Denis Villeneuve

Arrival

Louise Banks (Amy Adams) nimmt ersten Kontakt zu den Außerirdischen auf. Foto: Sony Pictures Releasing GmbH
(Kinostart: 24.11.) Reden ist immer die Lösung: Aus dem Erstkontakt mit Aliens macht Regisseur Denis Villeneuve einen faszinierend intelligenten SciFi-Psychothriller über einen Gesprächs-Marathon – im herrschenden Digital-Wahn fast ein Aufruf zur Konterrevolution.

The revolution will be televised: Die renommierte Linguistin Louise Banks (Amy Adams) muss ihre Vorlesung abbrechen, weil ihre Uni evakuiert wird. Soeben sind an zwölf Orten rund um die Erde außerirdische Raumschiffe gelandet, wie alle TV-Kanäle als breaking news verkünden. Ihre fiebrige, zusehends plakative Berichterstattung über dieses mega event wird diesen Film wie ein Grundrauschen begleiten: Kein Ereignis ohne media coverage.

 

Info

 

Arrival

 

Regie: Denis Villeneuve,

116 Min., USA 2016;

mit: Amy Adams, Jeremy Renner, Forest Whitaker

 

Website zum Film

 

Schon am nächsten Tag steht die Staatsmacht in der Tür von Banks' Hochschul-Büro: in Gestalt von Colonel Weber (Forest Whitaker), der sie für ein Sonderkommando im Regierungs-Auftrag rekrutiert. Gemeinsam mit dem Mathematiker Jeremy Renner (Ian Donnelly) soll Banks Kontakt zu den unbekannten Besuchern aufnehmen, um herauszufinden, was sich über sie herausfinden lässt.

 

Besuch in 400-Meter-Miesmuschel

 

Die Landestelle der aliens auf US-Gebiet gleicht längst einem Militärlager: mit weiträumiger Absperrung, Sicherheitsschleusen und Feldlazarett. Allerdings ähnelt der modus operandi eher dem bei Natur- oder Nuklear-Katastrophen: Spezialisten in unförmigen Schutzanzügen tasten sich vorsichtig voran, um ein Bild der Lage zu gewinnen. Aufregend ist allein Banks' Antrittsbesuch im Raumschiff, das wie eine 400 Meter hohe Miesmuschel aufrecht über dem Boden schwebt. Da wird mal eben die Schwerkraft außer Kraft gesetzt.

Offizieller Filmtrailer


 

Psycho thriller über Konferenz-Marathon

 

Auch die erste Begegnung mit den ganz Anderen from outer space beeindruckt: Hinter Glas erscheinen in einer Art milchigem Plasma schemenhafte Wesen, die entfernt an Tintenfische erinnern. Sie sind ähnlich agil, aber weniger schreckhaft und konzentriert bei der Sache. Denn nun beginnt eine Reihe langwieriger und komplizierter Vorstellungs-Runden: Zwei Existenzformen, die nicht das Geringste voneinander wissen, wollen sich ins Benehmen setzen.

 

Bis hierher konnte sich Regisseur Denis Villeneuve noch auf science fiction-Konventionen zum Umgang mit Außerirdischen verlassen. Von nun an wagt er sich ins Offene – dabei gelingt ihm etwas Unglaubliches: Sein genre-Film mutiert zum atemberaubenden psycho thriller über einen Konferenz-Marathon. Wie bei Verhandlungspoker üblich, treffen sich die Teilnehmer regelmäßig, tasten ihre Positionen und Motive ab, stellen fest, dass noch allerhand zu klären ist – und verabreden ihr nächstes Treffen. Und der Zuschauer sieht gebannt zu.

 

Space squids spritzen Kalligraphie-Kreise

 

Er wird Zeuge einer echten creatio ex nihilo: Zwischen Diskutanten, die sich fremder nicht sein könnten, entsteht ein rudimentärer Kommunikations-code. Mathematiker Renner will sich über Formeln austauschen; er vertraut als Naturwissenschaftler auf die Universalität kosmischer Naturgesetze. Doch Linguistin Banks überzeugt ihn, den Colonel und die übrige irdische Öffentlichkeit, dass man zunächst grundlegende Sprach-Elemente vereinbaren muss: Subjekt – Prädikat – Objekt – alles klar?

 

Dass sich die space squids aus Zeitgründen als ungemein verständigungsbereit, mitteilsam und lernfähig erweisen, versteht sich. Zudem tragen sie ihr Schreibgerät stets bei sich. Damit spritzen sie kalligraphische Kreise samt fraktalartiger Ausbuchtungen an die Glaswand – wobei der Gebrauch solch "nichtlinearer Schrift" bei Wesen mit anderem Zeitverständnis durchaus denkbar erscheint.

 

Hermeneutik sticht Informatik aus

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "The Visit – eine ausserirdische Begegnung" – Experten-Doku über möglichen Alien-Kontakt von Michael Madsen

 

und hier eine Besprechung des Films "Sicario" – vielschichtiger Thriller über den „Krieg gegen Drogen“ an der US-mexikanischen Grenze von Dennis Villeneuve

 

und hier einen Bericht über den Film "Enemy" – klaustrophobischer SciFi-Psycho-Thriller als Verfilmung eines Romans von José Saramago durch Denis Villeneuve

 

und hier einen Beitrag über den Film "The Whispering Star" – wunderbar elegisches SciFi-Kammerspiel über einen interstellaren Paketdienst von Sion Sono.

 

Es erlaubt ihnen überdies, ihrer Diskussions-Partnerin Banks Zukunfts-Visionen ihres Familienlebens einzuflößen – geschenkt, ein wenig human interest darf sein. Dass der countdown läuft, weil weniger diskutierfreudige Chinesen und Russen drohen, die UFOs über ihrem Territorium in die Luft zu jagen, ist wohl als Zugeständnis an populäre suspense-Vorstellungen unvermeidlich. Doch der Ernstfall bleibt einem erspart: kein shoot shoot bang bang.

 

Unfassbar spannend wird dagegen der unspektakuläre Informationsaustausch, bei dem die Linguistin allmählich begreift, wie ihre Gegenüber ticken – so gut, dass sie darüber später einen Sprachführer verfassen wird. Womit der frankokanadische Regisseur Denis Villeneuve im aktuellen Kulturkampf diskret, aber eindeutig Stellung bezieht: Einvernehmen lässt sich nicht durch immer monströsere Rechenmaschinen herstellen, sondern nur durch konstruktives Gespräch. Wie das geht, lehrt die philosophische Disziplin der Hermeneutik; die Kunst des Verstehens.

 

Gegen Digitalisierungs-Wahn

 

Nicht Zahlen sind Träger von Bedeutung, sondern an Worte gebundener Sinn: Der computer, in den dieser Text getippt wird, hat keine Ahnung, worum es darin geht. Nach drei Jahrzehnten Digitalisierungs-Wahn, der mit big data mining die Welt umkrempeln will, ist dieses Plädoyer für die altehrwürdigen Geisteswissenschaften schon fast ein Aufruf zur Konterrevolution.


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