Ken Loach

Daniel Blake wäre für den Brexit

Regisseur Ken Loach am Set von "Ich, Daniel Blake". Foto: © 2016 PROKINO Filmverleih GmbH
Der Held des neuen Films von Ken Loach kämpft gegen ein zynisches Sozialsystem, das ihm jede Hilfe verweigert. Das sei symptomatisch für den Zerfall der britischen Gesellschaft, so der Regisseur: Die Wirtschaft stehle sich aus ihrer Verantwortung für die Beschäftigten.

Was hat Sie dazu angeregt, mit „Ich, Daniel Blake“ einen Film über das britische Gesundheits- und Sozialsystem zu drehen?

 

Ich habe immer wieder Geschichten gehört, was mit diesem System nicht mehr stimmt und Menschen deswegen durchmachen müssen. So haben mein Drehbuchautor Paul Laverty und ich uns immer mehr mit diesem Thema beschäftigt. Wir sind durch mehrere Städte in den midlands, im Nordosten, in Schottland und natürlich auch London gezogen, um Menschen zu begegnen, die in job centers und in karikativen Einrichtungen arbeiten, in denen Lebensmittel kostenlos an Bedürftige verteilt werden.

 

Info

 

Ich, Daniel Blake

 

Regie: Ken Loach,

100 Min., Großbritannien/ Frankreich/ Belgien 2016;

mit: Dave Johns, Hayley Squires, Dylan McKiernan

 

Website zum Film

 

Was man uns berichtet hat, wurde immer extremer; zugleich gab es ein unglaubliches Bedürfnis, darüber zu sprechen. Doch öffentliche Diskussionen finden über das, was gerade passiert, merkwürdigerweise nicht statt. Also sagten wir uns: Wir müssen das jetzt in einem Film umsetzen. Paul schrieb dazu ein Drehbuch mit zwei Hauptfiguren, und dann legten wir los.

 

Lebensmittel-Spende im Supermarkt

 

Waren Sie selbst überrascht, wie schlimm die Situation ist?

 

Natürlich bin ich dafür sensibilisiert; ich habe aber auch nur das mitbekommen, was in meiner unmittelbaren Umgebung passiert. Etwa wenn man in den Supermarkt geht und dort eine Tasche findet, in der man etwas für die Lebensmittel-Ausgabe spenden kann. Aber das ganze Ausmaß der Misere hatte ich nicht verstanden; das erfasste ich erst, als wir britische Städte bereisten.

Offizieller Filmtrailer


 

Job center verlangt Arbeit ohne Lohn

 

Haben Sie ein dafür Beispiel?

 

Paul hatte sich mit einem Mann angefreundet, der seit drei Jahren damit leben muss, keinerlei Unterstützungs-Zahlungen zu bekommen. Er ist ein intelligenter Mann, der hochbezahlte Jobs übernehmen könnte. Aber er weigerte sich, auf die Forderungen des job center einzugehen. Um weiterhin seine Sozialhilfe zu bekommen, sollte er in einer Fabrik ohne Lohn arbeiten. Er sagte aber, er wäre mehr wert und erwarte, dass man ihn für seine Arbeitsleistung auch anständig bezahlen sollte. Daher wurde er mit Sanktionen bestraft.

 

Minister als grimmiger Hohepriester

 

Gab es dieses System von Sanktionen in Großbritannien schon immer, oder wurde es zu einem bestimmten Zeitpunkt eingeführt?

 

Unter der Labour-Regierung von Premierminister Tony Blair gab es das sicherlich auch schon, aber es hat sich verschlimmert. Der große Wendepunkt kam 2010, als Ian Duncan Smith von den Tories neuer Arbeitsminister wurde. Wie ein grimmiger Hohepriester drohte er all jenen Bestrafungen an, die ihre Arbeit verloren haben.

 

Er hat das System brutalisiert: So wurde den Mitarbeitern in job centers untersagt, einfach mal ihren PC-Monitor zum Arbeitssuchenden herumzudrehen, um ihm zu zeigen, dass es hier und dort noch freie Stellen gibt. Das ist ihnen heute strengstens untersagt.

