässt sich kaum finden, sollte man meinen: Zwei französische Nationalhelden der Kultur im 19. Jahrhundert, Émile Zola (1840-1902) und Paul Cézanne (1839-1906), waren seit Kindertagen eng befreundet. Später wurde Zola zur wichtigsten literarischen Autorität in der Dritten Republik, Cézanne als Vorbild der Kubisten zum Ahnherrn der Klassischen Moderne.

 

Info

 

Meine Zeit mit Cézanne

 

Regie: Danièle Thompson,

113 Min., Frankreich 2016;

mit: Guillaume Canet, Guillaume Gallienne, Alice Pol

 

Website zum Film

 

Anhand ihrer parallelen Lebensläufe ließe sich ein ganzes Zeitalter erzählen: Frankreich zwischen 1850 und 1900, mitsamt allen technischen, politischen und ästhetischen Umwälzungen. Doch zahllose Schauplätze und Akteure benutzt Regisseurin Danièle Thompson allein als wechselnde Staffage für ein hin und her wogendes Beziehungsdrama, quasi „Szenen einer Künstler-Ehe“. Statt Epochengemälde nur human interest.

 

Jugend-Szenen wie video clips

 

Von Anfang an: Die Szenen, in denen sich die Gymnasiasten Zola, ein armer Halbwaise, und Cézanne, Sohn eines reichen Bankiers, anfreunden und ihre Jugend in Aix-en-Provence auskosten, sind so schnell geschnitten, als sollten sie mit heutigen video clips konkurrieren. Ähnlich geht es nach ihrem Umzug in die Hauptstadt weiter: Zola (Guillaume Canet) lässt sich 1858 in Paris nieder, Cézanne (Guillaume Gallienne) folgt drei Jahre später.

Offizieller Filmtrailer


 

Hauptsache irgendwie altmodisch

 

Ihr Leben im Montmartre-Milieu erscheint als Stakkato aus Arbeitswut im Atelier, wechselnden Geliebten, Gelagen mit Zechbrüdern und neckischen Streichen: La vie de bohème als Operetten-Version. Dafür zitiert Regisseurin Thompson den halben Olymp des Impressionismus herbei. Monet, Renoir, Pissarro, Sisley e tutti quanti sitzen als Pappkameraden in der Kneipe, um stumm den Wortwechseln beider Helden zu lauschen – Kunstgeschichte als name dropping.

 

Schludriges Desinteresse am Zeitkolorit zeigt sich auch bei Ausstattungs-Fehlern. Betrachten die Protagonisten in der Provence nahe Aix die Montagne Saint-Victoire, deren Gebirge Cézanne vielfach malte, ist im Mittelgrund deutlich ein Stahlbeton-Staudamm zu erkennen. Steigen Zola und sein Freund palavernd eine Montmartre-Gasse hinab, prangt am Straßenrand ein Plakat im Stil von Toulouse-Lautrec – er schuf solche Motive erst ab 1888. Gönnt sich die Künstler-clique ein opulentes Sommer-Picknick im Grünen, erklingt New Orleans Jazz – der wurde um 1900 populär. Alles egal; Hauptsache irgendwie altmodisch.

 

Etikettenschwindel mit Weltmarke

 

Bei solch freihändigem Umgang mit historischem Material verwundert nicht, dass auch der Titel in die Irre führt: „Meine Zeit mit Cézanne“ suggeriert, dass der Film Zolas Perspektive einnimmt. Tatsächlich verhält es sich umgekehrt: Meistens und im letzten Drittel ausschließlich geht es um Cézannes Sicht der Dinge. Sein Name ist eine weltweit bekannte Marke, und er als Kraftkerl eine farbige Figur, während der Ruhm des naturalistischen Vielschreibers Zola mittlerweile etwas verblasst ist.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Renoir“ – Biopic über den impressionistischen Maler Auguste Renoir und seinen Sohn, Filmregisseur Jean Renoir, von Gilles Bourdos.

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Esprit Montmartre. Die Bohème in Paris um 1900“ – grandioser Epochen-Überblick mit Zitaten von Émile Zola in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main

 

und hier eine Besprechung des Films „Das Mädchen und der Künstler“ – gelungenes Dokudrama über den Bildhauer Aristide Maillol von Fernando Trueba

 

und hier einen Beitrag über den Film „Mr. Turner – Meister des Lichts“ – brillantes Biopic über den proto-impressionistischen Maler William Turner von Mike Leigh.

 

Deshalb hat er ab Mitte des Films nur noch sporadische Auftritte: Plötzlich wird er wohlhabend, kauft sich 1878 ein Landhaus in Médan nördlich von Paris und stopft es mit Antiquitäten voll. Kein Wunder, dass bei Besuchen Cézanne ihm Spießertum vorwirft – während Zola seinen Freund dafür verachtet, dass er von väterlichen Schecks lebt, weil seine Bilder keinen Anklang finden.

 

Dreyfus-Affäre als kurze Fußnote

 

Den Konflikt von diszipliniertem bourgeois gegen verkrachte Künstler-Existenz walzt der Film gehörig aus: mit Cézanne als ewigem Rebell, der meist allein auf einem geerbten Familien-Landgut haust, wortreich alle Welt beleidigt und rastlos an seiner Malerei feilt. Worin die Singularität und kunstgeschichtliche Bedeutung seines Stils besteht, interessiert Regisseurin Thompson allerdings nicht. Er ist ein Original-Genie; das muss reichen.

 

1886 veröffentlichte Zola den Roman „Das Werk“; dessen Hauptfigur, ein gescheiterter Maler, begeht am Ende Selbstmord. Darin sah sich Cézanne bösartig karikiert: Er brach den Kontakt zum Autor ab – was Thompson melodramatisch als Abschieds-Treffen inszeniert. Dagegen reicht sie Zolas berühmtesten Auftritt von 1898 – sein offener Brief „J’accuse…!“ zur Dreyfus-Affäre löste eine Staatskrise aus – achtlos als kurze Fußnote nach.

 

Apart bebilderter Mythos

 

Stattdessen verweilt der Film bei Cézanne als altem Grantler – obwohl er in seinem letzten Lebensjahrzehnt großen Erfolg hatte und seine Gemälde hohe Preise erzielten. Doch das passt schlecht zur Legende vom unverstandenen Visionär. Wer solche romantischen Mythen liebt und apart bebildert sehen möchte, wird hier bestens bedient.


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