Ben Affleck

The Accountant

Die Welt als Rechenexempel: Christian Wolff (Ben Affleck) führt als Finanz-Prüfer die Buchhalterin Dana Cummings (Anna Kendrick) seine Kalkulationen vor. Foto: © 2016 Warner Bros. Pictures

(Kinostart: 20.10.) Vom Zahlen- zum Panzerknacker: Ein autistisches Mathe-Genie steigt zum Geldwäscher von Top-Mafiosi auf – bis er in eine große Verschwörung gerät. Meditativer Action-Thriller mit wohltuend wenig Gewalt von Regisseur Gavin O’Connor.

Manchmal ist es gut, dass sich der deutsche Verleih einer Hollywood-Produktion für den Originaltitel entscheidet. Wer würde bei einem Titel wie „Der Buchhalter“ schon an action denken? „The Accountant“ klingt jedenfalls nach mehr als nur endlosen Zahlenreihen und Abrechnungs-Bögen, auch wenn im neuen Film des Regisseurs Gavin O´Connor beides eine wichtige Rolle spielt.

 

Info

 

The Accountant

 

Regie: Gavin O’Connor,

128 Min., USA 2016;

mit: Ben Affleck, J.K. Simmons, Anna Kendrick

 

Engl. Website zum Film

 

Christian Wolff (Ben Affleck) kennt sich mit Zahlen und Bilanzen bestens aus. Er betreibt ein kleines Steuerbüro irgendwo im Gewerbegebiet, in dem er sich um Steuererklärungen seiner ländlichen Klientel kümmert. Was nur Fassade ist: Als gewiefter Buchhalter mit Talent für kreative Gesetzes-Auslegung fälscht er Bilanzen in großem Stil. Seine Auftraggeber sind Top-Mafiosi in aller Welt, darunter Waffenschieber und Terroristen. Das macht seinen eigentlich öden job ziemlich gefährlich. Ansonsten führt der kontaktscheue Mann ein regelmäßiges, abgezirkeltes Leben im spartanischen Reihenhaus.

 

Mysteriöse Todesfälle

 

Irgendwann gerät der mathematisch hochbegabte Autist ins Visier des erfahrenen Steuerfahnders Ray King (J.K.Simmons); deshalb nimmt Wolff zur Tarnung einen Auftrag in  einer großen Robotik-Firma an, die Prothesen herstellt. Deren Bilanzen zeigen Fehlbeträge in Millionenhöhe. Die Ursache ist schnell gefunden, aber dann laufen die Dinge aus dem Ruder: Ein gewaltsames Massensterben setzt ein.

Offizieller Filmtrailer


 

Autismus als Superkraft

 

Im action genre eine noch nicht erzählte Variante zu finden, ist nicht einfach – vor allem, wenn weder Superhelden noch Außerirdische involviert sind. Mit „The Accountant“ verfolgt Regisseur Gavin O’Connor jedoch einen speziellen Ansatz: Wolffs Hochbegabung wird als eine Art Superkraft inszeniert, die den scheuen Helden aus der Masse heraushebt.

 

Im Gegensatz zum gewöhnlichen Film-Autisten ist er sogar wehrhaft. Sein Vater, ein Ex-Offizier mit sadistischen Zügen, hielt nichts von einer Sonderbehandlung für seinen Sohn. Rückblenden zeigen, wie er Christian und dessen normalen Bruder mit geradezu militärischen Methoden zu Selbstverteidigungs-Kampfmaschinen drillt. Deshalb fällt es dem Buchhalter leicht, mit einer Horde Totschläger fertig zu werden, oder nebenbei seine Kollegin Dana Cummings (Anna Kendrick) zu retten, die ebenfalls ein Mathegenie ist.

 

Wolff im Schafspelz

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ – virtuoser Medien-Thriller mit Ben Affleck von David Fincher

 

und hier einen Bericht über den Film „The Big Short“ – brillant vielschichtige Analyse der Finanzkrise 2007/8 von Adam McKay mit Christian Bale und Ryan Gosling

 

und hier einen Beitrag über den Film „Money Monster“ – sarkastischer Finanzmarkt-Thriller mit George Clooney von Jodie Foster.

 

Einen interessanten twist erhält der Film dann mit der Verquickung von Finanzkriminalität und blutigen Kapitalverbrechen, obwohl Wolff daran nur mittelbar beteiligt ist. Unschuldig ist er aber keineswegs. In der Vergangenheit ließ er sich einiges zuschulden kommen; nicht von ungefähr benutzte er zur Tarnung mehrfach die Namen berühmter Mathematiker.

 

Ben Affleck scheint mit seinem bekannt reduzierten Minenspiel wie geschaffen für die Rolle eines Autisten, macht aber in den wenigen action-Szenen immer noch eine bessere Figur als beim Rechnen. Die Vorprägung durch seine Superhelden-Rollen in „Daredevil“ und „Batman“ ist wohl zu stark. Seine Mit- und Gegenspieler, allen voran Anna Kendrick als Wolffs weiblicher sidekick und love interest, machen das aber wett.

 

Häuslicher showdown

 

Die story springt häufig zwischen Rückblenden und laufendem Geschehen hin und her; der plot ist reich an Wendungen, die jedoch nur wenig überraschen. Dabei gibt es wohltuend wenige der genre-üblichen, schnell geschnittenen Verfolgungsjagden; selbst der showdown findet ausschließlich in einem Haus statt. Insgesamt hätte aus diesem Projekt mehr werden können als ein etwas gemächlicher action-Film mit einer interessanten Hauptfigur – nur hätte sie ein anderer Schauspieler verkörpern müssen.


Diesen Artikel drucken