Ewan McGregor

Amerikanisches Idyll

Paketbombe mit Zeitzünder: Das kleine Postamt von Old Nimrock wird im Morgengrauen hochgejagt. Foto: Tobis Film

(Kinostart: 17.11.) Wenn ein Traum im Postamt explodiert: Mit der Bombe zerstört eine Tochter das Leben ihres Vaters. Star-Schauspieler Ewan McGregor führt erstmals Regie – seine Verfilmung des Romans von Philip Roth seziert schonungslos die US-Gesellschaft.

Die Sehnsucht nach Idyllen steckt tief in der menschlichen Natur – obwohl sie bekanntlich trügerisch sind. Einem solchen Idyll gleicht das Leben von Seymour Levov (Ewan McGregor), der wegen seiner großen Statur mit blauen Augen und blonden Haaren „Der Schwede“ genannt wird: Der ehemalige Sport-champion hat von seinem Vater eine gutgehende Handschuh-Fabrik in Newark geerbt.

 

Info

 

Amerikanisches Idyll

 

Regie: Ewan McGregor,

102 Min., USA 2016;

mit: Ewan McGregor, Jennifer Connelly, Dakota Fanning

 

Website zum Film

 

Er lebt gemeinsam mit seiner Frau Dawn (Jennifer Connelly), einer früheren „Miss New Jersey“, und Tochter Meredith „Merry“ (Dakota Fanning) in der nahen, fiktiven Kleinstadt Old Rimrock in einem stattlichen home sweet home. In der Nachkriegszeit strotzen die USA vor Selbstbewusstsein und Zukunftsoptimismus; alles scheint perfekt.

 

Stottern als einziger Makel

 

Dann kommen die 1960er Jahre: mit dem Vietnam-Krieg, Studenten-Revolten und dem Kampf der Schwarzen um ihre Bürgerrechte. Des Traumpaares Töchterchen, dessen einziger Makel ihr hartnäckiges Stottern ist, wird erwachsen; sie wendet sich radikal gegen die Welt ihrer Eltern. Mit einer selbstgebauten Bombe sprengt Merry nicht nur das Postamt von Old Rimrock, sondern auch das elterliche Idyll in die Luft. Dabei nimmt sie den Tod eines Menschen billigend in Kauf.

Offizieller Filmtrailer


 

Zeitbezug durch Archiv-Aufnahmen

 

„Amerikanisches Idyll“ ist die kongeniale Verfilmung des gleichnamigen Romans von Philip Roth, für den der US-Schriftsteller 1998 den Pulitzer-Preis erhielt. Die Hauptrolle übernimmt der Brite Ewan McGregor; er führt zum ersten Mal auch Regie. Seine Adaption bleibt sehr nah an Roths eindringlicher Vorlage: Dem Drehbuch gelingt das Kunststück, die stark mäandernde Roman-Handlung zu verdichten und zugleich seine Essenz ohne Abstriche auf die Leinwand zu bringen – eine selten geglückte Literaturverfilmung.

 

Der Film seziert schonungslos den american dream; er entpuppt sich als Albtraum. Das Auseinanderbrechen der Familie Levov verweist auf Gräben der US-Gesellschaft, die bis heute nicht überwunden sind: zwischen ethnischen Gruppen, sozialen Schichten, religiösen und ideologischen milieus. Diesen Zeitbezug betont McGregor als Regisseur durch wohldosiert in die Handlung eingestreute Archiv-Aufnahmen, etwa von Rassenunruhen.

 

Geradliniger Sympathieträger

 

Als Hauptdarsteller spielt er den „Schweden“ als herzensguten und aufrechten Familienvater, der in seine geordnete Welt eingebettet ist. Ihn macht fassungslos, dass seine geliebte Tochter und deren Freunde in ihm die Verkörperung der patriarchalen und bigotten USA sehen, wodurch er zur Zielscheibe ihres Protests wird.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „The Company You Keep – Die Akte Grant“ – vielschichtiger Polit-Thriller über die US-Terroristen „The Weathermen“ in den 1970er Jahren von und mit Robert Redford

 

und hier eine Besprechung des Films „The Black Power Mixtape 1967 – 1975“ – fesselnde Doku über die US-Bürgerrechts-Bewegung von Göran Hugo Olsson

 

und hier einen Beitrag über den Film „Night Moves“Ökoterrorismus-Thriller unter US-Aussteigern in Oregon von Kelly Reichardt mit Dakota Fanning

 

und hier einen Bericht über den Film „Verräter wie wir“ – Mafia-Agenten-Familien-Thriller von Susanna White mit Ewan McGregor.

 

Die Erklärung von Merrys Psychologin, das Stottern seiner Tochter sei eine Reaktion auf die unerreichbare Perfektion ihrer Eltern, hält ihr Vater schlicht für Blödsinn. Dabei ist Seymour keineswegs beschränkt. Doch seine Geradlinigkeit unterscheidet ihn von den meisten Mitmenschen und macht ihn gleichsam blind für anderer Leute Doppelbödigkeit – und zum Sympathieträger des Films.

 

Neues Leben mit facelifting

 

Dagegen verhalten sich seine Tochter und ihre clique, die vermeintlich für „das Gute“ kämpfen, im direkten Umgang gefühllos und zerstörerisch. So taucht nach Merrys Verschwinden plötzlich eine angebliche Freundin von ihr auf: Sie erpresst den Vater und versucht außerdem, ihn zu demütigen.

 

Während sich Ehefrau Dawn in ein neues Leben mit facelifting, umgebautem Haus und Liebhaber flüchtet, zerbricht Seymour an der Frage, was er als Vater bei der Erziehung seiner Tochter falsch gemacht hat. Er wollte für sie stets nur das Beste und kann nicht aufhören, sie zu lieben – doch sie ist ihm völlig fremd geworden.

 

Farbenwechsel nach Attentat

 

Das bis in die Nebenrollen exzellent besetzte ensemble bewegt sich in einem sorgfältig rekonstruierten ambiente, dessen Bildgestaltung der vorherrschenden Atmosphäre entspricht. Im ersten, harmonischen Teil dominieren warme Töne; sie schlagen nach Merrys Attentat in kalte, kontrastreiche Farben um. Damit wird der Film zur ergreifenden Tragödie über den Verlust individueller und kollektiver Illusionen: Durch ihn erfährt man mehr über das heutige Amerika als in 100 Analysen des gerade abgelaufenen Präsidentschafts-Wahlkampfs.


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