 

Keine Vollzeit-Arbeitsplätze mehr

 

Ist der Zusammenbruch von Sozialsystem nicht derzeit überall in der westlichen Welt zu beobachten, wodurch den Leuten klar wird, dass der Kapitalismus so nicht mehr funktioniert?

 

Ich denke, es ist das eigentliche Problem, weshalb gerade überall Massenarbeitslosigkeit entsteht. Länder wie Spanien und Griechenland sind davon noch viel härter betroffen. Das Wirtschaftssystem ist in völliger Schieflage: Es braucht zwar Konsumenten, die immer wieder neue Dinge kaufen, aber es will sie nicht mehr als Arbeitnehmer beschäftigen.

 

Viele Menschen sind nur noch teilzeitbeschäftigt; sie arbeiten nur noch ein bis zwei Tage in der Woche, weil es keine Vollzeit-Arbeitsplätze mehr für sie gibt. Ein weiteres Krisen-Phänomen, das zumindest in Großbritannien große Bedeutung hat, sind die so genannten Scheinselbständigen und Aufstocker.

 

Fünf Millionen Aufstocker in Großbritannien

 

Was meinen Sie damit? 

 

Zum Beispiel Pizza-Lieferanten, die zwar nur für eine Pizza-Firma arbeiten, aber formal selbstständig sind – so dass ihnen weder Urlaubsgeld noch Lohnfortzahlung im Krankheitsfall zustehen; sie tragen also alle Risiken allein. Weil sie von ihrem geringen Einkommen nicht leben können, benötigen sie Unterstützung durch den Staat; ihr Lohn wird aus Steuergeldern aufgestockt. Das betrifft in Großbritannien mehr als fünf Millionen Menschen – eine riesige Zahl, wie ich finde.

 

Siegerfilm wird weniger ignoriert

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Ich, Daniel Blake" von Ken Loach

 

und hier eine Bespechung des Films "Jimmy’s Hall" – Klassenkampf-Drama im Irland der 1930er Jahre von Ken Loach

 

und hier einen Bericht über den Film "Angels’ Share – Ein Schluck für die Engel" – feuchtfröhliche Whisky-Komödie von Ken Loach

 

und hier eine Rezension des Films "Parked – Gestrandet" – feinfühliges Kammerspiel über Obdachlose in Irland von Darragh Byrne

 

und hier einen Beitrag über den Film "Die eiserne Lady" – Biopic über Margaret Thatcher von Phyllida Lloyd.

 

Was bedeutet es Ihnen, dass „Ich, Daniel Blake“ beim Festival in Cannes als bester Film mit der Goldenen Palme ausgezeichnet worden ist?

 

Das hilft unserem Film sehr, denn das Vertrauen aller Beteiligten wurde honoriert. Die Verleiher vertrauen dem Film, indem sie ihn vermarkten, die Kinos, indem sie ihn buchen und die Zuschauer, indem sie ihn sehen wollen. Es hat dem Film einen großen Schub an Aufmerksamkeit verschafft. Im normalen Kinogeschäft haben es solche Filme eher schwer, aber als Cannes-Sieger kann „Ich, Daniel Blake“ nicht so einfach ignoriert werden.

 

EU als ökonomisches Projekt

 

Was denken Sie: Hätte der arbeitslose Daniel Blake für oder gegen den Brexit gestimmt?

 

Er hätte wohl dafür gestimmt, dass Großbritannien die EU verlässt, denn er lebt in einer Region im Nordosten, wo traditionelle Betriebe, Bergwerke und der Schiffsbau von einst verschwunden sind. Viele Menschen dort fühlen sich von der Politik entfremdet und glauben, dass es keine Fürsprecher mehr für sie gibt.

 

Hätten Sie Daniel Blake dennoch geraten, für den Verbleib in der EU zu stimmen?

 

Ich schwanke; mir scheint, dass die Europäische Union vor allem ein ökonomisches Projekt ist – es geht mehr ums Geschäft und weniger um Kulturen, Menschen und Freundschaften. Warum sollten Linke die EU unterstützen? Der einzige Grund für sie könnte sein, um sich mit anderen linken Bewegungen in Europa besser zu verlinken.


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